Ex-DFB-Intimus über deutsche Fußballkrise: Darum findet Deutschland keinen Mittelstürmer

Stand: 14.07.2026, 20:00 Uhr

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Seit dem WM-Titel 2014 wartet Fußball-Deutschland auf große Erfolge. Fachmann Marcel Lucassen erklärt im Interview, worauf es ankommt.

Frankfurt/Main – Wird Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer zum Heilsbringer des deutschen Fußball? (Hier der Ticker zur Entscheidung) Oder liegt das Problem tiefer? Marcel Lucassen (63, aktuell Direktor Entwicklung bei NEC Nijmegen) war zwischen 2008 und 2015 Individualtrainer Technik-Taktik beim DFB. Als enger Vertrauter des früheren Sportdirektors Matthias Sammer war der Niederländer mitverantwortlich für die letzten großen sportlichen Erfolge. Das Interview mit dem Fachmann (Buch: „Designing Training Situations“).

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Warum findet Deutschland seit Jahren keinen klassischen Mittelstürmer?

Die Frage kann man auch nach dem rechten Verteidiger stellen. Das Problem ist vielfältiger. Es geht darum, dass man den Fußball als Startpunkt nimmt. Man möchte das Gehirn des Spielers im Kontext des Fußballspiels konditionieren. Womit interagiert der Spieler: mit dem Ball, dem Gegner und Mitspielern, das Spielfeld hat eine gewisse Größe und es gibt Regeln. Wenn nur eine Voraussetzung davon fehlt, ist es nicht Fußball. Heutzutage werden im Training Übungsformen praktiziert und Regeln erfunden, die nichts mit dem Fußballspiel zu tun haben. Ein Spieler muss auch im Training auf seiner besten Position und in den Räume spielen, in denen er normalerweise im Match Entscheidungen treffen muss. Wenn ein Stürmer nur selten in Situationen kommt, die er auch im Match vorfindet – wie soll er dann im Unterbewusstsein Referenzen aufbauen, mit denen er auch unter Druck auf Wettkampfniveau funktioniert? Oder wie soll sich die non-verbale Kommunikation zwischen Mitspielern entwickeln, wenn zu viel außerhalb des Fußballkontexts trainiert wird?

Die Jüngsten spielen nun nach Pflichtvorgabe des DFB 3 gegen 3 – teils sogar auf vier Tore – statt wie früher sieben gegen sieben. Ziel ist mehr Spaß und Spielpraxis für alle. Ein Konzept, das in der Kritik steht.

Ich sage: It’s just a fun game. Es ist nur ein lustiges Spielchen. Aber in jungem Alter ist das schon in Ordnung. Aber man sollte nicht vergessen, dass zum Beispiel 7 gegen 7 eine Vereinfachung von 11 gegen 11 ist. Somit wird das Gehirn schon auf 11 gegen 11 konditioniert. Die Ausbildung der Trainer ist der entscheidende Faktor, weil sie zu wenig detailliertes Wissen darüber haben, welche Phase der Fußballentwicklung man am besten in einem bestimmten Alter trainieren kann. Aber lieber diese Fun Games als das Rondo im Nachwuchs- und Profifußball. Man dribbelt nicht, es gibt keine Spielrichtung, das Verteidigen ist sinnlos – Rondo hat nichts mit Fußball zu tun. Das kann man mit Fakten widerlegen.

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Pep Guardiola hat damals das Rondo beim FC Barcelona wieder in Mode gebracht, die Clips waren beeindruckend.

Das sind einige Ausnahmespieler, die ein Fun Game absolvieren. Die könnten auch eine Woche lang vorab im Training Trampolin springen. Ihr Spiel würde es nicht beeinflussen, weil sie schon eine lebenslange Entwicklung haben. Außerdem kam Rondo von Johan Cruyff. Wir haben es in den Niederlanden auf der Straße, im Park oder vorab des Trainings zum Spaß gespielt. Wir nannten es „Rondje“. Als Cruyff nach Barcelona kam, konnte er das Wort nicht übersetzen. Also hat er es Rondo genannt. Im gleichen Zug kann man die vielen Kleinfeldformen benennen, wie zum Beispiel Vier-gegen-Vier auf große Tore.

Warum?

Weil, als Beispiel, ein Verteidiger, der im Match einen Ball erobert, auch nicht gleich direkt auf das gegnerische Tor schießt. Da würde er zu einem Mitspieler passen. Entscheidungen im Fußballkontext werden nicht praktiziert. Es werden Übungsformen erfunden, die auf Meinungen individueller Personen basieren. Und eine Meinung ist immer subjektiv. Es geht um Objektivität und Praxisnähe.

Ich könnte DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf helfen

Kann Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer alles besser machen?

Das ist davon abhängig, was ihm zur Verfügung steht. Ich habe kürzlich Deutschlands Trainingsphilosophie in einem Online-Kongress gesehen. Ganz ehrlich: Ich würde gerne mit DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf für ein, zwei Tage zusammensitzen. Ich könnte ihm helfen. Sein Basisgedanke ist in Ordnung. Die Frage ist, wie man den weiterentwickeln kann, damit die Ausbildung wieder mehr nach Fußball aussieht und Resultate bringt. Er bringt seine Meinung ein, die ist subjektiv. Vieles ist mit objektiven Argumenten zu widerlegen.

Sie waren bereits zwischen 2008 und 2015 Individualtrainer Technik-Taktik in der DFB-Eliteförderung und -Talentförderung und enger Vertrauter von Matthias Sammer.

Er hat mich damals nach Frankfurt eingeladen. Wir hatten eine Stunde eingeplant, um uns kennenzulernen. Matthias meinte: „Physisch sind wir Deutschen in Ordnung. Wir verteidigen auch gut. Aber wir wollen auf dem neuesten Stand bleiben. Sie machen doch etwas mit Umschalten – oder wie nennt man das?“ Ich bringe gerne dieses Beispiel: Ein Kind mit 8, 9 Jahren möchte Tore schießen. Wenn es den Ball verliert, möchte es ihn so schnell wie möglich zurückgewinnen. Das ist das natürliche Verhalten. Später wird das von den Trainern gestoppt. Matthias sagte etwas süffisant: „Im Angreifen haben wir Luft nach oben. Eigentlich können wir nicht Fußball spielen.“ Am Ende saßen wir drei Stunden lang zusammen. Matthias sagte zu seinem sportwissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Karsten Schumann: „Ich verstehe jetzt gar nichts mehr von Fußball. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, wir brauchen den Mann.“

Wo haben Sie angesetzt?

Schritt für Schritt haben wir Dinge integriert. Man musste bei Null anfangen, um eine klare Spielweise zu entwickeln – mit Spielern von verschiedenen Vereinen und deren unterschiedlich angelerntem Verhalten. Wir haben Detailcoaching integriert, basierend auf grundlegenden Elementen einer Fußballhandlung: von Team-Taktik bis Spielverständnis und der Ausführung der Entscheidung des Spielers. Und ganz wichtig war: Wir mussten die Ausbilder ausbilden. Denn die beeinflussen die Coaches, und die beeinflussen die Spieler.

Ihre Arbeit hatte großen Erfolg.

Der Weltmeister-Titel 2014 und Finalteilnahmen von Jugendnationalmannschaften waren nur eine Folge davon. Was mir noch wichtiger war: Dass Spieler noch jünger in die Profimannschaft gekommen sind. Früher debütierten sie mit ca. 23 Jahren, danach mit ungefähr 18 Jahren. Das sagt, dass man besser ausbildet.

Aus dieser Zeit gibt es eine interessante Anekdote: Es heißt, die Sichter hätten Joshua Kimmich damals weggeschickt, da er ihrer Meinung nach zu klein gewesen sei. Sie haben das anders gesehen.

Das war ein Sichtungsturnier in Duisburg-Wedau für die U15. Das ging über vier Tage. Am dritten Tag habe ich ihn gesehen: einen kleinen Spieler, der aber in seinem Spiel und Coaching schon zwei Schritte voraus war. In unserer Besprechung vor dem Mittagessen habe ich gefragt, warum er noch nicht auf unserer Liste steht. Die Antwort der Sichter war: „Er braucht noch etwas. Er ist noch nicht kräftig genug, damit sein Pass dorthin kommt, wo er möchte.“ Ich habe gesagt: „Er stoppt den Ball oft in seiner Ballannahme und möchte schnell in die Tiefe spielen. Wenn er etwas tiefer mit seinem Standbein steht, könnte er den rollenden Ball direkt weiterspielen. Können wir ihm das in fünf Minuten beibringen?“ Die Rückmeldung war klar: „Natürlich!“. Da habe ich erklärt, dass er eine Ausnahme in Sachen Entscheidungsfindung ist. Dafür braucht man Spielverständnis. Das, was Kimmich damals hatte, war Topqualität. Die Größe ist unwichtig. Ähnliche Geschichten gibt es auch über mehrere spätere Nationalspieler. Potenzial zu sehen und objektiv beurteilen zu können, bleibt für viele eine schwierige Aufgabe. Vor allem dann, wenn es nicht geprägt wird von objektivem Referenzdenken.

Was hat sich seit Ihrem Weggang verändert?

Laut Kontakt mit Leuten vom DFB hat sich in den Jahren danach einiges in der Art und Weise des Trainings und Coachings geändert. Im Detail kann ich es nicht bewerten, da müsste man nahe dran sein. Aber es gab weniger Entwicklung. Weil man einen großen Pool an Spielern hat, werden immer Spieler für das höchste Level da sein.. Die Gefahr ist, dass man nicht reflektiert und kritisch in den Spiegel schaut. Ego kann dann ein störender Faktor in der Entwicklung sein. Das ist schade.

Per Mertesacker soll 2028 Rudi Völler als DFB-Sportdirektor ablösen. Sie waren zwischen 2018 und 2020 Direktor Entwicklung bei Arsenal, er war Nachwuchschef. Sie beide haben sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Warum ist der Weltmeister von 2014 der richtige Mann für den deutschen Fußball?

Per ist jemand, der sich selbst reflektieren und auch seine eigene Erfahrung als Profi theoretisieren kann. So haben wir eine ganzheitliche Ausbildung kreiert. Er ist im Feedback nie beleidigend, sondern immer ehrlich mit Argumentation. Und er kann auch eigene Schwächen zugeben. Er ist offen für Entwicklung. Er weiß, was auf höchstem Niveau gefragt ist. Per war auch nicht von Anfang an das Toptalent, er musste sich nach oben kämpfen. Daher kann er einschätzen, was auf Spieler zukommt. Er ist absolut der Richtige für den DFB. Auch weil er erst darüber nachdenkt, bevor er neue Ansätze integriert.

Es heißt, er möchte nach seinem Arsenal-Aus erst ein Jahr Auszeit nehmen. Ist das nicht zu spät für Fußball-Deutschland?

Ich denke, er ist fit genug, um nach einigen Monaten Pause schon dieses Jahr anzufangen. Aber das ist eine Annahme von mir. Per soll in erster Linie das machen, bei dem sich seine Familie und er gut fühlen.