Changchun: Die chinesische Provinz, die VW-Manager nie kennenlernen

Changchun ist in Deutschland wenig mehr als ein Name. Doch immerhin hat VW hier sein größtes Werk in Asien, das ist ein echter Wirtschaftsfaktor. Von den deutschen Automobilmanagern bekommt man im Stadtbild Changchuns so gut wie gar nichts mit; sie leben und arbeiten in einer Parallelwelt aus Expat-Restaurants, Expat-Villen, Expat-Krankenhäusern und Expat-Schulen.

Diese selbstgewählte Segregation ist die sicherste Methode, um auch bei längeren Aufenthalten so wenig wie möglich von China mitzubekommen. Retrospektiv wird das dann als Weltoffenheit deklariert – ein Missverständnis. Die Erweiterung der VW-Werksanlagen sowie der entsprechenden Infrastruktur geht übrigens auf Planungen des Frankfurter Büros von Albert Speer zurück, ältester Sohn des unrühmlichen NS-Baumeisters. Small world.

Historische Ansichten

Geschichte ist in Changchun allgegenwärtig. Im Nordosten Chinas gelegen, nur wenige Stunden vom Japanischen Meer entfernt, war Changchun von 1932 bis 1945 die Hauptstadt von Manschukuo, des von Japanern installierten Marionettenstaates. Puyi, der letzte Kaiser der chinesischen Qing-Dynastie, fungierte als Regent ohne eigene Entscheidungsbefugnis. Die Japaner bauten ihm einen repräsentativen Palast, umgeben von japanischen Wachen.

Während seine schöne Frau in Opiumträumen dahindämmerte, hielt Puyi surreale Kabinettssitzungen ab und empfing drittklassige Delegationen. Ein Puppenhaus. Im Museum kann man die überraschend schlichten Wohnräume, aber auch die Fantasieuniformen, die überdimensionierten Orden und silbernen Zigarettenetuis des letzten chinesischen Kaisers besichtigen.

Die simulierte Macht und ihr ostentativer Zerfall: Da ist man gleich melancholisch eingestimmt. Während des chinesischen Bürgerkriegs zwischen der nationalistischen Kuomintang und den revolutionären Truppen Maos war Changchun mehrfach heftig umkämpft. Darüber wird heute allerdings weniger gesprochen.

Das 28-millionste Fahrzeug läuft im Volkswagen-Werk in Changchun vom Band, Juli 2024.

Das 28-millionste Fahrzeug läuft im Volkswagen-Werk in Changchun vom Band, Juli 2024.

© Zhang Jian/imago

Während die Architektur im Herzen Shanghais durch europäische Repräsentationsbauten im Art-déco-Stil der 1920er-Jahre geprägt ist, fallen im Zentrum Changchuns vor allem die ehemaligen Verwaltungsgebäude der japanischen Besatzungsmacht aus den 1930er-Jahren ins Auge. Es sind sachliche Funktionsbauten, die auf ihre Weise an den faschistischen Modernismus Italiens erinnern. Sie wirken nüchtern und abweisend, sind dabei gut proportioniert und aus dauerhaftem Material errichtet.

Für Liebhaber der Architekturgeschichte ist Changchun ein echtes Kleinod. Die Straßen gleichen großzügigen Alleen, das quirlige Gedränge Südchinas – auch eine Form urbaner Vitalität – sucht man hier vergeblich. Viele Nordchinesen vermissen es auch gar nicht. Shang Danni hat in Stuttgart über Christa Wolf promoviert und unterrichtet seit mehreren Jahren Germanistik an der Jilin University in Changchun. Sie meint: „Die Landschaft, die Menschen und die Lebensart sind mir vertraut. Ich fühle mich einfach wohl hier im Nordosten.“ In Deutschland würde man das vielleicht Heimatgefühl nennen.

Chinesische Megacitys wachsen in die Vertikale, in Changchun muss man lange nach einem Haus suchen, das mehr als sieben Stockwerke hat. Großzügig angelegt, ist das innere Stadtbild nicht nur durch Magistralen und Bürogebäude gekennzeichnet, sondern vor allem durch malerische Flusspromenaden und stille Parks. In den Seitenstraßen findet das eigentliche Leben statt. Obst- und Gemüsehändler bieten unter Sonnenschirmen riesige Wassermelonen, Feigen und zuckersüße Aprikosen an.

An improvisierten Imbissständen backen lächelnde Köchinnen fettige Pfannkuchen und servieren dazu Bier oder Tee. Die Stimmung ist locker, die Atmosphäre unaufgeregt. Das Umland ist üppig, grün und fruchtbar, die Luft riecht nach Tannennadeln und Benzin. Weil die Winter im Norden extrem kalt sind und Batterien bei -40 Grad nicht zuverlässig funktionieren, ist noch immer der Verbrennermotor die erste Wahl beim Autokauf.

Der Charme der chinesischen Provinz

Fernab der Hauptstadt Beijing, fernab auch vom sozialen Dauerstress Shanghais – Geld! Aussehen! Prestige! – ist Changchun merklich entspannter, entschleunigter und weniger anonym. Die Herzlichkeit der Nordchinesen ist sprichwörtlich. Auch beim Essen gibt es Unterschiede. Nicht die höllische Schärfe Sichuans oder die Milde der kantonesischen Küche sind hier der kulinarische Standard. Nachhaltig nahrhaft, das trifft es schon eher.

Forscherteam der Jilin University in Changchun: Das Labor für bionische Robotik gehört zu den führenden Chinas.

Forscherteam der Jilin University in Changchun: Das Labor für bionische Robotik gehört zu den führenden Chinas.

© Xu Chang/imago

Die Portionen sind riesig, die Speisen ausgesprochen deftig. Schweinebauch, Blutwurst im Darm und gekochter Kohl werden in großen brodelnden Töpfen serviert. Wer soll das alles essen? Egal, die Waage ist nur etwas für neurotische Kontrollfreaks. Urbaner Chic hat hier nicht die Dominanz wie in Beijing, Shanghai oder Hongkong. Turnschuhe, Hose, T-Shirt oder Hoodie – fertig ist der Look für alle Altersgruppen und Geschlechter. Der fehlende ästhetische Druck kann auch etwas Befreiendes haben. Ja, Changchun ist wirklich charmant!

Thorsten Chalupa lebt seit zwei Jahren als Dozent in Changchun und promoviert über ein wirtschaftshistorisches Thema. „Mein Engagement und Interesse werden geschätzt; es kommen nicht so viele Ausländer hierher. Die Stadt ist lebenswert, die Preise sind fair und alles Nötige ist leicht verfügbar.“ Changchuns Infrastruktur ist hoch entwickelt, wie in den meisten Städten Chinas. Innerhalb der Stadt sind die Entfernungen jedoch deutlich kleiner als in den Megacitys. Weniger Zeit im Bus, in der Metro oder im Stau zu verbringen, ist auch eine Form der Lebensqualität.

Provinz heißt im Übrigen nicht, abgehängt vom Rest der Welt zu sein. Wie in vielen mittelgroßen chinesischen Städten ist die Bildungsinfrastruktur herausragend. Die China Northeastern University in Changchun genießt international unter Archäologen und Prähistorikern einen vorzüglichen Ruf. Die benachbarte Jilin University verfügt über renommierte philologische Studiengänge – und über ein topmodernes Konferenzzentrum.

Es gibt eine Vielzahl internationaler Studenten und Lehrkräfte in Changchun, aus Armenien und Portugal, Spanien und Nigeria, Russland, Deutschland und Österreich. Erst kürzlich fand hier eine germanistische Tagung statt, unter reger Beteiligung chinesischer Philologen. Man würde sich wünschen, dass die deutsche Sinologie ähnlich breit aufgestellt wäre wie die chinesische Germanistik. Doch das sind Träume, die an den realen Verhältnissen an deutschen Universitäten notwendig scheitern müssen.

Wirtschaftlich stabil, historisch anregend, akademisch profiliert: Wer ein glückliches Leben führen will, unbehelligt vom Geschmacks- und Leistungsdiktat der Metropolen, unbehelligt auch von der großen Politik, der muss in die Provinz. Das gilt in China ebenso wie in allen anderen Ländern. Ganz besonders dann, wenn sie zu Großmächten aufgestiegen sind.

Dieser Text ist Teil unserer Serie „China verstehen“. Den Auftakttext zu dieser Serie lesen Sie hier. 

Lesen Sie mehr zum Thema