250.000 Jobs in Gefahr? Grüne warnen vor Folgen der Kapitalrente
Stand: 24.09.2026, 13:47 Uhr
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Ab 2028 soll ein staatlicher Aktienfonds die gesetzliche Rente ergänzen – doch wichtige Sicherheitsfragen bleiben offen. Das zeigt ein Dokument, das unserer Redaktion exklusiv vorliegt.
Berlin – Der Streit um die Zukunft der Altersvorsorge geht in eine neue Runde. Kern des Konflikts: Die Bundesregierung will die gesetzliche Rente um eine Aktien-Komponente ergänzen – und dafür die Rentenbeiträge anheben. Die schwarz-rote Koalition plant, neben dem klassischen Umlagesystem ab 2028 einen staatlich verwalteten Aktienfonds aufzubauen, angelehnt an das schwedische Modell der Prämienrente. Der Kapitalstock dafür soll aus Rentenbeiträge kommen. Sie sollen stufenweise um insgesamt zwei Prozentpunkte steigen, zu gleichen Teilen finanziert von Beschäftigten und Arbeitgebern. Bei wichtigen Details gibt es aber noch große Unsicherheiten.

Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, die unserer Redaktion vorab exklusiv vorliegt. So wollen die Grünen unter anderem wissen, von welcher konkreten Rendite die Regierung ausgeht – und welche konkreten Pläne es für den Fall von Aktieneinbrüchen oder Börsencrashs gibt. Das Arbeitsministerium von Bärbel Bas (SPD) weicht in den Antworten darauf weitgehend aus, verweist etwa zur Renditefrage auf den Bericht der Alterssicherungskommission, die Vorschläge zur Rentenreform erarbeitet hatte. „Sie hat der Bundesregierung keine darüber hinausgehenden Unterlagen zur Verfügung gestellt“, heißt es lediglich.
Kapitalrente und Risiken: Bundesregierung gibt sich zugeknöpft
Außerdem wollen die Grünen wissen: „Wie beurteilt die Bundesregierung die Risiken für die Rentenjahrgänge, deren Renteneintritt in die Phase einer besonders schlechten Wertentwicklung der Kapitalanlage fällt (...)?“ Konkret: Was passiert mit der Rente von Menschen, die ausgerechnet dann in Rente gehen, wenn sich gerade ein Börsencrash ereignet? Ist dieser Teil der Rente dann verloren? Zu dieser und einem ganzen Block von rund 20 weiteren Fragen zu Sicherungsdetails schreibt das Ministerium nur: „Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erarbeitet derzeit die Regelungen zur Umsetzung der Kommissionsempfehlungen. Der konkreten Ausgestaltung der gesetzgeberischen Umsetzung der Kommissionsempfehlungen sowie deren Wirkungen kann nicht vorgegriffen werden.“
Ein Unding, findet der rentenpolitische Sprecher der Grünen, Armin Grau. „Die Bundesregierung gibt sich bei den Fragen zur Kapitalrente zugeknöpft, lässt jedoch schwerwiegende Fehleinschätzungen bei diesem Thema erkennen“, sagt Grau im Gespräch mit unserer Redaktion. Das Konstrukt werde fatale Folgen für die Wirtschaft in einer ohnehin angespannten Lage haben, so Grau. Er verweis auf einen Bericht des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Das WSI warnt vor Einschnitten in der Gesamtwirtschaft, wenn die Kapitalrente kommt.
Die These: Durch die höheren Beiträge sinkt einerseits die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger, dazu kommen höhere Lohnkosten für die Unternehmen. Insgesamt könnte so das Wirtschaftswachstum ab 2028 um einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. Die Folge: eine massive Bremse für den Arbeitsmarkt, 250.000 Jobs könnten in den Folgejahren wegbrechen, so die These. „Die Bundesregierung ignoriert insgesamt die negative Wirkung erhöhter Beitragssätze auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigtenzahlen. Das ist wirtschaftspolitisch nicht verantwortungsvoll“, sagt Rentenexperte Grau.
Auch die Renditeversprechen der Befürworter zieht der Grünen-Politiker in Zweifel. Im Umfeld der Kommission wird mit bis zu fünf Prozent realer Jahresrendite gerechnet. Grau verweist auf historische Daten der Großbank UBS, die für die vergangenen 25 Jahre im Schnitt eine globale Aktienrendite von 3,5 Prozent vor Kosten errechnet hat: „Demnach liegt der genannte Bereich oberhalb dieses realen Werts und ist keineswegs konservativ, sondern relativ optimistisch.“
Derweil verschließen sich die Grünen dem Grundgedanken einer zweiten Rentensäule nicht ganz. Die Kombination von umlagegedeckten und kapitalbasierten Finanzierungsformen könne dazu beitragen, unterschiedliche Risiken der Alterssicherung breiter zu verteilen, so Grau. Allerdings hapere es an der Finanzierung und konkreten Planung. (Quellen: Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Grünen, Armin Grau, WSI, eigene Recherchen)