Bienensterben zwischen Grebenstein und Hofgeismar: Hunderttausende Insekten verenden

Stand: 11.07.2026, 09:30 Uhr

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Griff in die Wiese vor dem Bienenstand: Überall liegen tote Bienen herum in Grebenstein am Bahnübergang.

Griff in die Wiese vor dem Bienenstand: Überall liegen tote Bienen herum in Grebenstein am Bahnübergang. © Tanja Temme

Seit Mittwoch stellen Imker im Kreis Hofgeismar massive Verluste bei ihren Bienen fest. Teilweise sind fast alle 50.000 Bienen eines Volkes tot.

Grebenstein/Hofgeismar

Bienensterben, Herr Persch an seinen Beuten

Klaus Persch zeigt das Fluglock an einer Bienenbeute, wo schon Unmengen toter Tiere liegen - im Kasten sind ebenso Tausende verendet. © Tanja Temme

Haufenweise tote Bienen vor den Fluglöchern, ganze Teppiche lebloser Tiere am Boden: Seit Mittwoch stellen Imker in Grebenstein und Hofgeismar massive Verluste bei ihren Nutzinsekten fest. Bislang gibt es nur Spekulationen, woran es liegen könnte – doch die Imker wollen der Ursache auf den Grund gehen.

Walter Freiburger aus Kelze ist geschockt, denn fast alle Bienen an seinem Bienenstand im Garten sind verendet.

Walter Freiburger aus Kelze ist geschockt, denn fast alle Bienen an seinem Bienenstand im Garten sind verendet. © Tanja Temme

Vom Kelzerberg bis Burguffeln

Fast 200 Imker gibt es im Altkreis Hofgeismar. Ob noch weitere vom Bienensterben betroffen sind, konnte Wolfgang Scheele, der dem Imkerverband Kreis Hofgeismar vorsteht, am Freitag noch nicht sagen. Die ersten toten Tiere waren am Mittwochmorgen bei Völkern in Kelze entdeckt worden. Auch Beuten, die am Kelzerberg, dem Bahnübergang sowie nahe der Schachtener Straße in Grebenstein und bei Burguffeln stehen, sind betroffen.

War es ein Pflanzenschutzmittel, das das Bienensterben verursacht hat? Haben die Bienen sich in der Feldgemarkung vergiftet oder auf einer Obstplantage? Das sind Fragen, die die Imker stellen. Betroffen waren bis gestern fünf Imker aus Grebenstein und zwei aus Hofgeismar, die insgesamt neun Bienenstände mit mehreren Dutzend Völkern betreuen. „Ein Volk besteht aus rund 50.000 Bienen – teilweise sind fast alle in der Beute tot“, sagt Walter Freiburger, der in Kelze seine Bienen hält. Es sei grausam mit anzusehen, wie die kleinen Tiere sich quälten, einen echten Todeskampf durchmachten.

Bienensachverständiger Wolfgang Scheele, der auch das Veterinäramt berät, hat sich umgehend einen Überblick verschafft. „Dass die toten Bienen ihren Rüssel weit draußen haben, ist ein Indiz dafür, dass sie Spritzmittel oder Ähnliches aufgenommen haben“, erklärt der Hofgeismarer. Da so viele Völker betroffen seien, müsse es sich um eine größere Fläche handeln, wo sie das Gift aufgenommen haben, vermutet er. Scheele: „Ein Garten reicht da nicht.“ Um zeitnah Antworten zu bekommen, will Scheele Proben der toten Bienen zum Julius-Kühn-Institut einschicken, das Bienenschutz betreibt. „Sollte klar sein, woran die Bienen gestorben sind, geht die Suche weiter.“ Da Bienen zwischen eineinhalb und drei Kilometer weit fliegen, ist der Radius eingrenzbar.

Der Boden dieser Bienenbeute ist mit toten Tieren übersät.

Der Boden dieser Bienenbeute ist mit toten Tieren übersät. © Tanja Temme

Sorge hat Scheele auch um den Honig in den Beuten, wo ebenfalls Hunderte von toten Bienen auf den Kästenböden lagen. „Noch wissen wir nicht, ob dieser überhaupt verwendet werden kann – auch da wird eine Überprüfung vonnöten sein.“

Kreislandwirt Jörg Kramm mahnt unterdessen erst einmal abzuwarten: „Bevor es keine Beweise gibt, wäre es falsch in Richtung Landwirtschaft zu schauen.“ Aktuell würden außerdem so gut wie keine Insektizide ausgebracht. Er räumt allerdings ein, dass Kartoffeln und Zuckerrüben teilweise in dieser Zeit mit Fungiziden behandelt werden.

Massensterben an den Bienenständen im Kreisteil Hofgeismar

Alle tot: Inzwischen sind 9 Imker betroffen.

Alle tot: Inzwischen sind 9 Imker vom Bienensterben im Kreis Hofgeismar betroffen. © Tanja Temme

Einige von ihnen krabbeln noch. Langsam, taumelnd, orientierungslos. Tausende ihrer Artgenossen sind längst tot, liegen nur wenige Zentimeter entfernt von der Bienenbehausung. Walter Freiburger stehen die Tränen in den Augen, als er sich seinen Bienenkästen nähert: „Ich kümmere mich jeden Tag um meine Bienen und jetzt so etwas“, sagt der 75-Jährige.

13 Bienenvölker hat der Kelzer. Fünf davon stehen in seinem Garten und weitere acht am Kelzer Berg. „In einigen sind so gut wie alle Bienen tot“, erklärt er, „und die noch lebenden anzuschauen, sei auch kein Vergnügen, denn diese würden sich nicht normal verhalten. So meint Freiburger, dass selbst jene, die noch fliegen könnten, ein anderes Flugverhalten zeigen. „Auch sie werden wahrscheinlich sterben.“ Wie andere betroffene Imkerkollegen will auch er seine toten Bienen untersuchen lassen. Natürlich hat sich der erfahrene Imker schon den Kopf zermürbt, was seinen Schützlingen widerfahren sein könnte. „Doch Mutmaßungen bringen nichts, wir benötigen Beweise.“ Sei erst mal klar, was die Tiere getötet hat, könne man weiterforschen.

Einfach nur traurig: Klaus Persch blickt geschockt auf die vielen toten Bienen.

Einfach nur traurig: Klaus Persch blickt geschockt auf die vielen toten Bienen. © Tanja Temme

Um nicht untätig zu sein, war der Kelzer bei der Polizei in Hofgeismar. „Eine Anzeige konnte ich leider nicht erstatten, aber immerhin ist es nun in den Akten vermerkt.“ Außerdem habe jemand die Tierschutzorganisation Peta über die Vorfälle in Kenntnis gesetzt.

Freiburger, der die Sommerabende am liebsten bei seinen Bienen verbringt, ist das große Sterben in seinen Beuten, ein herber Schlag, wie er sagt. „Wir müssen schauen, wie es weitergeht und ob wir für den Verlust eine finanzielle Entschädigung bekommen. Da jeder Imker, der einem Verein angehört, automatisch versichert ist, könnte es sein, dass die Geschädigten eine Ausgleichszahlung erhalten.

Hier summt kaum noch eine Biene.

Hier summt kaum noch eine Biene. © Tanja Temme

Vielleicht drei bis vier Kilometer entfernt, am Bahnübergang in Grebenstein, hat Klaus Persch seine Bienenvölker stehen. „Von den 15 Völkern, die ich hier habe, sind alle betroffen“, berichtet der 65-Jährige. In jedem Kasten sei etwa die Hälfte der Tiere tot, also jeweils knapp 30.000 Bienen. Persch: „Als ich sauber gemacht habe, war der Schubkarrenboden mindestens zehn Zentimeter hoch mit toten Bienen bedeckt“, schildert er die Größenordnung. Wie auch Freiburger geht der Grebensteiner davon aus, dass die Bienen wahrscheinlich Gifte aufgenommen haben. „Bislang ist das natürlich nur Spekulation. Wir müssen schauen, was die Untersuchung der toten Bienen ergibt.“ Ob der Imker einige seiner Völker retten kann, hängt davon ab, ob die Königin die nächsten Tage überleben wird. „Sollte sie und ein paar Hundert Bienen noch leben, dann hat das Volk eine Chance.“

Zwischen den Holzschnitzeln liegen die toten Bienen.

Zwischen den Holzschnitzeln liegen die toten Bienen. © Tanja Temme

Karl-Josef Wallmanns, Pressesprecher vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, möchte sich zu diesem Zeitpunkt zu den Vorfällen noch nicht äußern. „Kommende Woche sollen Proben untersucht und analysiert werden, und dann wissen wir mehr.“ Sollten die Bienen tatsächlich ein Gift aufgenommen haben, so sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieses nachgewiesen werden kann. Grundsätzlich würden jetzt, kurz vor der Ernte, keine Pflanzenschutzmittel mehr ausgebracht, ergänzte er.