Stand: 11.07.2026, 14:00 Uhr
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Tumore im Kopfbereich der Bauchspeicheldrüse führen häufig zu Gelbsucht, Tumoren im Schwanzbereich des Organs verursachen unspezifische Rückenschmerzen. Auch neu auftretender Diabetes kann ein Hinweis auf Probleme sein.
Gießen – „Für viele ist das ein Thema, bei dem Unsicherheiten und Ängste herrschen“, betonte Prof. Martin Schneider zu Beginn seines Vortrags – und traf damit den Kern dessen, was die Bauchspeicheldrüse für viele Menschen bedeutet. Bei der Seniorenvorlesung des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen sprach der Direktor der Chirurgischen Klinik am UKGM über ein Organ, das klein wirkt, aber medizinisch zu den anspruchsvollsten gehört.
Schneider, seit Juli 2023 Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie am UKGM, gilt als ausgewiesener Experte der onkologischen Viszeralchirurgie. Der 47-Jährige studierte in Freiburg, arbeitete viele Jahre an der Universitätsklinik Heidelberg und wurde dort leitender Oberarzt sowie stellvertretender Ärztlicher Direktor. Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt er unter anderem den Rudolf-Nissen-Preis und den Hans-Jürgen-Bretschneider-Preis. Sein Ziel für den Vortrag sei es, diese Ängste ein Stück weit zu nehmen und einen verständlichen Überblick zu geben.

Operationen bleiben anspruchsvoll
Schneider erläuterte zunächst die grundlegenden Funktionen des Organs. Die Bauchspeicheldrüse sei sowohl Verdauungs- als auch Hormondrüse. Sie produziert Enzyme, die Kohlenhydrate, Fette und Proteine aufschließen und damit erst verwertbar machen. Gleichzeitig bildet sie das lebenswichtige Hormon Insulin, das den Zuckerstoffwechsel steuert.
Warum Operationen an der Bauchspeicheldrüse als besonders anspruchsvoll gelten, veranschaulichte Schneider anhand der Anatomie. Die Drüse liegt zwischen Magen, Leber und Zwölffingerdarm, der Gallengang zieht direkt durch sie hindurch. Besonders heikel ist die Nähe zu großen Blutgefäßen wie der Pfortader und der oberen Mesenterialader. Trotz aller Hightech-Medizin bleibe der Eingriff auch heute anspruchsvoll.
Wann eine Operation notwendig wird, hängt von der jeweiligen Erkrankung ab. Tumoren wie das Pankreaskarzinom oder neuroendokrine Tumoren können in verschiedenen Bereichen der Drüse entstehen. Auch Krebsvorstufen in Form von Zysten treten auf. „Es ist die hohe Kunst eines Mediziners, herauszufinden, welche Zyste bösartig ist“, erklärte Schneider und zeigte MRT-Aufnahmen einer Patientin, um die diagnostischen Herausforderungen zu verdeutlichen. Liegt ein Tumor im Kopf der Bauchspeicheldrüse, ist häufig eine Whipple-Operation erforderlich. Dabei werden der Pankreaskopf, der Zwölffingerdarm und die Gallenblase entfernt. Der verbleibende Teil der Drüse wird anschließend an den Darm genäht, ebenso der Gallengang und der Magen.
Auch vollständige Bauchspeicheldrüsenentfernungen sind möglich, allerdings sind Betroffene danach lebenslang auf Insulin und Verdauungsenzyme angewiesen. Ein weiteres Thema war die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung, die in rund 80 Prozent der Fälle alkoholbedingt ist. Durch die Entzündung bilden sich Steine im Pankreasgang, die Schmerzen verursachen und die Funktion der Drüse beeinträchtigen. Neben Teilentfernungen kommen drainierende Verfahren infrage, bei denen der Hauptgang eröffnet und entlastet wird. Auch vererbbare Formen der Erkrankung seien bekannt.
Therapieansätze und Teamarbeit
Besonders tückisch sei der Bauchspeicheldrüsenkrebs, weil Symptome oft erst spät auftreten. Tumoren im Kopfbereich der Drüse führen häufig zunächst zu einer Gelbsucht, weil der Tumor den Gallengang einengt. Tumoren im Schwanzbereich der Drüse verursachen dagegen unspezifische Rückenschmerzen, die leicht fehlgedeutet werden. Neu auftretender Diabetes könne ebenfalls ein Hinweis sein. Der Krebs breitet sich zudem schnell aus und kann umliegendes Gewebe, Lymphknoten oder das Bauchfell befallen. Sind Blutgefäße betroffen, wird eine Operation schwierig.
Schneider betonte, dass die Chirurgie heute nur eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten sei. Immuntherapie, Strahlentherapie, Chemotherapie und operative Verfahren ließen sich gut kombinieren. Man unterscheide zwischen Lokaltherapien, die den Primärtumor zerstören, und Systemtherapien, die im gesamten Körper wirken. „Bei der Systemtherapie wird sozusagen eine Krebskontrolle im Körper vorgenommen“, erklärte Schneider. Eine Krebsbehandlung sei immer „Teamsport“ – Chirurgie, Onkologie, Radiologie, Pathologie und Palliativmedizin arbeiteten eng zusammen. Wann eine Operation sinnvoll ist, hängt vom individuellen Patienten ab. „Es geht immer um eine Abwägung zwischen Krebsvorsorge und Operationsrisiko“, sagte Schneider.