Katholische Rechtsextreme demonstrieren in Hamburg gegen Schwangerschaftsabbruch. Und bekommen es mit jungen Frauen zu tun.
Foto: B. Lindenthaler/imago
E in sonniger Freitagnachmittag am Jungfernstieg in Hamburg. Spaziergänger:innen flanieren zwischen Baustellen über die breiten Bürgersteige der Alsterpromenade. So weit, so normal. Doch etwas irritiert:. Ein gutes Dutzend junge und zwei ältere Männer in Uniform stehen auf beiden Seiten des Jungfernstiegs. Über ihren grauen Uniformen tragen sie rote Schärpen.
Zur Binnenalster hin halten drei ein Banner, etwas weiter blasen fünf von ihnen einen ohrenbetäubenden Marsch mit Dudelsack und Posaune durch die Hamburger Feierabendluft. Unterstützt werden sie von zwei Trommlern, die ihre Instrumente um den Bauch gehängt haben.
An den Standarten, die die jungen Männer am 14. August in den Himmel halten wehen rote Stoffbanner im Wind. Das Wappen mit einem Löwen und die geschwungenen Linien der Aufschrift erinnern an Richard Löwenherz. „Tradition, Familie, Privateigentum“ steht da.
Die jungen Männer sind Mitglieder der ultrakatholischen, aus Brasilien kommenden Organisation TFP. Ursprünglich aus Ablehnung der Bodenreform in Brasilien entstanden, wurde sie eine Stütze der dortigen Militärdiktatur. Heute ist sie international aufgestellt, verfügt über viel Geld und ist mit Rechtsextremen vernetzt, auch zur AfD gibt es Verbindungen. Russland steht im Verdacht sie zu finanzieren.
Beten und Handeln
Ihr größter Feind: das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Darum seien sie auch heute in Hamburg, erklärt ihr Pressesprecher, auch er in Uniform. Hier auf der anderen Seite der Straße verteilen TFP-Aktivisten Flyer an Passant:innen. „Beten und Handeln, um die Sünde der Abtreibung zu stoppen“ steht darauf.
Eine Person, die stehen bleibt, ist Nins, 28 und nichtbinär. „Peinlich“ findet Nins den Aufzug. Aber Nins ist auch wütend und versucht spontan über Instagram Gegenprotest zu mobilisieren. „Vielleicht haben ein paar von euch Bock, mich zu unterstützen und ein bisschen Lärm zu machen“, schreibt Nins.
Ein älterer Herr mit Strohhut im Rollstuhl und ein Tourist aus Stuttgart mit modischem Antifa-Shirt bleiben stehen und kommen ins Gespräch. Ob Frauen auch zum Privateigentum gehören, fragt der eine, der andere, dem die taz zu links und Helmut Schmidt gerade recht ist, macht sich Sorgen wegen der Erfolge der AfD und erzählt von der Pistole seines Onkels im Bankschließfach, mit der er sein verfassungsmäßiges Widerstandsrecht ausüben will.
Doch nicht alle empören sich über die uniformierten Aktivisten. Ein junger Mann Anfang zwanzig gibt einem der Aktivisten im Vorbeigehen einen Handschlag. Er sei Christ und gegen Abtreibung. Ein junges Pärchen geht vorbei, er schaut interessiert, ein kurzer Wortwechsel zwischen den Männern. Seine Freundin habe selbst abgetrieben, erzählt er, aber es sei gut, wenn nicht alles erlaubt sei. Die Freundin lächelt gequält und geht schnell weiter.
Diskutiert wird auf Englisch
Es sind vor allem junge Frauen, die stehen bleiben. Eine Dreiergruppe diskutiert besonders lange mit einem in Uniform, der ungefähr so alt sein dürfte wie sie: eine ist 18, zwei 17. Diskutiert wird auf Englisch, es fällt immer wieder das Wort „proof“, „Beweis“.
Nach der Diskussion sind die Gesichter der jungen Frauen gerötet. „Sie verstehen nicht mal, dass es gegen unsere Rechte geht!“, sagt eine. „Abtreibung ist das einzige Recht, dass nur Frauen betrifft“, eine andere. „Es ist einfach der Beweis, dass Männer und Frauen nicht gleichberechtigt sind.“ Ihre Stimme zittert vor Wut. „Warum seid ihr in Hamburg, geht mal weg!“, ruft sie in Richtung der Uniformierten.
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Die Formation auf der anderen Straßenseite setzt sich in Bewegung, die Trommeln werden lauter. Nins taucht wieder auf, stellt sich allein vor die pustenden und marschierenden Männer und hält sich die Ohren zu. „Es war ein bisschen scary“, erzählt Nins danach. Die Männer hätten mit Polizei und Verhaftung gedroht.
Kurz darauf ist alles vorbei, die Aktivisten sind verschwunden. Zwei junge Frauen gratulieren Nins zur Aktion. Ob die TFP-Aktivisten Freundinnen haben, fragt sich die eine: „Ich hoffe nicht.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
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