Analyse Hertha-Sieg gegen Heidenheim
Teamgeist schlägt individuelle Qualität
- Hertha BSC gelingt der beste Ligastart seit 2018
- Die Berliner zeigten beim fulminanten 4:1-Heimsieg über den FC Heidenheim wieder eine starke Leistung
- Der Erfolg fußt erneut auf sehr guter Trainingsarbeit – ein Mechanismus, der bei Hertha alles andere als logisch ist
Hertha BSC ist nach zwei Spieltagen der neuen Spielzeit bereits nahezu Historisches gelungen. Die Berliner werden den Spieltag dank des 4:1-Heimsieges gegen den 1. FC Heidenheim definitiv unter den ersten fünf Plätzen der Zweitliga-Tabelle beenden. Seit dem Abstieg im Jahr 2023 waren die Berliner zu keinem Zeitpunkt besser als Rang sechs.
Nun sollte es kein Wunder sein, nach nur zwei Spieltagen recht weit oben in einer Tabelle zu stehen. Dass Hertha das nun aber erstmals seit vielen Jahren gelingt, steht ein Stück weit symbolisch dafür, dass im Berliner Westend womöglich neue Zeiten anbrechen. Erstmals seit 2018 sind die Blau-Weißen mit zwei Siegen in Serie in eine neue Saison gestartet.
Da, wo vor wenigen Tagen noch riesige Zweifel, Sorgen und Häme waren, machen sich nach sechs Punkten in zwei überzeugenden Auftritten allmählich Hoffnung, Euphorie und ein gewisser Unglaube breit. "Zwickt euch, wir führen 3:0", sagte Herthas Stadionsprecher zur Halbzeitpause gegen Heidenheim. Vermutlich ist so manch Berliner Arm vom ständigen Zwicken ebenfalls schon blau-weiß.
"Wir tun nicht, was wir trainieren"
Der 1. August 2025. Hertha ist zum Saisonauftakt beim FC Schalke 04 zu Gast. Die von Aufstiegsträumen getriebenen Berliner wollen ein erstes Statement setzen, gehen in Gelsenkirchen allerdings mit 1:2 unter. Hertha wurde an jenem Tag regelrecht aufgefressen und stolperte anschließend fortlaufend den eigenen Ansprüchen hinterher. Der passende Beginn für eine enttäuschende Spielzeit.
"Wir tun nicht, was wir absprechen. Wir tun nicht, was wir trainieren", polterte Hertha-Trainer Stefan Leitl nach der Partie im Spielerkreis. "Jeder macht sein eigenes Ding. Und das reicht nicht." Die Einblicke stammen aus der jüngst erschienen Saisondoku des Vereins. Der gesamte Film schreit regelrecht: So wollen wir nicht mehr sein.
Und so wagte Hertha – auch durch finanzielle Zwänge – im Sommer den Kahlschlag. 13 Abgänge, ein Neuzugang, viele hochgezogene Talente. Dazu ein neues Team ums Team und ein neuer, mutigerer Spielstil. Das Ziel ist nicht mehr der Aufstieg, sondern eine klar erkennbare Entwicklung. Hertha will sich gesundschrumpfen.
Eine perfekte erste Halbzeit
Hertha machte beim erfolgreichen Saisonauftakt in Bochum den Anfang. Nun knüpften die Hauptstädter nicht nur an den 1:0-Sieg an, sie übertrafen die Leistung aus der Vorwoche deutlich. Zumindest in der ersten Halbzeit. In jenen 45 Minuten zeigten die Berliner eine nahezu perfekte Leistung.
Und das, weil das Team die Trainingsinhalte direkt auf das Pflichtspiel übersetzen kann. Es sollte ein logischer Mechanismus sein, dass das Trainierte dann auch im Ernstfall zu sehen ist, doch wie schon der letztjährige Auftakt auf Schalke zeigte: so einfach ist es bei der "alten Dame" oft nicht. Gegen Heidenheim war Hertha vom Anpfiff weg die deutlich bessere, weil aktivere und strukturiertere Mannschaft.
Das 1:0 nach nur zwei Minuten fällt durch eine clevere, klar einstudierte Freistoßvariante. Hertha verwirrt Heidenheim durch einzelne Spielerpositionierung deutlich, Torschütze Sebastian Grönning kann sich dadurch davonstehlen und einnicken. Hier zeigte sich eine erste Wirkung von Herthas neuem Co-Trainer Andreas Schumacher, der auf Standardsituationen spezialisiert ist.
Das 2:0 (26.) ist zwar auch eine starke Einzelleistung von Marten Winkler, die Vorbereitung des Treffers ist allerdings ein klar einstudierter Spielaufbau im 3-2. Paul Seguin lässt sich immer wieder neben die Innenverteidiger fallen, Winkler oder Josip Brekalo füllen situativ im defensiven Mittelfeld auf, entziehen sich so der Manndeckung und haben Raum, mit dem Ball aufzudrehen.
Auch das 3:0 (35.) fällt durch ein einfaches, aber klares Muster. Außenverteidiger Deyovaisio Zeefuik beläuft immer wieder diagonal die Tiefe, ist so kaum zu decken. Vorlagengeber Winkler kennt diesen Lauf und muss so nicht lange überlegen, um den perfekten Chipball zu spielen. Dass Zeefuik den Ball anschließend so überraschend gekonnt ins Tor lupfte, passte zu den rauschartigen ersten 45 Minuten.
Blau-weiße Festspiele
Hertha tut endlich, was es trainiert. Im Ballbesitz waren die Hausherren stets gefällig, blieben für den Ballträger immer anspielbar und besetzten sehr clever die Halbräume. Heidenheim hatte große Probleme, die Blau-Weißen auf dem Weg nach vorne zu stoppen. Allen voran Brekalo und Winkler als verkappte Spielmacher auf dem Flügel waren kaum zu greifen.
Hertha zeigte klare Angriffsmuster und wurde dafür belohnt. Zudem gelang es Hertha im Vergleich zum Bochum-Spiel, Ruhephasen in den eigenen Ballbesitz einzubauen, um den Puls etwas zu senken und klar im eigenen Spiel zu bleiben. Etwas, das Trainer Leitl einforderte und die Mannschaft vom Trainingsplatz ins Spiel transportierte.
Gegen den Ball waren die Berliner erneut überaus griffig. Heidenheim konnte im ersten Durchgang kaum atmen, weil Hertha ununterbrochen anlief und störte. Der FCH hatte so keine Ruhe, Angriffe strukturiert aufzubauen. Zwei Schüsse aufs Tor und ein Expected-Goals-Wert von lediglich 0,18 waren in der ersten Halbzeit das Produkt herausragender (Gegen-)Pressingarbeit Herthas.
Die "alte Dame" belohnt sich derzeit dafür, die talentfreien Dinge des Fußballs konsequent umzusetzen. "Es ist aktuell nahezu perfekt, was die Einstellung, Leidenschaft und den Teamgeist betrifft", lobte Stürmer Luca Schuler nach Abpfiff.
Weniger aktiv, aber nicht passiv
Zur Wahrheit gehört, dass Gegner Heidenheim im ersten Durchgang überraschend schwach auftrat. So schwach, dass Trainer Frank Schmidt in der Halbzeitpause gleich vier Mal wechselte und so die Dynamik der Partie veränderte. Heidenheim kam wesentlich verbessert aus der Kabine, machte noch einmal Druck und Hertha durchaus Probleme. Der 1:3-Anschlusstreffer in der 49. Minute war der verdiente Lohn dafür.
Hertha musste sich sichtlich schütteln, wurde weniger aktiv, aber – anders als letzte Saison – nicht fahrlässig passiv. "Da dürfen wir nicht so hektisch werden und so viele Bälle verlieren. Aber die Phase haben wir überwunden, wieder Ruhe reinbekommen und verdient gewonnen", analysierte Seguin nach dem Schlusspfiff.
Trotz einer zwischenzeitlichen Nervosität ließ Hertha im gesamten zweiten Durchgang nur einen einzigen Schuss aufs Tor zu. Auf der anderen Seite machte Neuzugang Oluwaseun Adewumi nach einem Konter das 4:1, den Deckel auf die Begegnung und das erste Heimspiel im Olympiastadion zu einem perfekten Ereignis. "Es ist ein in der Höhe verdienter Sieg", so Heidenheims Trainer Frank Schmidt.
"Wenn jeder für den anderen kämpft und jeder dem anderen alles gönnt, sieht man, was dabei herauskommen kann. Dann verschiebt man als Mannschaft seine Grenzen nach oben", analysierte Herthas Innenverteidiger Niklas Kolbe mit einem klaren Wink an die vergangene Saison. Weniger Egos, eine bessere Gemeinschaft, eine klare Spielidee und weniger Erfolgsdruck - es scheint, als würde jener Cocktail Hertha ungeahnten Auftrieb verleihen. Einmal kneifen bitte.
Sendung: rbb|24, 15.08.2026, 17:20 Uhr
Audio: rbb|24, 15.08.2026, Guido Ringel
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