Bergsturz in Blatten Wissenschaftler nehmen Schuttkegel im Lötschental unter die Lupe
Seit mehr als einem Jahr liegt der Schuttkegel nach dem Bergsturz bei Blatten im Tal. Die Masse aus Geröll und Eis hat sich seit dieser Zeit verändert, wie die Wissenschaft zeigt.
23.08.2026, 20:19
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Wer dorthin schaut, wo einmal das Dorf Blatten war, sieht den riesigen Schuttkegel. Wer in Zürich in einem Büro von Terradata virtuell in einen Bildschirm schaut, sieht in die Masse aus Eis und Schutt hinein. Mario Studer kennt den Schuttkegel auch von innen.
Auch nach über einem Jahr nach der Naturkatastrophe in Blatten bestimmt der Schuttkegel den Charakter des hinteren Lötschentals.
zvg / Terradata
Er ist Vermessungsingenieur, beobachtet Naturgefahren und vermisst den Schuttkegel im Lötschental. Das ist wichtig, um den Wiederaufbau planen zu können. Seine Firma lässt eine Drohne, die am Rand des Bergsturzgebiets in einem Kasten ist, losfliegen. Die Drohne surrt selbstständig über den Schuttkegel und liefert Bilder.
Drohnenflug über dem Schuttkegel
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Bild 1 von 3. Die Box mit der Drohne funktioniert autonom. Die Drohne fliegt selbstständig los.
Bildquelle: zvg/Terradata.
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Bild 2 von 3. Kurz nach dem Bergsturz überflog die Drohne den Schuttkegel täglich. Nach mehr als einem Jahr finden Überflüge nur noch alle 14 Tage statt.
Bildquelle: zvg/Terradata.
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Bild 3 von 3. Jeder Flug bringt mehrere Hundert Bilder. Daraus entstehen Höhenprofile und dreidimensionale Modelle.
Bildquelle: zvg/Terradata.
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«Aus den vielen Hundert Bildern pro Flug berechnen wir ein geometrisch korrektes Luftbild plus ein 3D-Modell der Schuttkegel-Oberfläche», erklärt Mario Studer. Durch die fortlaufenden Messungen wird sichtbar, wie stark und an welchen Stellen sich der Schuttkegel bewegt, absenkt und zersetzt.
Mario Studer weiss, wo sich die Masse noch bis 35 Meter hoch über dem Talboden auftürmt und wo die Geröllschicht aus Sand und Steinen nur wenige Zentimeter dick ist. Der Schuttkegel hat sich im Laufe des Jahres an gewissen Stellen nur um wenige Zentimeter abgesenkt, an anderen Stellen um mehrere Meter.
Das Eis des abgestürzten Birchgletschers könnte noch bis zu 15 Meter dick sein.
Mario Studer und sein Büro vermessen nicht nur die Oberfläche. Mehrere Löcher haben sie in den Schuttkegel gebohrt, bis zu 25 Meter tief. Hochsensible Sensoren messen dort die Temperatur im Innern. Dadurch wird sichtbar, an welchen Stellen die Überreste des Bergsturzes gefroren sind oder wo kein Eis mehr liegt. «Unter einer haushohen, isolierenden Geröllschicht könnte das Eis des abgestürzten Birchgletschers noch bis zu 15 Meter dick sein», sagt er.
In mehreren Bohrlöchern wird die Temperatur im Innern des Schuttkegels gemessen.
zvg/Terradata
An anderen Stellen habe sich gezeigt, dass sich die Eisdicke von sechs auf drei Meter reduziert habe. Weil die schützende Steinschicht darüber nur zwei oder drei Meter dick gewesen sei. Und dort, wo das Eis im Schuttkegel wegschmelze und nur noch Geröll und Sand bleibe, senke sich der Kegel ab.
Sand zeigt Bewegung der Masse
Sand ist ein weiterer wichtiger Faktor dafür, wie sich die Masse bewegt: Gleb Kabakovitch und Andreas Hüni vom Geografischen Institut der Universität Irchel in Zürich schauen ebenfalls auf und in den Schuttkegel hinein. Sie untersuchen mit der Hilfe von Spektrometern zum Beispiel, wie fein oder gross das Geröll an der Oberfläche oder wenig darunter ist.
Mit dem Spektrometer über den Wolken
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Bild 1 von 3. Mit einem hochsensiblen Spektrometer wird der Schuttkegel vermessen.
Bildquelle: zvg/Andreas Hüni.
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Bild 2 von 3. Andreas Hüni (rechts) während eines Vermessungsflugs: Diese Flüge sind schwierig, der Pilot muss im engen Lötschental exakte Flugbahnen fliegen.
Bildquelle: zvg/Andreas Hüni.
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Bild 3 von 3. Aus den erfassten Daten entstehen Bilder, die wie dieses die Beschaffenheit der Oberfläche abbilden: Lila ist feines Material, das sich nach dem Bergsturz abgelagert hat.
Bildquelle: zvg/Andreas Hüni.
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Das sei wichtig, erklärt Gleb Kabakovitch. Sand erodiere schnell, werde rasch ausgeschwemmt, und diese Bereiche des Schuttkegels würden sich schneller setzen als andere. Solche Erkenntnisse seien für den Bau der neuen Kantonsstrasse wichtig, aber auch für den Wiederaufbau von Blatten. Und zudem sei alles, was man über die Eis-Geröllmasse bei Blatten erfahre, eine Referenz für ähnliche Naturkatastrophen in der Zukunft. Es sei auch ein Beispiel dafür, wie der Mensch mit solchen Tatsachen, die die Natur gewissermassen hinwerfe, leben lernen müsse, sagt Andreas Hüni.
Ein neuer Lebensraum entsteht. Wie er dereinst aussehen wird, ist offen. Sicher ist: Der Schuttkegel bestimmt mit.
zvg/Terradata
In Kürze bilde sich ein neuer Lebensraum auf und um den Schuttkegel, sagt Hüni. Es werde spannend sein, wie sich dieser in den nächsten Jahren in das Lötschental eingliedere.
Echo der Zeit, 23.08.2026, 18 Uhr