Gäbe es einen Preis für den lustigsten Klappentext, müsste Ann Cotten ihn gewinnen: „Ein reiner Gedichtband von derm lyrikskeptischsten Dichterni deutscher Sprache: Qualitätsware!“, heißt es da im polnischen Gendering. Und weiter: „Die als Poller gelesenen Stehtexte stecken in einem Botaniksubstrat, das 2009 angelegt wurde: ein innovatives Verfahren im Textrecycling, das Standfestigkeit mit konzeptueller Fruchtbarkeit vereint.“
Herausgekommen ist ein wild wuchernder Gedichtband namens „Poller“, der im Untertitel „Idyllen“ heißt und dem auch ein Motto des griechischen Idyllen-Dichters Theokrit vorangestellt ist: „Himmlische sind sie, die Musen, und Himmlische singen von Göttern. Wir sind Sterbliche nur, und Sterbliche singen von Menschen.“ Von Göttern ist in Ann Cottens Gedichten wahrlich nicht die Rede, eher von „Weltall als Grünkohl“, von der Seele als Gurke und von uns sterblichen „Biomenschen“ als billigem Mulch.
Sie hat immer einen Häcksler parat
Idyllisch klingt das nicht, aber schon Theokrit war ja kein Dichter bukolischer Hirtendichtung: Er brach mit Traditionen und spielte ebenso mit klassischen Formen, wie Ann Cotten es seit ihrem Debüt „Fremdwörterbuchsonette“ (2007) getan hat und in „Poller. Idyllen“ fortsetzt: Ob Ode oder Sonett, ob Villanella oder freier Vers amerikanischer Provenienz: Die in Iowa geborene und in Wien und Berlin lebende Dichterin liebt die wilden Gärungsprozesse im Komposthaufen der Literaturgeschichte, und sie hat immer einen Häcksler parat, mit dem sie alte Äste schreddert. Und wo Pflanzen sind, sind auch Tiere: „Krähen fliegen herum. Wenn sie nach Hause fliegen, / drehen sie sich nicht um“, heißt es in der „Tagesode“.

Schwer zu sagen, worum es in „Poller. Idyllen“ geht. Poller gelten gemeinhin als Hindernisse. Es gibt sie in vielen Formen. Elf Arten Poller hat Ann Cotten gezeichnet und die Zeichnungen gleich hinter das Theokrit-Motto gestellt. In diesem Fall aber bremsen sie nicht den Lesefluss, sie scheinen eher dazu zu dienen, die Textflut dieses umfangreichen Bandes zu kanalisieren.
„Verstehen“ ist mit Blick auf die Gedichte Ann Cottens gleichwohl eine fragwürdige Kategorie. Man versteht nichts, und doch scheint alles Sinn zu ergeben. Stets künden ihre Texte von der Erfahrung der Gleichzeitigkeit: Während in Belgrad Menschen demonstrieren, diskutieren anderswo Optimierer über das papierlose Büro, sterben Fische in der Oder, oder es liegen Lachse in Klarsichtfolie und „Wärmepumpen beraten über degrowth“. Kurz: „Fusion!“
Cottens Idyllen sind welthaltig wie nur was. Der Kanzler kommt vor, der Umstand, dass in Kanada 50 Grad gemessen werden, der Sport, die Religion, Berlin, Wien und San Luis Potosí, ein Sägewerk, ein Tagpfauenauge, das schöne Gefühl zwischen den Beinen beim Fahrradfahren. Nicht die Gedichte also sind es, sondern die Welt ist rätselhaft, faszinierend und unergründlich. Vielleicht meinen wir, sie zu begreifen. Vielleicht aber, so die ersten beiden Verse dieses überbordenden Gedichtbandes, sind wir auch alle nur „Wespen, die, die Wände abzutasten,/ ins Zimmer fliegen.“
Ann Cotten: „Poller“. Idyllen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 160 S., br., 18,– €.