„Bemerken es nicht“: Erziehungsmethode der Container-Eltern kann schädlich sein
Stand: 19.10.2026, 19:09 Uhr
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Verkürzte Muskeln und zu wenig Eigenregulation: Eine Ergotherapeutin erklärt, warum „Container-Eltern“ problematisch sein können.
Frankfurt – „POV: Du gehörst zu den Container-Eltern“, steht in dem Video, das mittlerweile über drei Millionen Menschen angeschaut haben. Zu sehen ist darin eine Mutter, die ihr Baby nach dem Aufstehen in einen Babysitz setzt, diesen zum Zähneputzen neben sich stellt. Auch in der Küche und während ihres morgendlichen Work-outs steht der Sitz neben ihr. Später nimmt sie ihn mit ins Auto, trinkt ihren Kaffee-to-go im Park, während sie den Babysitz neben sich schaukelt. Selbst ins Bett nimmt sie den Baby-Container mit.

„Ich habe das Gefühl, dass ich mich für dieses Video entschuldigen muss, tue es aber nicht“, schreibt Andri Peetso, der Mann, der den Clip auf Instagram geteilt hat. Es sei nur Satire, denn er und seine Frau (die in dem Video zu sehen ist) seien das Gegenteil von Container-Eltern. Das lässt auch sein Account-Name @babyacrobatics vermuten. Peetso spricht intensiv über frühkindliche Bewegungsentwicklung. Er hat sogar ein Online-Programm entwickelt, um der modernen Bewegungsarmut von Babys entgegenzuwirken. „Es tut mir körperlich weh, Babys in Autositzen schlafen zu sehen“, sagt er.
Container-Eltern „bemerken es nicht einmal“ – Vater aus den USA ist besorgt
„Die Hälfte der Menschen, die dieses Video gesehen haben, dachte, ich meinte es ernst, und das macht das Problem deutlich“, sagt er in seinem „Entschuldigungsvideo“. Viele Eltern würden planen, „Container“ wie die Tragetasche, den Babysitz, die Federwiege nur kurz zu verwenden, aber weil wir alle wollen, dass unsere Babys glücklich und zufrieden sind, „verlängert sich die Zeit für viele schleichend“, warnt der Vater aus den USA. „Die Zeit, die Babys in Behältern verbringen, steigt so langsam an, dass viele Eltern es nicht einmal bemerken.“
Jedes Mal, wenn sich Kinder hochdrücken, umdrehen, in eine neue Richtung treten oder nach etwas greifen, würde ihr Gehirn neue Einträge in eine Art „Bewegungsbibliothek“ sammeln. „Jede Stunde in einem Behälter ist eine Stunde, die euer Baby nicht zu seiner Bibliothek hinzufügt“, warnt der Vater. Natürlich müsse man sein Kind mal in die Babywippe legen, um Frühstück zu machen. Das Problem sei nur, wenn aus den fünfzehn Minuten, die dafür geplant waren, dreißig werden und aus dreißig eine Stunde.
Die Ergotherapeutin Silke Scholz hat sich seit ungefähr 15 Jahren auf Säuglinge und Kleinkinder spezialisiert und leitet eine ergotherapeutische Praxis in Berlin-Pankow. Dort beobachtet sie, dass Kinder heutzutage weniger freie Bewegung und proportional viel Zeit in „Behältern“ wie Kinderwagen, Kindersitzen, Tragen oder Wippen verbringen. „Hier ist es wie bei fast allem im Leben: Extreme sind eben immer schlecht“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Container-Eltern: „Ich glaube, dass die Aufklärung nicht ausreichend ist“
Ein klassischer Kinderwagen sei noch relativ harmlos, weil die Kinder darin liegen könnten – sowohl auf dem Rücken als auch auf dem Bauch. Aber: „Es gibt die Tendenz, dass Eltern gar keinen richtigen Kinderwagen mehr haben, sondern nur noch einen Kindersitz auf einem Gestell hin und her schieben. So sind die Kleinen den ganzen Tag in einer Sitzstellung“, sagt sie.
„Wenn Babys immer nur in sitzenden Positionen sind, verkürzen sich ihre Muskeln. Sie können sich nicht mehr richtig aufrichten.“ Daher sollten sie gelegentlich auf dem Boden liegen, was auch mal anstrengend sei. Dass heutzutage viele Eltern ihre Kinder sehr lange oder sogar dauerhaft am Körper tragen, betrachtet sie kritisch. „Klar ist für Kinder Körperkontakt zu den Eltern immer eine gute Sicherung in der Beziehung“, sagt sie. Historisch betrachtet seien Babys mit Tüchern eher auf dem Rücken getragen worden, wo sie durch die Arbeit der Mütter – beispielsweise auf dem Feld – in eine waagrechte Position kamen. Heute würden Eltern ihre Kinder oft auf dem Bauch tragen, teilweise in Tragehilfen, die nicht wirklich optimal der physiologischen Haltung der Kinder angepasst seien.
Wenn der Steg zwischen den Beinen zu schmal ist, sind die Kinder nicht wirklich in einer guten Hockstellung. Außerdem sieht sie die Gefahr, dass Eltern in dem Gedanken ‚Tragen ist immer gut‘ in das andere Extrem fallen, denn das Tragen zum Schlafen, zur Beruhigung oder zur Beschäftigung sei „eine einfache und bequeme Regulationsstrategie“, sagt sie. „Die Kehrseite davon ist, dass es für die Kinder häufig schwieriger wird, sich selbst zu regulieren.“
Die Ergotherapeutin rät Eltern: „Wenn es nicht aus Sicherheitsgründen notwendig ist, wie beim Duschen oder Autofahren, verzichtet lieber auf Lagerungshilfen. Das Kind hat alle Optionen, sich selbst auf dem Boden so in Position zu bringen, dass es für seine Entwicklung vorteilhaft ist, auch wenn es vielleicht mal kurz unzufrieden wirkt.“ (Quellen: eigene Recherche, Instagram)