Äthiopische Regierungstruppen erobern Flughafen von Mekele zurück, Rebellen am Rückzug

Bürgerkrieg

Äthiopische Regierungstruppen erobern Flughafen von Mekele zurück, Rebellen am Rückzug

Äthiopien hatte erst diese Wochen die Beziehungen zum benachbarten Eritrea abgebrochen, was eine Involvierung aber bestreitet

Fabian Sommavilla

Zerstörtes Gebäude des Tigray-Fernsehsenders in Mekelle, Äthiopien, mit stark beschädigten Fenstern und zerstörtem Inneren nach einem Drohnenangriff. Fotografiert am 27. September 2026.
Die Tigray Television Station erlitt schwere Schäden nach einem Drohneneinschlag in Mekele.

Addis Abeba/Mekele – In Äthiopien zieht sich die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) angesichts des Vorrückens von Regierungstruppen aus ihrer Provinzhauptstadt Mekele zurück, wie ein örtlicher Journalist und mehrere Bewohner der Nachrichtenagentur AFP am Samstag berichteten. "Kämpfer und Anführer der TPLF verlassen Mekele", schrieb der Journalist. Regierungstruppen seien in der Stadt aber bisher nicht zu sehen. Außerhalb der Stadt seien Schüsse zu hören gewesen, berichteten andere Quellen. Zuletzt kam es auch zu Drohneneinsätzen durch das äthiopische Militär.

Am Freitag hatten mit den Regierungstruppen verbündete Milizen eigenen Angaben zufolge bereits den Flughafen von Mekele etwa zehn Kilometer vor der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht. Mehrere Quellen bestätigten die Rückeroberung des Flughafens in der Rebellenhochburg, was einen schweren Schlag für die erst kürzlich ausgerufene Rebellenallianz bedeutet. Dieser gehören neben der TPLF die Oromo Liberation Army (OLA), das Amhara Fano National Movement (Fano) und kleinere bewaffnete Organisationen aus Afar, Benishangul-Gumuz und der Somali-Region an. Ethnisch verbindet sie wenig. Sie eint der Widerstand zu den zentralistischen Bestrebungen der Regierung in Addis Abeba.

Machtvakuum befürchtet

Infolge des prompten Abzugs seien Regierungsgebäude und Polizeiwachen ohne Sicherheitspersonal zurückgelassen worden, heißt es laut lokalen Journalisten. "Ich mache mir Sorgen, dass Regierungs- und anderer öffentlicher Besitz geplündert werden könnte", sagte ein Bewohner. Ein anderer sagte, er fürchte um sein Leben, falls sich Gesetzlosigkeit in der Stadt breit machen sollte. "Ich möchte, dass wir schnell zu Recht und Ordnung zurückkehren."

Blick durch ein zerbrochenes Fenster auf eine Stadtlandschaft in Mekelle, Äthiopien. Im Vordergrund Trümmer und Glasscherben, im Hintergrund Gebäude, Straßen und Hügel.
Die Regierungstruppen dürften sich Mekele nähern.

Die seit langem bestehenden Spannungen zwischen der Regierung und den Behörden im nördlichen Teilstaat Tigray waren abermals eskaliert, als die Rebellen in der vergangenen Woche eine neue Offensive in den an die Region Tigray angrenzenden Provinzen Amhara und Afar im Nordwesten Äthiopiens starteten und drei regionale Flughäfen unter ihre Kontrolle brachten. Regierungstruppen konnten sie aber vor wenigen Tagen in einer Gegenoffensive aus Afar zurückdrängen.

Gescheitertes Abkommen

Im Krieg zwischen der äthiopischen Armee und der TPLF von November 2020 bis November 2022 waren nach Schätzungen der Afrikanischen Union wahrscheinlich mehr als 600.000 Menschen getötet worden – manche Experten gehen sogar von bis zu 800.000 Toten aus. Es kam zu schlimmen Kriegsverbrechen und massiver sexueller Gewalt gegen Frauen. Das Friedensabkommen von Pretoria beendete die Kämpfe zwar, zentrale Vereinbarungen wurden aber nicht umgesetzt. Dazu gehören die Entwaffnung der TPLF und die Rückkehr Hunderttausender Vertriebener.

Zwei Männer stehen lächelnd nebeneinander, einer überreicht dem anderen einen Schlüssel. Im Hintergrund sind die Flaggen von Äthiopien und Eritrea zu sehen.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Äthiopiens Premier Abiy Ahmed (links) mit Eritreas Präsident Isaias Afwerki bei der Eröffnung der Botschaft, die nunmehr geschlossen wurde.

Die TPLF hatte Äthiopien rund drei Jahrzehnte lang bis 2018 regiert, obwohl die Tigray nur rund sechs Prozent der Bevölkerung bilden. Nach jahrelangen Anti-Regierungsprotesten galt der siegreiche Abiy Ahmed vielen als Modernisierer und Hoffnungsträger. Der gebürtige Oromo bündelte aber rasch die Macht und brachte zahlreiche Regionen mit seinen zentralistischen Plänen gegen sich auf. Auch kommen die in Addis Abeba investierten Milliarden oft nicht in den anderen Landesteilen an. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Abiy für die Aussöhnung mit Eritrea sehen heute viele als verfrüht an. Die vielen politischen und ethnischen Auseinandersetzungen des Landes konnte er bisher keinesfalls lösen.

Gefährliche Allianzen

Die abermaligen Kämpfe haben jedenfalls Befürchtungen geschürt, dass es zu einem umfassenderen regionalen Konflikt kommen könnte, in den möglicherweise auch Nachbarländer am Horn von Afrika und am Golf hineingezogen würden. Vor allem, dass Eritrea – das im Bürgerkrieg von November 2020 bis November 2022 noch gemeinsam mit Addis Abeba gegen Tigray vorging – auf Tigrays Seite in den Krieg einsteigt, wird befürchtet. Die Sorge, dass Addis Abeba Eritrea für einen Meerzugang erobern könnte, sorgt seit Monaten für Kriegsspekulationen.

Erst diese Woche brach Addis Abeba dann die diplomatischen Beziehungen zu Eritrea ab und warf dem Land vor, die Rebellenallianz gemeinsam mit dem Sudan und Ägypten zu unterstützen. Die drei Länder bestreiten dies.

Jedenfalls könnte ein regionaler Krieg eine Kettenreaktion auslösen; weil Eritrea eben auch die Unterstützung des Sudan, Ägyptens, Somalias und Saudi-Arabiens genießt, während vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch die von Somalia abtrünnigen Regionen Somaliland, Puntland und die Rapid Support Forces im Sudan Addis Abeba unterstützen. (Fabian Sommavilla, 3.10.2026)

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