Es ist kurz nach halb neun an einem Samstagabend in Philadelphia, und niemand im Lincoln Financial Field weiß so recht, was ihn erwartet. Ed Sheeran soll jeden Moment die Bühne betreten, doch von dem Musiker fehlt jede Spur.
Crew-Mitglieder rücken einen einzelnen Mikrofonständer in der Mitte der runden, erhöhten Bühne zurecht, dahinter leuchtet ein knallpinker LED-Screen mit dem Schriftzug „Loop Tour“. Fans suchen ihre Plätze, andere tuscheln miteinander. „Wo steckt er denn?“, fragt eine Frau. „Es fühlt sich irgendwie leerer an“, bemerkt eine andere. „Da drüben ist ein ganzer Block, wo niemand sitzt“, sagt eine dritte und zeigt auf eine Reihe freier, nachtgrüner Sitze. Kurz vor Showbeginn sind in mehreren Stadionbereichen noch Tickets auf Ticketmaster verfügbar – Stehplätze auf dem Floor für gerade mal 90 Dollar.
Dann wird der LED-Screen schwarz, und alle vergessen die leeren Plätze um sie herum. Ed ist da – und er sieht aus, als hätte er etwas zu sagen. „Bevor ich heute Abend ein paar Songs spiele, hoffe ich, dass es okay ist, wenn ich kurz etwas zu dieser letzten Woche sage“, sagt der 35-jährige Superstar, seine Nervosität spürbar, während er vom Teleprompter abliest.
Ein Abend unter Beobachtung
Das ist der Moment, auf den Zehntausende im Stadion – und Millionen online – gewartet haben. Was wird Sheeran sagen bei seinem ersten Konzert, seit er ins Zentrum einer Kontroverse geraten ist, die einige der aufgeladensten Themen unserer Zeit berührt: den Krieg in Israel und Gaza, Meinungsfreiheit und die Macht von Milliardären.
Anfang der Woche war Sheeran in die Kritik geraten, weil er seinen Tourvorband-Act Macklemore nicht öffentlich unterstützt hatte, nachdem der Rapper vom Rest der Stadion-Tour ausgeschlossen worden war. Mehrere Veranstaltungsorte – darunter das im Besitz von Robert Kraft befindliche Gillette Stadium – sollen dem Promoter Messina Touring Group mitgeteilt haben, dass sie den Rapper nicht auftreten lassen würden. Grund: Macklemores Aussagen auf der Bühne im MetLife Stadium, in denen er sich mit den Palästinensern in Gaza und im Westjordanland solidarisiert und ein „Free Palestine“ gefordert hatte.
Sheeran hatte damals erklärt, er habe versucht, „eine für alle akzeptable Lösung zu finden, aber die Entscheidung der Venue und des Promoters war endgültig.“ Bis Dienstagnachmittag hatten sämtliche verbliebenen Vorband-Acts – Finneas, Lukas Graham und Aaron Row – die Tour verlassen, ebenso wie Beoga, die für einen Teil des Sets als Backing Band fungierten.
Die „Loop“-Tour war zum Zeitpunkt von Macklemores Rauswurf bereits in vollem Gange – sie hatte Anfang des Jahres in Australien begonnen. Doch nach dem Eklat richtete sich alle Aufmerksamkeit auf Sheerans nächsten Stopp in Philly: Würde Sheeran absagen müssen? Wie würde er ohne Voracts über die Runden kommen? Würde es Proteste geben? War es überhaupt sicher, hinzugehen? Und käme überhaupt jemand? (Wenn man dem Hass gegen den Musiker im Netz Glauben schenken wollte, eher nicht.)
Zwischen Loyalität und Gewissen
Manche Fans mit Tickets, wie Dan Shapiro, haderten damit, ob sie überhaupt hingehen sollten. Der Vater von zwei Kindern hatte die Karten im vergangenen September gekauft und sich einen Familienausflug davon erhofft. „Unser Geschmack ist sehr unterschiedlich“, erzählte Shapiro am Samstagmorgen. „Aber Ed Sheeran mag irgendwie jeder.“
Nach der Kontroverse rund um Macklemores Ausschluss zog die Familie nicht mehr an einem Strang. „Ich sitze da mit einer Familie, in der ein Kind sagt: ‚Papa, ich will wirklich noch hin.‘ Und das andere sagt: ‚Papa, ich will wirklich nicht mehr hin.’“ Sein 14-jähriger Sohn, ein großer Sheeran-Fan, freute sich immer noch darauf, „Castle on the Hill“ live zu hören. Seine 11-jährige Tochter sah das anders. „Sie fühlt sich nicht sicher. Es wird Proteste geben, Störungen und so weiter. Ich fühle mich auch nicht ganz wohl dabei“, sagte Shapiro. Wäre es allein seine Entscheidung gewesen, er wäre einfach zu Hause geblieben. Stattdessen einigten er und seine Frau sich auf eine Aufteilung: Sie blieb mit der Tochter daheim, er zog mit dem Sohn in ein Stadion, das er halb leer erwartete.
Glücklicherweise bekam Shapiro über Ticketmaster eine Rückerstattung für die beiden ungenutzten Tickets. „Wir hatten schon damit gerechnet, auf den Kosten sitzen zu bleiben“, sagte er. Als TikTok-Creator, der sich auf Konzerttickets spezialisiert hat, hatte er online mitbekommen, wie andere ihre Rückerstattungen bekommen hatten. Er versuchte sein Glück bei Ticketmaster. „Es gab keinerlei Widerstand“, fügte er hinzu.
Proteste vor dem Stadion
Auch Bridget Goes bekam ihr Geld zurück, als sie bei Ticketmaster anrief. Allerdings wollte sie damit vor allem günstigere Floor-Tickets ergattern, als ihr Freund für die Karten bezahlt hatte, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. „Es hat mich zumindest etwas besser fühlen lassen, dass weniger Geld geflossen ist“, sagt Goes. „Aber im großen Ganzen rette ich damit keine Leben.“ Sie fügte hinzu: „Ich folge Jesus. Und ich glaube, er wäre sehr aufgebracht über das, was gerade im Nahen Osten passiert. Er würde keinen Krieg, kein Bombardement und keine Hungersnot gutheißen.“
Als überzeugte Christin und Macklemore-Fan erinnert sie sich, wie zerrissen sie war, als sie von seinem Rauswurf hörte. „Es war so ein Moment: ‚Will ich meinen Worten Taten folgen lassen?’“ Statt die Show zu boykottieren, entschied sie sich, ihre TikTok-Follower live vom Konzert zu informieren, um zu zeigen, was wirklich vor Ort passierte. „Ich wollte kommen und beweisen, dass all die Empörung im Netz nur heiße Luft ist“, sagte Goes. „Es ist wunderbar, dass die Menschen so viel Mitgefühl zeigen und so leidenschaftlich sind – aber das Konzert hat trotzdem stattgefunden. Es sind immer noch jede Menge Leute hier.“
Stunden vor Sheerans Auftritt hatte sich eine kleine Gruppe pro-palästinensischer Demonstranten an der NRG-Septa-Station versammelt, direkt vor dem Sportkomplex, zu dem der Linc gehört. Sie schwenkten große palästinensische Fahnen, hielten „Free Palestine“-Schilder hoch und kritisierten die Beteiligung der US-Regierung am Krieg.
Stimmen der Demonstranten
„Scheiß auf dein Konzert, scheiß auf deine Pläne – Palästina ist unsere Forderung“, skandierten die einigen Dutzend Protestierenden in Keffiyehs. Organisiert von einem Bündnis Philly-basierter Gruppen wie Writers Against the War on Gaza (WAWOG), hatten viele Anwesende das Sheeran-Konzert gar nicht im Fokus. „Es geht nicht mal um ihn“, sagte Demonstrantin Shauna Leibold. „Ich will einfach sicherstellen, dass das palästinensische Volk weiß, dass wir an seiner Seite stehen.“
Andere Protestierende waren an die Ecke in South Philly gekommen, weil sie ursprünglich Karten für das Konzert gehabt hatten – bis Macklemore rausgeworfen wurde. „Wir waren eigentlich mehr wegen Macklemore aufgeregt“, sagte Georgi Martinez und verwies auf ihre Freundin Emily, die ebenfalls bei der Demo war. „Wir konnten es einfach nicht mehr mit uns vereinbaren, hinzugehen. Wir unterstützen ‚Free Palestine‘ von ganzem Herzen und wollen hier unsere Stimme erheben für die, die keine haben.“
„Leider sind wir 250 Dollar los, aber wenigstens können wir etwas tun“, sagte Emily und erklärte, dass sie einer Freundin für ihr Ticket bezahlt hatte und das Geld nicht zurückforderte. „Diese Plätze bleiben leer.“
Zwischen Kritik und Konzertfreude
Brandon Ateke, Student der Brown University, trug eine große palästinensische Fahne wie einen Umhang um den Hals und hatte ebenfalls beschlossen, seinen Platz im Stadion freizulassen. „Ich weiß, dass alle über seine Musik herziehen, aber ich mochte sie wirklich mal“, sagte er über Sheeran. Jetzt kritisiert Ateke dessen unpolitische Haltung. „Man kann nicht der Liebling aller sein, wenn Menschen sterben – denn dann können sie einen nicht mehr lieben.“ Es sei für ihn auch ein „absolutes K.-o.-Kriterium“, jemanden zu unterstützen, der an einem Genozid mitschuldig sei, fügte der 18-Jährige hinzu. (Humanitäre Organisationen und eine UN-Kommission haben erklärt, Israels Vorgehen in Gaza komme einem Genozid gleich. Israel und seine Verbündeten, darunter die USA, bestreiten dies.)
Rami Even-Esh, ein israelisch-amerikanischer Rapper, der unter dem Namen Kosha Dillz auftritt, war zur Demo gekommen, um mit Demonstranten über die Themen zu sprechen, hinter denen sie standen – etwa den Boykott eines israelischen Restaurants in Philly. „Die sagten: ‚Wir reden nicht mit Israelis’“, berichtete Even-Esh. Der Rapper war aus New York nach Philadelphia gefahren, um sich das Geschehen rund ums Konzert anzuschauen, weil es ihn als Künstler direkt betraf. „Macklemore kennt israelische Künstler und hat sich nie bei uns gemeldet“, sagte er und ergänzte: „Ich bin selbst gewissermaßen ein Opfer dieser Welt des Cancel-Culture, einfach weil ich israelisch-amerikanischer Künstler bin.“
Nachdem die Demo vorbei war, freestylte Even-Esh vor den Toren des Linc. „Ich schwenke hier keine israelische Flagge“, sagte er. „Ich bin hier, um die Leute zu unterhalten und Verbindungen zu schaffen.“
Showtime im Lincoln Financial Field
Genau das erlebten Forrest Purdy und seine zwei Töchter, als sie auf dem Weg zum Konzert auf den Rapper trafen und seine Performance mit ihren Handys filmten. „Ich liebe Straßenkünstler“, sagte Purdy. „Das ist geistreich, weil er alles aus dem Stegreif macht.“
Als ehemaliger Marine hatte Purdy auch eine klare Meinung zum politischen Hintergrund des Abends. „Macklemore hat selbst gesagt, er sei kein Experte auf diesem Gebiet. Nun gut – wenn du kein Experte bist, stell dich nicht auf eine Bühne und rede darüber“, sagte Purdy. Genauso wenig fand er, dass Sheeran alles kommentieren müsse, was seit der Show vom 4. September passiert war, als Macklemore seine Statements abgegeben hatte. „Er muss einfach seine Musik spielen“, sagte Purdy. „Nur weil er früher über andere politische Themen gesprochen hat, muss er zu diesem hier nicht Stellung nehmen.“
Sobald die Sonne hinter dem Interstate 95 versunken war, hatte sich jede Spur von Anspannung verflüchtigt. Vor dem Linc herrschte die Atmosphäre einer ganz normalen Show – auf den Parkplätzen wurde gegrillt, Händler verkauften Philly-Factory-Brezeln und inoffizielles Merchandise.
Die Show muss weitergehen
Die meisten Konzertbesucher wollten gar nicht über den politischen Hintergrund reden und hatten nur eines im Sinn: rein ins Stadion. „Das Thema ist viel zu komplex“, sagte mir einer im Vorbeigehen. Andere ließen sich ihre Vorfreude nicht nehmen.
„Es ist einfach ein schöner Abend“, sagte Jess Gurry. „Sowas machen wir sonst nie“, fügte sie hinzu und verwies auf ihre Freundin Lauren Tarpino, mit der sie auf einem der Parkplätze vor dem Stadion feierte. Beide brachten ihre Töchter zu deren allerersten Konzerten – und machten das Beste aus dem Erlebnis. Sie trugen „Loop Tour“-Shirts und hatten für den Anlass Freundschaftsarmbänder gebastelt. „Die Musik ist der Grund, warum wir wirklich hier sind“, sagte Gurry.
Drinnen im Linc zog der süßliche Duft von Chickie’s & Pete’s Crab Fries durch die Luft, Bier wurde gezapft und Strasssteine um die Augen geklebt. Alle waren bereit für die Show.
Kaum betrat Sheeran die Bühne, brachen Fans im Stadion in Jubel und Kreischen aus. „Danke, dass ihr heute Abend bei mir seid“, sagte der Musiker, die Stimme leicht brüchig. Nach einer mitreißenden Performance von „Castle on the Hill“ war klar: Der Großteil dieser Konzertbesucher war entweder glühender Fan oder einfach nur aus auf einen guten Abend. Von der Energie des Publikums beflügelt, ließ Sheeran nach dem Eröffnungssong die Maske fallen. „Ich wusste nicht, ob ich heute Abend hier sein würde“, gestand er. Er holte Luft, um mehr zu sagen, schüttelte dann aber den Kopf. „Heute Nacht geht es darum, Spaß zu haben. Ich liebe es, mit euch hier zu sein. Ich habe bereits gesagt, was ich sagen musste.“ Berühmte letzte Worte.
Als Sheeran merkte, dass das Publikum nicht im Begriff war, ihn mit Gegenständen zu bewerfen, hörte er kaum noch auf zu reden. Irgendwann setzte er sich im Schneidersitz auf die Bühne und plauderte munter weiter. „Ich wusste nicht, was heute Abend passieren würde“, gestand er. „Ich wusste nicht, ob ich sicher sein würde oder ob ihr sicher sein würdet … aber ich habe so viel Liebe von euch gespürt, und dafür bin ich so dankbar“, sagte der Sänger, dem die Tränen kamen. Bevor Sheeran in seine Zugabe mit Pop-Hits einstieg, beschloss er den Abend mit einer eindringlichen Botschaft. „Die Welt ist gerade ein beängstigender Ort. Amerika ist gerade ein beängstigender Ort“, sagte er unter Tränen. „Das hier gibt Hoffnung.“