Stand: 02.10.2026, 06:50 Uhr
Kommentare

„Wehrdienst – ja, nein, vielleicht?“ Unter diesem Titel hatten die Nidderauer Grünen zu einer Gesprächsrunde in den Hessischen Hof in Heldenbergen eingeladen. Zu Gast waren am Mittwochabend der Grünen-Bundestagsabgeordnete Tarek Al-Wazir, Bundeswehroffizier Marcel Karcher sowie Alexander Reuter von der Deutschen Friedensgesellschaft. Florian Dropsch moderierte die Veranstaltung.
Nidderau – Seit 2011 ist die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Junge Männer ab 18 Jahren mussten sich bis zu dem Zeitpunkt entweder für den Dienst an der Waffe oder alternativ für den Zivildienst entscheiden. Ab dem kommenden Jahr gelten für Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 die Pflicht zum Ausfüllen eines Fragebogens sowie eine körperliche Musterung. Die Entscheidung, ob sie einen Wehrdienst für sechs bis elf Monate leisten möchten, können die Männer selbst treffen. Es gibt aber eine Ausnahme: Sollten sich in einem für die Bundesrepublik Deutschland notwendigen Verteidigungsfall zu wenige Freiwillige melden, wird die Pflicht reaktiviert.
„Es ist Fakt, dass sich die Bundeswehr in den vergangenen Jahren verkleinert hat. Man muss aber die politische Lage in Richtung Russland oder transatlantisch betrachten. Es ist nicht mehr so wie in den 80er Jahren. Es ist wichtig, dass wir als Land in der Lage sind, uns verteidigen zu können, ohne dass wir es müssen. Wir sind nicht der Angreifer“, sagte Karcher. „Wir sind als Bundeswehr für jeden dankbar, der freiwillig zu uns kommt.“ Käme es zu einer Pflicht, sei er der Auffassung, dass Männer wie Frauen in dem Fall gleichberechtigt zum Dienst herangezogen werden sollten. Schon jetzt gebe es Frauen, die freiwillig zur Bundeswehr kämen.
Al-Wazir hatte selbst verweigert und Zivildienst geleistet
Al-Wazir selbst hat als junger Mann den Wehrdienst verweigert und sich für den damals 15 Monate dauernden Zivildienst entschieden: „Ich war damals strikt dagegen und habe einen mehrseitigen Brief aufgesetzt. Seit etwa zehn Jahren sehe ich das inzwischen anders.“
Über die Jahre hatte der Bundestagsabgeordnete einige Kriege in anderen Ländern beobachtet. Von der Einführung einer Wehrpflicht nehme er eher Abstand: „Ich sehe stattdessen etwas anderes. Ich denke, man sollte ein Gesellschaftsjahr einführen, das für alle gilt. In der Zeit sollen Männer wie Frauen einen Dienst für die Allgemeinheit auswählen. Das kann bei der Bundeswehr sein, bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk, der Kirche und m sei. „Die Menschen denken zuerst an sich, und nicht daran, was es für alle bedeuten könnte.“
In den skandinavischen Ländern sei es üblich, dass Männer wie Frauen gleichberechtigt Dienst an der Waffe leisten. „Ich weiß, dass die Gleichberechtigung in Deutschland – Stichwort Gender-Pay-Gap – noch nicht umfassend greift“, sagte Al-Wazir. Aber er selbst habe erlebt, was die Zeit im Zivildienst an Erfahrungen mit sich bringe. Viele Menschen seien beispielsweise auch durch den Zivildienst überhaupt erst in den Beruf des Rettungsdienstes gekommen. Damit Frauen aber bei einem Wehrdienst verpflichtet werden könnten, müsste das Grundgesetz geändert werden.
Reuter ist der Auffassung, dass im Falle einer Wehrpflicht Männer wie Frauen eingezogen werden müssten. Aber: „Ich sehe keine Bedrohung, die einen Wehrdienst erforderlich macht. Schließlich gibt es die Nato, die Deutschland schützt. Es ist ja nicht so, dass Russland vor dem Brandenburger Tor steht.“

Er sehe die Grenze bei der Einforderung, dass Menschen für den Staat sterben. Jeder habe das Recht, selbst zu entscheiden, wie er stirbt. Durch den Wehrdienst würden Menschen in Ausbildung und potenziell gesuchte Fachkräfte für ein Jahr der Gesellschaft entzogen und in Kasernen gesteckt. Dem Gesellschaftsjahr stand er kritisch gegenüber: „Das würde ja unterstellen, dass die Menschen generell der Gesellschaft wenig zurückgeben.“
Die Aussage ließ Al-Wazir nicht unkommentiert stehen: „Die Drohne am Leipziger Flughafen war schon ein Versuch, einen Anschlag zu verüben. Die Bedrohung ist akut, das kann man nicht leugnen. Die Frage ist, wie reagiert man darauf? Deutschland muss verteidigungsfähig bleiben.“
Karcher pflichtete bei: „Es geht beim Wehrdienst nicht darum, dass die Rekruten die Profis ablösen sollen, sondern zum Beispiel allein die Infrastruktur und die Basis schützen.“ Es sei von einem Jahr die Rede: „Damit wird von keinem die Vita zerstört.“
Das unterstrich Al-Wazir: „Wir reden von 18-jährigen Männern, was zum einen natürlich mit der körperlichen Verfassung zu tun hat, aber auch mit den Lebensumständen. In der Phase haben sie noch nicht geheiratet, Kinder bekommen und ein Haus gebaut.“
Für das Publikum, das ebenfalls noch mit den Teilnehmern diskutieren konnte, waren die Argumente von Karcher und Al-Wazir offensichtlich überzeugend. Bei einer Abstimmung zu Beginn des Abends hatten neun Gäste den Wehrdienst befürwortet, sechs hatten dagegen votiert, neun enthielten sich. Zum Schluss stimmten fünf gegen den Wehrdienst, vier blieben unentschlossen. Eine Mehrheit von 17 Besuchern hingegen zeigte sich einem Wehrdienst gegenüber grundsätzlich offen.