An den Holocaust an Sinti und Roma zu erinnern, ist heute wichtiger denn je

Stand: 02.08.2026, 13:29 Uhr

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Gedenkstein im Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin.

Gedenkstein im Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin. © IMAGO/Christian Spicker

82 Jahre nach dem Massenmord an Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau schafft Europa es noch immer nicht, die Lehren der Geschichte in politisches Handeln zu übersetzen. Ein Gastbeitrag von Anna Mirga-Kruszelnicka

Im September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag, und die Alternative für Deutschland (AfD) liegt in Umfragen bei über 40 Prozent – in Reichweite einer absoluten Mehrheit. Mehr als 80 Jahre nachdem über 4.300 Sinti und Roma bei der Auflösung des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden, ist in Deutschland erneut eine Partei im Aufwind, die Roma offen stigmatisiert. Erst im April führte die AfD-Politikerin Enxhi Seli-Zacharias Parteimitglieder durch Gelsenkirchen, verteilte Besen an Menschen, die sie für Sinti und Roma hielt, und filmte, wie diese den Gehweg fegten: „Die Deutschen haben die Schnauze voll. Guck mal, wie das hier aussieht.“

2014 schrieb ich einen Text für die polnische Zeitung „Gazeta Wyborcza“, um auf den Holocaust an Sinti und Roma aufmerksam zu machen. Es war der 70. Jahrestag, und wir brachten im Rahmen der Initiative „Dikh he na bister“ (Schau hin und vergiss nicht) über 1.000 junge Roma und Nichtroma aus 25 Ländern nach Krakau und Auschwitz – die größte Zusammenkunft ihrer Art. Sie trug dazu bei, dass das Europäische Parlament im Jahr darauf den 2. August als Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma anerkannte.

Seitdem hat es zweifellos Fortschritte gegeben. Inzwischen begehen zahlreiche Länder den Tag mit staatlichen Gedenkveranstaltungen. Auch die Zahl der Gedenkstätten wächst, etwa durch ein neues Mahnmal am ehemaligen Vernichtungsort Lety u Písku in Tschechien – berüchtigt für die Schweinefarm, die bis 2018 auf dem Gelände stand.

Lückenhafte Fortschritte

Bildungsinitiativen haben sich vervielfacht. Zum einen, weil Roma aus Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie Aktivistinnen und Aktivisten zunehmend an der Gestaltung der Erinnerung beteiligt sind und darauf beharren, dass der Holocaust an den Sinti und Roma sichtbar bleibt. Zum anderen zeigte ein Bericht des Europarats, des Roma Education Fund und des Georg-Eckert-Instituts im Jahr 2020, dass Roma in Lehrplänen weitgehend fehlen oder als Opfer dargestellt werden, ohne Anerkennung ihrer Handlungsmacht, Geschichte oder ihres Widerstands. Als Reaktion verabschiedeten die Mitgliedstaaten des Europarats eine Resolution, die zur Überarbeitung von Schulbüchern und den Geschichtskanons ermutigt.

Doch die Fortschritte bleiben lückenhaft. Der Holocaust an den Sinti und Roma bleibt in den Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg eine Fußnote. Laut Schätzungen wurden über 500.000 Sinti und Roma von den Nationalsozialisten ermordet. Und doch werden Roma-Opfer allzu oft durch die Linse derselben Stereotype dargestellt, die einst ihre Verfolgung rechtfertigten. Ihre Einbindung in Museen, Gedenkstätten und Gremien bleibt die Ausnahme. Zeugnisse und Archive sind verstreut und oft schwer zugänglich, die Forschung ist unterfinanziert, und Hunderte Gedenkorte sind weiterhin unmarkiert.

Schlimmer noch: Rassismus prägt weiterhin das Leben von Roma in Europa und hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Roma erdulden Hass, Polizeigewalt sowie getrennte Unterbringung und Beschulung. Vorurteile bleiben tief verwurzelt. Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) verzeichnete für 2025 einen erneuten Anstieg auf 2.076 dokumentierte Fälle in Deutschland. In Griechenland und Slowenien sind Roma staatlicher Überwachung ganzer Wohnviertel ausgesetzt, Parteien in Portugal und Ungarn machen Roma für ihre politischen Zwecke zu Sündenböcken.

Doch es geht nicht nur um Roma. Es scheint, als schafften wir es als Gesellschaft nicht, die Lehren der Geschichte in politisches Handeln zu übersetzen.

Demokratische Standards geraten unter Druck. Nationalismus, Rassismus und Verschwörungstheorien halten erneut Einzug in den öffentlichen Diskurs. Hass wird normalisiert – nicht an den Rändern der Politik, sondern in ihrer Mitte. Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung stellen das Verständnis der Vergangenheit infrage und verschieben den gesellschaftlichen Konsens über ihre Schrecken. Künstliche Intelligenz bedroht die Erinnerungskultur durch Deepfakes oder die Manipulation von Archivmaterial.

In jenem Artikel von 2014 schrieb ich, wie ich in den Archiven des Auschwitz-Museums den Eintrag zu Anna Mirga entdeckte – eine Roma-Frau, die meinen Namen trug und in Auschwitz umkam. Ich fand Dutzende weitere Opfer mit meinem Nachnamen und Vornamen, die mir von meinen Cousins und Cousinen, Onkeln und Großeltern vertraut sind. Die Entdeckung machte aus abstrakter Geschichte etwas zutiefst Persönliches: Hätte ich 80 Jahre früher gelebt – hätte es mich treffen können?

Diese Frage hat mich nie losgelassen. Seit ich Mutter geworden bin, ist der Gedanke noch erschreckender geworden: Hätte es meine Kinder treffen können?

Deshalb ist der 2. August für mich nicht nur ein Tag des Gedenkens – er ist eine Warnung. Faschismus ist niemals nur ein Kapitel in Geschichtsbüchern. Der Opfer zu gedenken, reicht nicht aus. Wir müssen auch erkennen, wie schnell Gesellschaften zerbrechen können, wenn Vorurteil, Entmenschlichung und politischer Extremismus als normal hingenommen werden.

Zur Person

Anna Mirga-Kruszelnicka ist Exekutivdirektorin des Europäischen Roma-Instituts für Kunst und Kultur (ERIAC).