Ines Geipel: Die Buchmesse spielt sich nachts ab

Der metallene Sound von Frankfurt im Schutz seiner Skyline. Darunter wie im Hohlraum eine Woche lang Bücher, Trubel, Stimmen, Reden, Preise. Es ist jeden Herbst so. Auch das Gefühl, dass ich nichts damit zu tun habe. In den Hallen läuft es. Zumindest sieht es danach aus. Großartig, überhitzt, schrill, luftarm, laut. Und dann? Und später? Wenn die Hallen geschlossen werden? Kommt der Charme in die Stadt geschlendert, das Unwahrscheinliche, Unverhoffte, das, was sich als spezielle Frankfurt-Aura einen Namen gemacht hat. Dann steht Adorno an der Ampel gegenüber und winkt sanftmütig herüber. Da vorn läuft Goethe. Aber der läuft eh immer und so gern durch seine Kindheitsstraßen. Clara Schumann hat ihr Lieblingsklavier direkt vor den Hauptbahnhof gestellt und spielt die Nächte einfach durch. Und dann noch Alzheimer. Bei dem weiß man nie. Jedenfalls kommt er auch noch um die Ecke.

Ines Geipel
Ines Geipeldpa

Dabei habe ich den Verdacht, dass die Buchmesse in Frankfurt vor allem wegen der Nächte stattfindet. Weil sie dann alle da sind. Weil es dann losgeht, wenn es vorbei ist. Man steht so unter den Laternen, an den Ampeln, trifft sich en passant, lächelt wissend und hat für den Tag endlich aufgehört mit Reden. Die Nacht wird einverständig und auf helle Art still. Die Platanenblätter taumeln. Adorno hat noch sein Weinglas in der Hand, das er vorsichtshalber aus der „Villa Bonn“ hat mitgehen lassen. Es ist leer, aber er trinkt weiter. Vielleicht ist das in Weinhändlerfamilien so. Ehrlich gesagt hatte ich ihn mir größer vorgestellt. Und vor allem strenger. Aber wie er so dasteht, ein bisschen bauchig und etwas kopfüber, könnte man meinen, er hätte sein Einverständnis gegeben, dass sein Frankfurt vor allem fürs Imaginäre gemacht ist, fürs Durchtrinken, für illustre Runden, für die sagenhaften Momente.

Dass sich die Buchwelt in die Straßen voller Herbstblätter ausbeult und von weit her, vielleicht aus Bahnhofsnähe, etwas zu hören ist, was nach Klavier und „Traumes Wirren“ klingt. Passend dazu könnte Alzheimer nun seine große Bühne kriegen oder all die Künstler, Rumdenker, Geldmenschen, Hallodris der Stadt. Aber lassen wir das. Ohnehin werden die besten Geschichten ganz zum Schluss erzählt. Die kommen dann vom Barkeeper am Tresen in der „Villa Orange“. Ich sitze auf dem Hocker gegenüber und höre ihm gern zu, bis sich das Magische der Stadt zwischen die Weingläser zu schieben beginnt.

Ines Geipel betrieb sechs Jahre lang Hochleistungssport in DDR. Nach einem Germanistikstudium floh sie 1989 von Jena aus nach Darmstadt und studierte dort Philosophie und Soziologie. Das zentrale Thema ihrer Arbeit als Autorin ist die deutsche Gewaltgeschichte sowohl des Nationalsozialismus als auch der DDR-Diktatur.  Zuletzt erschien ihr Buch „Landschaft ohne Zeugen“ (S. Fischer).