Auch Österreicher beobachteten Chinas Kulturrevolution | Kleine Zeitung

"Von revolutionärem Elan war nichts zu spüren, es war alles sehr kontrolliert." Dennoch hat der spätere APA-Außenpolitikredakteur Emanuel-Josef Ringhoffer die letzte Phase von Maos Großer Proletarischer Kulturrevolution in China 1973/74 miterlebt. Nach Maos Tod vor 50 Jahren am 9. September 1976 bekamen die Gegner der "Revolution" allmählich die Oberhand in der Kommunistischen Partei und stoppten sie endgültig.

Bei den Gewaltakten Linksradikaler um Maos Ehefrau Jiang Qing gegen vermeintliche "Revisionisten" ging es um einen parteiinternen Machtkampf, der auf allen Ebenen der Gesellschaft ausgetragen wurde. Ringhoffer war unter den ersten Ausländern, die nach den brutalen Exzessen ab 1966, der Wiedereröffnung der geschlossenen Hochschulen und der internationalen Öffnung der Volksrepublik an der Universität Peking studieren konnten.

Die Kulturrevolution zog auch Sympathisanten Maos und des Maoismus aus Europa an. Ein Zentrum, wo es besonders viele und besonders enthusiastische gab, war Paris. Dort studierte Ringhoffer, als er erfuhr, dass Österreich auf Basis eines zwischenstaatlichen Abkommens zwei Studenten in die chinesische Hauptstadt schicken konnte. Ringhoffer belegte in Paris bereits Abendkurse in Chinesisch, meldete sich und bekam einen Platz. Den zweiten erhielt der spätere ORF-Reporter und Asien-Korrespondent Helmut Opletal.

So wurde der damals 23-jährige Ringhoffer, der angibt, vor seiner Annahme in keiner Weise von chinesischer Seite auf eine etwaige ideologische Eignung getestet worden zu sein, Zeuge der letzten Ausläufer der zehn Chaosjahre. Was wusste er vor seiner Abreise von der Kulturrevolution? "Man wusste, dass es Exzesse gegeben hatte", lässt Ringhoffer im Gespräch mit der APA keinen Zweifel. Seine Erkenntnis nach der Ankunft in Peking: "Die offizielle Fiktion war, die Kulturrevolution geht weiter, aber das war natürlich nicht zutreffend."

1972 waren die Unis nach der jahrelangen Schließung wegen der Kulturrevolution 1966 wieder geöffnet worden. Bei den chinesischen Studenten handelte es sich um eine neue Generation. Bei den Professoren handelte es sich durchaus um viele, die von Maos radikalen Roten Garden abgesetzt, gedemütigt oder gar gefoltert worden waren. Viele Lehrende waren ins Ausland geflohen und, "wenn sie nicht allzu kompromittiert waren, aus der Sowjetunion oder anderen Ostblockstaaten zurückgeholt worden. Wenn sie ein bisschen vertrauensvoll waren, haben sie im privaten Gespräch auch erzählt, wie schlecht es ihnen ergangen ist im Jahr 1966 oder wie sie verprügelt wurden."

Die heiße Phase der Kulturrevolution erlebten laut Ringhoffer zumindest zwei Österreicher hautnah mit: Zum einen der Wiener Jude Erich Frey, der schon vor dem Kommunismus nach China gegangen war, dann aber strammer Kommunist wurde. "Er war ganz linientreu" und hätte laut Ringhoffer nicht die geringste Kritik an der Kulturrevolution geübt. Zum zweiten der Sino- und Ethnologe Walter Zeisberger. Er war ab 1939 Universitätslehrer, nach Gründung der kommunistischen Volksrepublik 1949 war er jahrzehntelang als Professor für deutsche Linguistik an der Peking-Universität tätig. Laut Ringhoffer wurde er während der Kulturrevolution "sehr gemaßregelt", konnte nach seiner Rehabilitierung aber am Chinesisch-Deutschen Wörterbuch mitarbeiten.

Ringhoffer selbst wurde im Rahmen seines Studiums auch für "Rituale" zugelassen, wie er sagt. Auf Versammlungen, denen er beiwohnte, wurden "unter der weitsichtigen Führung des Vorsitzenden Mao und seiner Weisungen im Rahmen der Großen Proletarischen Kulturrevolution" Leitartikel der kommunistischen Organe "Rote Fahne" und "Volkszeitung" erläutert. Das Wort Kulturrevolution sei sehr wohl immer wieder gefallen, allerdings als bloßes Mantra.

Ringhoffer erinnert sich auch an eine Kampagne, die zugleich gegen den Philosophen Konfuzius und Lin Biao gerichtet war. Der Top-Militär Lin war in der Kulturrevolution zu Maos "Kronprinz" aufgerückt, war aber 1971 bei einem Flugzeugabsturz unter unklaren Umständen zu Tode gekommen. Mao warf ihm danach einen Umsturzversuch vor.

Zu tagelangen Arbeitseinsätzen wie zuvor die Roten Garden wurden Ringhoffer und seine ausländischen Kommilitonen Seite an Seite mit der neuen Generation chinesischer Studenten freilich doch geschickt: "Das hat zum Programm gehört." So musste der junge Student der chinesischen Sprache, Geschichte und Philosophie in einer Autofabrik Gummis in Scheibenwischer einziehen. "Am Land waren wir in Volkskommunen. Da habe ich bei der Ernte mitgearbeitet."

Mao selbst hat Ringhoffer nicht live zu Gesicht bekommen. Als er in Peking war, war der "Überragende Führer", die "Röteste aller Sonnen" schon bettlägerig. Er starb 1976, als Ringhoffer bereits nach Österreich zurückgekehrt war.

Eine einzige Rotgardistin aus Österreich soll es gegeben haben: Gudrun Alber. Als Tochter der Tirolerin Basilia Fang hatte sie die Mutter und den Stiefvater aus China, Fang Bing, Anfang der 50er Jahre im Alter von drei Jahren in dessen Heimat begleitet. Mit zwei Halbbrüdern wuchs Gudrun Alber in Shenyang in Nordchina auf, wie sie in der TV-Doku "Mao, unser Idol - Europäer und die Kulturrevolution" erzählt.

Der Mao-Propaganda war sie seit der ersten Volksschulklasse ausgesetzt. Das Schriftzeichen für "Mao" lernte sie vor den Zeichen für die Worte "Mama" und "Papa". Stiefvater Fang Bing wollte als Metallingenieur zur Industrialisierung Chinas seinen Beitrag leisten, als die Kulturrevolution zuschlug. In Gudruns Klasse - sie war mittlerweile 17 - trugen einige Mitschülerinnen plötzlich rote Armbinden. Als Stieftochter eines Intellektuellen bekam Gudrun erst auch eine Binde, als sie erklärte, ihre Großmutter sei Bäuerin gewesen.

Ein geweihtes Bild mit einem Schutzengel, der zwei kleine Kinder in alpenländischer Tracht über eine Brücke geleitet, wurde dann zum Risiko. Mutter Basilia hatte es als gläubige Katholikin von Österreich nach China mitgenommen. Die Mutter wollte es im Keller verstecken, die Kinder überzeugten sie: Das sei zu gefährlich. Auch dort würden die Rotgardisten es finden. Aus Angst verbrannten sie das Bild.

Schließlich wurde Gudrun die Gewalt der Kulturrevolution zu arg: Aus Peking waren bewaffnete Rote Garden angekommen. Mit Fahrradketten schlugen sie alle auf den Kopf, die sie für Kapitalisten und Bürgerliche hielten. "Es wurde für mich sehr schwer in China zu leben", sagt Gudrun Alber auch mit Blick auf ihr europäisches Aussehen, ihr blondes Haar und ihre blauen Augen. Überall fühlte sie sich beobachtet. Sie wollte weg aus China.

Zunächst musste sie aber in einer Textilfabrik arbeiten und hatte keinen Pass. Im Februar 1972 ging es dann doch: Die Austro-Chinesin kehrte der Volksrepublik und Maos Kulturrevolution den Rücken. Nach elf Tagen im Zug kam sie in Wien an und fühlte sich endlich befreit. Als sie sich in Sebastian Alber verliebte, und der sich als Maoist herausstellte, heiratete sie ihn erst, nachdem sie ihm die Augen geöffnet und er dem Maoismus abgeschworen hatte.

(Von Martin Richter/APA)