Alzheimer-Forschung mit überraschendem Befund: Strukturelle Veränderungen beginnen deutlich früher
Stand: 05.09.2026, 07:30 Uhr
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Eine überraschende Entdeckung legt nahe, dass entscheidende Alzheimer-Warnsignale lange bevor Ärzte sie erkennen können, sichtbar werden.
München – Veränderungen im Gehirn, die mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung stehen, können mehr als sieben Jahre einsetzen, bevor der Zustand mit den derzeitigen Bildgebungsverfahren festgestellt werden kann, wie neue Forschungsergebnisse zeigen. Über viele Jahre galt das Auftreten von Amyloid-Plaques in Amyloid-PET-Scans als frühestes nachweisbares Zeichen von Alzheimer.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com
Nun berichten Forschende jedoch, dass auf MRT-Aufnahmen sichtbare strukturelle Veränderungen lange vor diesen Plaques auftreten können, was darauf hindeutet, dass der Krankheitsprozess deutlich früher beginnt als bisher angenommen. Die Studie verfolgte kognitiv gesunde ältere Erwachsene, die keinerlei Anzeichen von Gedächtnis- oder Denkstörungen aufwiesen.
Die Teilnehmenden unterzogen sich über fast zwei Jahrzehnte wiederholt MRT‑Gehirnscans. Im Verlauf der Studie entwickelten einige Teilnehmende schließlich Amyloid-Plaques, während andere keine derartigen Ablagerungen aufwiesen. Diese Langzeitbeobachtung ermöglichte es den Forschenden, subtile Veränderungen im Gehirn zu identifizieren, bevor klassische Alzheimer-Marker sichtbar wurden.

Die Forschenden bestimmten zunächst den Zeitpunkt, zu dem Plaques erstmals auf PET-Scans nachweisbar waren, und untersuchten anschließend die MRT-Aufnahmen der vorangegangenen zehn Jahre.
Sie stellten fest, dass Personen, die später Plaques entwickelten, bereits Jahre zuvor messbare strukturelle Veränderungen in ihren Gehirnen aufwiesen. Diese Veränderungen betrafen insbesondere die kortikale Dicke in bestimmten Hirnregionen, die bei Alzheimer typischerweise früh in Mitleidenschaft gezogen werden.
Frühe strukturelle Veränderungen im Gehirn
Den Ergebnissen zufolge traten diese Veränderungen mindestens sieben Jahre auf, bevor Amyloid-Plaques auf bildgebenden Verfahren sichtbar wurden. Die Forschenden erklärten, dass dies das früheste bislang entdeckte hirnbildgebende Signal darstellt, das mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht werden kann.
Diese zeitliche Vorverlagerung des beobachtbaren Krankheitsprozesses stellt bisherige Annahmen über den Beginn der Erkrankung grundlegend infrage und könnte die Diagnostik in Zukunft erheblich beeinflussen. Die Resultate der Studie, die in Nature Neuroscience veröffentlicht wurde, werfen wichtige Fragen dazu auf, wie Wissenschaftler den Beginn der Krankheit definieren.
Wenn Alzheimer-typische Veränderungen bereits einsetzen, bevor Plaques auf Scans sichtbar werden, könnten derzeitige Methoden einen erheblichen Teil des Krankheitsprozesses übersehen. Dies hat direkte Konsequenzen für klinische Studien, die häufig auf den Nachweis von Amyloid-Plaques angewiesen sind, um Patientengruppen zu bestimmen.
Laut den Forschenden weisen die Ergebnisse auf zwei mögliche Erklärungen hin. Eine Möglichkeit ist, dass biologische Prozesse, die mit Alzheimer verbunden sind, bereits aktiv sind und das Gehirn beeinflussen, bevor Plaques nachweisbar werden.
Diese Prozesse könnten entweder zur Bildung von Plaques beitragen oder parallel zu sehr frühen, plaqueassoziierten Veränderungen ablaufen, die mit den derzeitigen Bildgebungstechniken noch nicht erkannt werden können. Damit rückt der Fokus stärker auf die allerersten molekularen Schritte der Krankheit.
Alternative Krankheitsmechanismen und neue Therapieziele
Eine andere Möglichkeit ist, dass unterschiedliche biologische Mechanismen strukturelle Gehirnveränderungen auslösen, bevor es überhaupt zu einer Amyloid-Anreicherung kommt. Sollte sich dies bestätigen, könnte dies die Suche nach neuen therapeutischen Angriffspunkten über Amyloid-Plaques hinaus erweitern.
Forschende müssten dann verstärkt andere Signalwege und Zelltypen berücksichtigen, um ein umfassenderes Bild der frühen Krankheitsentwicklung zu erhalten. Dr. Lucy Hooper, niedergelassene Hausärztin und Mitgründerin von Coyne Medical, erklärte, die Ergebnisse könnten die bisherigen Vorstellungen darüber verändern, wann ein Eingreifen möglich ist.
Das Wissen, dass sich Alzheimer über viele Jahre hinweg entwickelt, bedeute, dass das Zeitfenster, in dem die Krankheit verhindert oder verzögert werden kann, größer sei, als man bislang angenommen habe. Dies könnte die Planung präventiver Strategien grundlegend beeinflussen.
„Dass sich Alzheimer über Jahre entwickelt, bedeutet, dass das Zeitfenster zur Verhinderung oder Verzögerung der Krankheit länger ist“, sagte Hooper gegenüber Newsweek.
Sie verwies darauf, dass frühere Studien bereits gezeigt haben, dass Veränderungen in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit und im Blut Jahrzehnte vor dem Nachweis eines Amyloid-Aufbaus in Hirnscans festgestellt werden können. Dies stützt die Annahme, dass Alzheimer lange vor dem Zeitpunkt beginnt, an dem konventionelle Bildgebung die Krankheit sichtbar macht.
Biologische Prozesse vor sichtbaren Plaques
Hooper sagte, mehrere biologische Prozesse könnten erklären, warum strukturelle Hirnveränderungen bereits auftreten, bevor Plaques nachweisbar sind. „Amyloid im Gehirn wird mit PET-Scans, einer speziellen Art von Hirnscan, nachgewiesen. Aber wir wissen, dass viele Veränderungen auftreten können, bevor Amyloid auf einem Scan sichtbar wird“, erklärte sie.
Diese frühen Prozesse könnten über Jahre hinweg fortschreiten und bereits die Grundlage für spätere, klar erkennbare Hirnschädigungen legen. Nach Hoopers Einschätzung können lösliche Formen von Amyloid empfindliche neuronale Verbindungen schädigen, lange bevor sie als die mit Alzheimer assoziierten Plaques sichtbar werden.

Sie fügte hinzu, dass Entzündungsreaktionen, Veränderungen in Immunzellen, Anpassungen in Blutgefäßen und Störungen des glymphatischen Systems des Gehirns allesamt unabhängig von der Plaque-Akkumulation auftreten können. Diese Faktoren könnten zusammengenommen erheblich zur frühen Hirnstrukturveränderung beitragen.
Die neuen Erkenntnisse könnten auch künftige Bemühungen zur Verbesserung von Diagnose und Behandlung beeinflussen. „Je mehr wir über die Biologie verstehen, desto besser werden wir Alzheimer diagnostizieren und hoffentlich verhindern können“, sagte Hooper. Sie betonte, dass eine präzisere Kenntnis der zeitlichen Abfolge und der beteiligten Mechanismen entscheidend sei, um Behandlungsstrategien optimal anzupassen und möglichst früh anzusetzen.
Bluttests, Biomarker und zukünftige Forschung
Hooper wies darauf hin, dass Bluttests auf Plasma p-tau217 bereits klinisch eingesetzt werden, um Alzheimer-Diagnosen zu beschleunigen, auch wenn es sich nicht um ein fehlerfreies Screening-Werkzeug handelt, da sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse auftreten können.
Diese Limitationen unterstreichen die Notwendigkeit, weitere und verlässlichere Biomarker zu identifizieren, die verschiedene Stadien der Krankheit abbilden können. Nur so lasse sich ein umfassendes und robustes Diagnosesystem etablieren. Die Identifizierung besserer biologischer Marker könnte laut Hooper Forschenden helfen, neue Therapien zu entwickeln, die darauf abzielen, Alzheimer zu reduzieren oder zu verhindern.
Während sich die meisten bisherigen Behandlungen auf Amyloid konzentriert haben, untersuchen Forschende zunehmend alternative Ansätze, die auf Entzündungsprozesse, Stoffwechselveränderungen und das glymphatische System abzielen. Diese breitere Perspektive könnte langfristig zu kombinatorischen Therapien führen, die mehrere Krankheitswege gleichzeitig adressieren.