Stand: 20.09.2026, 20:03 Uhr
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Schlechtestes CDU-Ergebnis jemals und der nächste AfD-Triumph: Nach der Mecklenburg-Vorpommern-Wahl gibt es viel zu besprechen. Ein Experte ordnet ein.
Schwerin – Oktober 1951, sechs Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen erreicht die CDU 9,0 Prozent. Jahrzehntelang stellten diese 9,0 Prozent das historisch schlechteste Abschneiden der Christdemokraten bei einer deutschen Landtagswahl dar. Bis heute. Bei der Mecklenburg-Vorpommern-Wahl steht die CDU laut ersten Hochrechnungen bei knapp über fünf Prozent. Dieses „Wahldebakel“ hat auch Friedrich Merz zu verantworten, sagt Politikwissenschaftler Martin Gross im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media.

„Der bundesweite Trend spricht gegen die Union“, sagt Gross. Und gegen Merz. „Er ist so unpopulär wie kein Kanzler zuvor. Das gibt natürlich keinen Rückenwind.“ Merz äußerte sich kurz nach der 18-Uhr-Prognose öffentlich. „Das Ergebnis können wir nicht schönreden, es ist ein Desaster“, sagte der Kanzler. Die CDU sei „zerrieben“ worden in der Zuspitzung aus SPD und AfD. Laut Gross hat Merz darin einen Punkt. „Die CDU ist unter die Räder gekommen, als sich alles gegen die AfD zugespitzt hat“, meint der Politikwissenschaftler der LMU München. „Aber darin allein die Schuld bei anderen zu suchen, ist ein bisschen wohlfeil.“ Denn: „Es ist ja im Grunde genommen egal, ob die AfD vor der SPD liegt. Da wäre auch kein Ergebnis von 20 Prozent für die CDU herausgekommen.“ Die CDU hatte zuletzt bei allen Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern zusehends an Stimmen verloren. Vor 25 Jahren machten noch gut 30 Prozent ihr Kreuz bei den Konservativen. 2021 waren es nur noch 13,3.
Merz-Rede nach Mecklenburg-Vorpommern-Wahl: „Er hat seinen Führungsanspruch unterstrichen“
Die Rede des Kanzlers endete mit einer Art Flucht nach vorne. Er wolle Verantwortung übernehmen. Als Parteichef und als Kanzler. Also kein Rücktritt. Gross sah darin eine „staatsmännische“ Rede mit einer Prise Parteipolitik. „Das hat es noch nie gegeben, dass sich ein Kanzler so kurz nach den ersten Zahlen äußert. Er wollte nicht warten, bis sich irgendwelche Spekulationen verbreiten könnten, dass vielleicht einer dann doch mal den Finger hebt im Hintergrund und einen Rücktritt fordert. Friedrich Merz hat damit eindeutig seinen Führungsanspruch unterstrichen.“ Mit Erfolg? „Ob der natürlich dann so geteilt wird, das werden die nächsten Tage zeigen“, sagt Gross.
AfD siegt bei Mecklenburg-Vorpommern-Wahl: Ist die Schwesig-Strategie nicht aufgegangen?
Jubel gab es am Wahlabend im Lager der AfD, die nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erneut in einem ostdeutschen Bundesland stärkste Kraft wurde: Mit mehr als 37 Prozent in den ersten Hochrechnungen hat die AfD, die in Mecklenburg-Vorpommern nicht vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft ist, ihr Ergebnis von 2021 (16,7 Prozent) mehr als verdoppelt. „Die AfD schwimmt auf der Erfolgswelle“, beobachtet Gross. „Der allgemeine Trend, die große Unzufriedenheit, aber auch die Überzeugung, dass es einen radikalen Bruch braucht mit allem was das demokratische System in Deutschland ausmacht, spiegeln sich auch in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Wahlergebnis wider.“
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla sah in dem Ergebnis einen „ganz klaren Regierungsauftrag“ und kündigte in der ARD an, „mit allen Parteien“ sprechen zu wollen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD haben alle anderen Parteien in dem Bundesland jedoch ausgeschlossen. „In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keine Regierungsoption für die AfD und eigentlich auch nicht für die CDU“, sagt Gross. „Es ist davon auszugehen, dass es Rot-Grün-Rot wird.“ Die Mehrheiten können sich noch verschieben, sollten das BSW oder die CDU den Einzug in den Landtag verpassen. Beide stehen knapp um die Fünf-Prozent-Hürde (Stand: 20 Uhr).
Dann bliebe die Ministerpräsidentin vermutlich Manuela Schwesig, deren SPD nach ersten Zahlen auf 36 Prozent kam. Die SPD ist nach 28 Jahren an der Spitze nicht mehr stärkste Kraft. Gross sieht das Ergebnis dennoch als Erfolg. „Wenn man weiß, woher sie kommen von den Umfragen – dass sie ja wirklich fast 20 Prozentpunkte Rückstand hatten –, dann war das ein sensationeller Wahlkampf“, sagt der Experte. „Eine Aufholjagd, die man selten zuvor so gesehen hat.“ SPD-Spitzenkandidatin Schwesig hatte sich im Wahlkampf stark von ihrer Partei abgekoppelt und sich als „Frau gegen Blau“ als Alternative zur AfD präsentiert. „Das ist mit Sicherheit erfolgreich gewesen, aber es gibt auch die Kritik, wonach es zu sehr gegen eine Partei ausgerichtet ist. Das kann man machen, aber was ist das Angebot, das die SPD selbst macht? Das fehlt so ein bisschen.“
Mecklenburg-Vorpommern hat wohl auf die höchste Wahlbeteiligung jemals. ARD und ZDF meldeten fast 80 Prozent. Das liegt wohl auch an der AfD, glaubt Gross. „Das war die große Stärke der AfD, wie auch in Sachsen-Anhalt, dass sie aus den Nichtwählerinnen und Nichtwählern ganz, ganz viele an die Wahlurne gebracht haben, die eben für sie gestimmt haben.“ Selbiges könne man für das Bündnis Sahra Wagenknecht sagen, das es wohl knapp in den Landtag geschafft hat. Anders als die FDP, die mit 1,1 Prozent klar rausfliegt. „Über die FDP redet niemand mehr“, beobachtet Gross und sieht darin auch eine Verantwortung beim neuen Parteichef. „Wolfgang Kubicki hat die FDP zugrunde gerichtet, also von Aufschwung ist ja nichts zu sehen. Das ist ein Debakel.“