AUDIO: Handwerksgesellen arbeiten im Harz nur für Kost und Logis (2 Min)
Engagement
Stand: 23.09.2026 18:30 Uhr
In Harzgerode im Landkreis Harz soll die ehemalige Lungenklinik zu einem Ort der Begegnung werden. Seit Jahren arbeiten Menschen dort an einem genosschenschaftlichen Wohnprojekt. Nun bekommen sie Unterstützung aus ganz Deutschland. Über 100 reisende Handwerksgesellen arbeiten für vier Wochen an der Klinik und bekommen dafür nichts außer Essen und Unterkunft.
von Carsten Reuß, MDR SACHSEN-ANHALT
Mieke steht auf dem Fenstersims, mitten im Fenster. Die 25-Jährige kommt eigentlich aus Hannover, ist Tischlerin und derzeit auf Wanderschaft. Gerade arbeitet sie am Theatersaal der früheren Lungenheilstätte Harzgerode. Im Fenster, dem noch die Scheiben fehlen, schwingt sie den Pinsel, bringt eine Leinölfarbe auf den Rahmen auf. Das seien besondere Fenster, mit einem ziemlich komplizierten Mechanismus, erklärt sie. Solche Fenster gebe es heute gar nicht mehr. Die würde auch niemand mehr reparieren, weil es viel zu teuer wäre: "Ich freue mich, dass wir das machen können. So was hat man nicht jeden Tag."
Die 25-jährige Mieke unterstützt das Projekt der Sommerbaustelle.
Arbeit für Essen und Unterkunft
Mieke gehört zu den mehr als 100 Handwerkerinnen und Handwerkern, die derzeit auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte bei Harzgerode leben und arbeiten. Vier Wochen machen sie hier Station, arbeiten kostenlos für Verpflegung und Unterkunft. Sie unterstützen damit die "Genossenschaft in der Heilstätte Harzgerode", die hier seit acht Jahren ein Wohnprojekt betreibt.
Mehr als 100 Personen arbeiten aktuell auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte.
Zusammenleben und zusammenarbeiten
"Wir wollen in einer größeren Gruppe von Menschen zusammenleben", erklärt Sally Cammalleri, Mitglied der Gruppe. "Wie teilen uns verschiedene Dinge, haben gemeinsame Werkstätten, gemeinsame Autos und einen gemeinsamen Gemüsegarten". Dabei gehe es auch darum, Ressourcen zu schonen. Außerdem solle das Areal auch ein Ort für Kultur und Begegnung werden.
Das Areal der ehemaligen Lungenheilstätte soll ein Ort für Kultur und Begegnung werden.
Dafür aber muss der heruntergekommene Gebäudekomplex saniert und so Manches auch um- oder gar neu gebaut werden. Das ist eine riesige Aufgabe für die Gruppe, die derzeit 25 Erwachsene und einige Kinder umfasst. Deshalb ist die Hilfe der Wandergesellen höchst willkommen. Noch nie sei auf dem Gelände eine so große Baustelle gewesen, sagt Cammalleri. Sie sei ganz begeistert, dass so viele Hände gleichzeitig anpacken würden.
Gemeinschaft sucht weiter nach Spenden
Wobei der Betrieb der Sommerbaustelle der Wandergesellen auch für die Genossenschaft ein Kraftakt ist. Zwar arbeiten die Gesellen kostenlos, doch sie brauchen Material und Verpflegung. Rund 170.000 Euro sind nötig. Den größten Teil hat die Gruppe über Spenden, Darlehen und Fördermittel zusammenbekommen, doch über 20.000 Euro fehlen noch.
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Gelände mit langer Vergangenheit
Die Lungenheilstätte war in den Jahren 1928 bis 1931 nach einem Entwurf des Architekten Godehard Schwethelm gebaut worden. Zunächst wurden hier Tuberkulose, später auch andere Lungenleiden von Kindern behandelt. Auf dem 21 Hektar großen Gelände gab es neben dem Hauptgebäude auch eine Gärtnerei, zwei Ärztewohnhäuser, die Chefarztvilla, eine Isolationsstation, ein Schulgebäude und ein Torhaus. Die Lungenheilstätte bestand bis 1998 und wurde dann geschlossen. Sie gilt als wichtiges Zeugnis des "Neuen Bauens" und steht unter Denkmalschutz.
Die Lungenheilstätte war in den Jahren 1928 bis 1931 nach einem Entwurf des Architekten Godehard Schwethelm gebaut worden.
Auch deshalb sind die Gesellinnen und Gesellen auf dem Areal tätig und begeistert. Denn nicht nur die Fenster, auch viele andere Dinge auf dem Areal sind einzigartig. Das Arbeiten bietet viele Herausforderungen, und genau solche suchen die Gesellen auf Wanderschaft.
Wenn Arbeit verbindet
Einmal im Jahr treffen sich die freireisenden Gesellen, wie sie sich selbst bezeichnen, und richten eine "solidarische Sommerbaustelle" ein, wie sie sie nennen. Vier Wochen lang wird nur für Verpflegung und Unterkunft gearbeitet. Für ihn sei das Treffen auch ein Ort, sich zu vernetzen und austauschen, sagt Leo, der als Bootsbauer auf Wanderschaft ist. "Wir bilden und tauschen uns hier auch aus", sagt Leo.
Für ihn sei das Treffen auch ein Ort, sich zu vernetzen und austauschen, sagt Leo, der als Bootsbauer auf Wanderschaft ist.
Genau das findet auch Mieke so interessant an dem Treffen. Denn es kommen die verschiedensten Gewerke zusammen. So wird mal schnell ein Spielplatz gebaut, weil einer der anwesenden Gesellen Erfahrungen in einer Spielgerätefirma gesammelt hat, und weil zufällig auch ein paar Schornsteinbauer vor Ort sind, werden mal eben die Schornsteine repariert.
"Es ist total schön, hier so viele Menschen zu finden, die teilen, was ich mache, die mein Handwerk oder ähnliche Handwerke ausüben, mit denen ich mich austauschen kann. Das ist was ganz Einzigartiges.", sagt Mieke und streicht weiter die Fensterrahmen des Theatersaals.
Es ist total schön, hier so viele Menschen zu finden, die teilen, was ich mache. [...] Das ist was ganz Einzigartiges. Mieke, Tischlerin
Der Saal ist das zentrale Projekt der Sommerbaustelle.
Die Sommerbaustelle kommt gut voran
Der Saal ist übrigens das zentrale Projekt der Sommerbaustelle. Denn er soll nach Ende der Arbeiten als Ort der Kultur und der Begegnung nutzbar sein, als Angebot für die Menschen der Region. Dafür gibt es noch Einiges zu tun. "Total aufregend", findet es Mieke, dass sie schon die Fensterrahmen streicht, dass also die Arbeiten so vorankommen, dass sie die Fertigstellung schaffen könnten. Sie freue sich total, wenn an diesen coolen Ort wieder Menschen kämen, sagt sie.
Wer sich selbst ein Bild von den Arbeiten machen will, kann das bis zum 4. Oktober tun. Wer mag, kann sogar selbst mit Hand anlegen, denn Hilfe ist sehr gern gesehen auf der Sommerbaustelle der freireisenden Handwerksgesellen bei Harzgerode.
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MDR (Carsten Reuß)