AUDIO: Der Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt und sein internationalen Vorbilder (6 Min)
Essay
Das Playbook des Rechtspopulismus: Wie es die AfD nach ganz vorn schaffte
Stand: 08.09.2026 07:42 Uhr
Rechtspopulisten behaupten, stolz auf ihr Land zu sein. Dabei macht ihre Strategie genau das Gegenteil: Damit das eigene Land wieder groß werden kann, muss es zuvor klein gemacht werden. Das ist der erste Akt ihres Playbooks, also ihres politischen Drehbuchs. Und er funktioniert dann, wenn die übrigen Parteien diese Erzählung zulassen. Was seit Jahren auf der ganzen Welt passiert, wiederholte sich nun auch in Sachsen-Anhalt.
von Marcus Engert, Jana Merkel, Daniel Salpius, MDR AKTUELL
Von Klagenfurt in Österreich über Budapest bis Washington: Der internationale Rechtspopulismus folgt Mustern, die sich bewährt haben. Warum also sollten die extrem rechten Populisten in Sachsen-Anhalt sich nicht daran orientieren? Ein Essay über das "Playbook des Rechtspopulismus", das letztlich auch den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt mit ermöglicht hat.
I. Akt – Die Behauptung vom verlorenen Land
Am Anfang steht fast immer ein Verlust. Ob es ihn wirklich gibt, ist nicht so wichtig – wichtig ist, dass genug Menschen daran glauben: An die Erzählung von einem Land, das einmal sicherer, normaler, freier, wohlhabender gewesen sein soll.
Jörg Haider gewann in Österreich mit der Behauptung, ein erstarrtes "System" aufzubrechen. Donald Trumps "Make America Great Again" lebt von genau diesem Versprechen bzw. der Behauptung, die USA seien keine große Nation mehr.
Jörg Haider war ein österreichischer Politiker des rechtspopulistischen sogenannten Dritten Lagers.
Dass Trumps MAGA-Bewegung auch Teile der AfD inspirierte, ist kein Geheimnis. Im Dezember 2025 flog eine 20-köpfige AfD-Delegation – darunter diverse Politiker aus Sachsen-Anhalt – in die USA, um sich mit Trumps Republikanern zu vernetzen. Wenig überraschend also, dass Ulrich Siegmund bei der Vorstellung ihrer Kampagne zur Landtagswahl sagte, man wolle "unser altes sicheres Deutschland zurück".
Auf den Plakaten der AfD verdichtete sich diese Dramaturgie zu drei kurzen Forderungen:
- "Wieder normal leben."
- "Wieder sagen, was man denkt."
- "Hol dir dein Land zurück."
Für Rechtspopulisten und Extremisten ist die Frage des angeblich verlorenen Landes keine Sachfrage, sondern eine Besitzfrage: Wem gehört das Land – und wer hat es angeblich genommen?
Darauf antwortet das Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt in großer Breite. Eine angebliche "Altparteienherrschaft" habe hohe Preise, Unsicherheit, Migration, Bürokratie und Verfall produziert und "dem Volk" damit die Zügel aus der Hand genommen. Nur die AfD könne "den Karren aus dem Dreck ziehen"; mit den Parteien, die das Land "zugrunde gerichtet" hätten, könne man es nicht retten.
Statt Sachpolitik geht es um eine Rettungserzählung: Es gibt Probleme – reale, aber auch maßlos übertriebene. Es gibt Schuldige. Und es gibt genau eine Partei, die sich als letzten Ausweg inszeniert. Das ist der Punkt, an dem aus normalem Parteienwettbewerb ein moralischer Alleinvertretungsanspruch werden kann.
II. Akt – Das verfolgte Volk
Wer seinen Weg als den einzig sinnvollen präsentiert, braucht einen Grund, warum dieser bislang nicht eingeschlagen wurde. Bei der AfD klingt das so:
Medien laden uns nicht ein. Andere Parteien errichten eine Brandmauer. Der Verfassungsschutz stigmatisiert uns. Gerichte und Behörden sind politisiert.
Kritik wird nicht als Kritik beantwortet, sondern als Ausgrenzung verstanden und als solche stigmatisiert.
Wie schon zuvor bei Trump, Orban, Haider und Co. heißt es im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt: Die Meinungsfreiheit sei nur noch ein "enger Korridor"; angebliche "Cancel Culture", "Wokeness" und "Regenbogenideologie" würden für eine "Gesinnungsdiktatur" sorgen. Dass Meinungsfreiheit im Grundgesetz nicht das Recht auf Widerspruchslosigkeit meint, dass Artikel 5 keinen Schutz vor Gegenrede und Kritik garantiert: Keine Rede davon.
Kritik wird nicht als Kritik beantwortet, sondern als Ausgrenzung verstanden und als solche stigmatisiert. Die angeblichen Retter, sie könnten längst alles verändern – wenn man sie nur ließe.
Dabei, und das unterschlagen Rechtspopulisten gern, sind die Vorzeichen längst ausgetauscht. Wer sowohl über journalistische Medien als auch über eigene Social-Media-Kanäle ein Millionenpublikum erreicht, und zugleich behauptet, man komme nicht zu Wort, muss sich fragen lassen, warum er sich in der Opferrolle so wohl fühlt.
Schnell wird dann auch die Wahl selbst zum Teil dieser Erzählung. Siegmund warnte im Vorfeld der Wahl via Instagram vor "Wahlfälschung". Er rief dazu auf, sich einer "Wahlbeobachter"-Aktion des gesichert rechtsextremistischen Vereins "EinProzent" anzuschließen. Im AfD-Regierungsprogramm heißt es, Briefwahl öffne "Manipulationsmöglichkeiten Tür und Tor".
Der Vergleich mit Donald Trump liegt hier näher als bei vielen anderen Themen: Die – mit nichts belegte – Behauptung, man habe ihnen die Wahl gestohlen, wurde nach 2020 zum Kern von Trumps MAGA-Mobilisierung.
Wie schon bei früheren Wahlen gilt auch für Sachsen-Anhalt: Ein Verdacht ist noch kein Beleg. Es gilt, genau zu unterscheiden: Wo werden Unregelmäßigkeiten benannt – denen muss man sorgfältig nachgehen – und wo wird die Integrität der Wahl insgesamt infrage gestellt? Das ist nicht das gleiche. Wer den Wahlprozess als solchen angreift, will der wirklich noch einzelne Fälle aufklären oder nicht eher an einer zentralen Säule sägen, auf der unsere Gesellschaft steht?
In diesem Klima können sich charismatische Führungsfiguren als Heilsbringer inszenieren, die im Kampf gegen angeblich "verschworene Eliten" dem vermeintlich entrechteten Volk zur Seite springen. Diese Erzählung des Retters findet sich sowohl bei Trump als auch bei Orban. Und auch der AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt war extrem stark an Ulrich Siegmund ausgerichtet. So setzte die AfD auf Merchandise-Artikel, wie dies sonst eher bei Popstars üblich ist. T-Shirts, Stoffbeutel, Tassen, Buttons mit Siegmunds Gesicht zeugten von einem ausgeprägten Personenkult, der auffällige Parallelen zur MAGA-Kampagne aufwies.
III. Akt – "Die" und "Wir"
Populismus teilt die Gesellschaft vertikal: unten das Volk, oben die Elite.
Extrem rechter Populismus zieht aber noch eine zweite Grenze. Er macht ein Innen und ein Außen auf. Er behauptet eine Art geschlossene Volksgemeinschaft und daneben markiert er andere als Eindringlinge oder Bedrohung. Als Volk wird dabei nicht eine demokratische Gesamtheit verstanden, mit gemeinsamen Rechten und Pflichten. Volk ist im Playbook des Rechtspopulismus etwas Kulturelles und Ethnisches.
Im AfD-Programm für Sachsen-Anhalt findet sich auch das. Deutschland leide nicht nur unter "demografischem Wandel", heißt es da, sondern am "Aussterben des Deutschen Volkes"; "Kinder sind unsere Zukunft, nicht Einwanderer". Auch andere Gruppen werden dort nach demselben Muster nicht bloß politisch kritisiert, sondern als Angriff auf eine angebliche Normalität gesehen:
Im AfD-Programm erscheinen "Translobby" und "Regenbogenideologie"; Regenbogenflaggen an Schulen sollen verboten werden. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transmenschen, Queere – in der Programmatik des Rechtspopulismus sind diese Menschen nicht nur das "Die", das nicht zum "Wir" gehört, sondern auch ein Angriff auf die "tradierte Normalität", wie es die AfD Sachsen-Anhalt in ihrem Programm nennt.
Ganz ähnlich das Muster, wenn es um die Klimabewegung geht. Erst folgt die Abgrenzung "Die" vs. "Wir", dann der emotionale Gegenpol zu all diesen angeblichen Gefahren: "Wieder stolz sein." schreibt die AfD Sachsen-Anhalt auf ihre Plakate. Stolz, Heimat, Normalität, Sicherheit – das sind im rechtspopulistischen Playbook nicht bloß Sachbegriffe, es sind Gefühle. Sie ordnen die Welt. Und sie eignen sich, um genau darauf einen Personenkult aufzubauen: genau das soll Siegmunds Simson-Tour leisten.
IV. Akt – Wenn aus Worten Hebel werden
Dieser emotionalisierende Diskurs bereitet den Boden für reale Politik: Einen Staat und seine Institutionen umbauen, das ist viel einfacher, wenn man zuvor dafür sorgt, dass Menschen das Vertrauen in ihn verlieren. Gerade der internationale Vergleich zeigt eindrucksvoll, wie das geht: Aufsichtsorgane umbauen, kritische Akteure einengen, Finanzierung entziehen oder umlenken.
Um das zu erreichen muss am Tag nach einer Wahl niemand eine Zeitung verbieten oder einen Verein auflösen. Es genügen neue Regeln, Geld und Zuständigkeiten.
In diesem Moment, auch das zeigt ein Blick in die historischen Vorbilder in anderen Ländern, wird Glaubwürdigkeit von Medien und Journalisten noch einmal mehr in Frage gestellt: Solche Medien werden bevorzugt oder gefördert, von denen keine kritischen Fragen zu all diesen Maßnahmen zu befürchten sind, andere Medien mit Kündigung, Auflösung, Boykott oder dem Entzug von Fördermitteln bedroht. So war es in Österreich unter Haider, so fordert es die AfD – wo das nicht möglich ist, wie in den USA, werden Journalisten zum "enemy of the people", zum Feind des Volkes erklärt.
Finanzierungsfragen betreffen alle, auch die Zivilgesellschaft. Warum, das zeigt sich exemplarisch in Bitterfeld-Wolfen. Dort stimmte der Stadtrat Anfang 2026 für einen Antrag von AfD und "Pro Bitterfeld-Wolfen". Die Folge: Weniger Geld für Personal, mehr politischer Einfluss auf die Frage, wer künftig Fördergelder bekommt.
Wenige Wochen später waren die Folgen sichtbar: Der Jugendclub "83" musste Projekte einstellen. Das ist kein Beleg für einen autoritären Umbau des Landes. Es ist aber ein konkretes Beispiel dafür, wie eine politische Kritik in veränderte Gremien, veränderte Geldströme und schließlich veränderte Angebote mündet.
Am Tag nach einer Wahl muss niemand eine Zeitung verbieten oder einen Verein auflösen. Es genügen neue Regeln, Geld und Zuständigkeiten.
Das Regierungsprogramm der AfD macht daraus ein landespolitisches Prinzip: "Vereinsförderung nur mit Demokratie- und Patriotismuserklärung!" Jeder öffentlich geförderte Verein soll ein "glaubhaftes Bekenntnis" zur demokratischen Ordnung und – das ist der Knackpunkt – zu einer "patriotischen Grundhaltung" ablegen. Die Landeszentrale für politische Bildung soll in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden, ein "Landesinstitut für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität" soll stattdessen folgen.
Dass es dabei nicht nur um Papier geht, zeigte der Landtag in Sachsen-Anhalt schon im Juni: Die AfD-Fraktion beantragte, Kulturförderung an ein "Bekenntnis zu Staat, Demokratie und deutscher Kultur" zu binden. Hans-Thomas Tillschneider sagte über aus seiner Sicht "antideutsche" Kunst: "Eine solche Einstellung werden wir nicht mehr fördern." Der Antrag wurde zwar abgelehnt. Doch viele Kulturschaffende fürchten um die Freiheit der Kunst und um Gelder, wenn sie Patriotismus künftig nicht zum Kern ihrer Kunst machen wollen.
Ungarn liefert auch hier den fortgeschrittenen Vergleichsfall. Unter Orban wurden Leitungspositionen an Kultureinrichtungen und Theater mit linientreuen Führungskräften neu besetzt. Die Regierung sicherte sich per Gesetz mehr Kontrolle über staatlich geförderte Theater. Wieder gilt mit Blick auf Sachsen-Anhalt: Die Maßnahmen sind nicht identisch. Vergleichbar ist das Instrumentarium – Regulierung, Förderbedingungen, institutionelle Architektur.
V. Akt – Nach der Probe geht es an’s System
Hoch brisant wird es dann, wenn eine Partei jene Institutionen verändern will, die sie kontrollieren. In Sachsen-Anhalt betrifft das insbesondere den Verfassungsschutz. Die Behörde stuft den AfD-Landesverband seit 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Reaktion der Partei: Sie nennt den Verfassungsschutz einen missbrauchten "Regierungsschutz". Die Verfassungsschutzberichte will sie kurzerhand abschaffen.
Es entsteht ein politischer Zirkel: Eine Institution erklärt die Partei zum Beobachtungsobjekt; die Partei will im Fall der Regierungsübernahme darum die Arbeitsweise der Institution verändern. Das allein ist noch keine illegitime Einflussnahme. Behörden dürfen reformiert werden. Hier aber geht es um eine Grundsatzfrage: Der Kontrollierte will Kontrolle über den Kontrolleur.
Komplexer ist der Umgang mit der Verwaltung. AfD-Spitzenkandidat Siegmund hat angekündigt, man wolle 150 bis 200 Beamte austauschen. Verfassungsrechtler weisen darauf hin, dass die meisten Beamten gar nicht einfach so entlassen werden können. Das weiß auch die AfD, doch die Botschaft ist eine andere. Wir kennen sie aus anderen Ländern, in denen Extremisten und Rechtspopulisten politische Erfolge feierten.
Man will sicherstellen, dass Beamte in der Verwaltung nicht gegen die Regierungslinie arbeiten. Allerdings sind Beamte nicht der Regierung verpflichtet, sondern dem Grundgesetz.
Unterm Strich: Regiert man nicht, beweist der Widerstand des politischen Systems, dass es gegen einen arbeitet – regiert man und scheitert, ist das dann der Beweis dafür, dass das System als Ganzes umgebaut werden müsse.
Epilog: Sachsen-Anhalt ist nicht Ungarn
Sachsen-Anhalt ist nicht Ungarn, Ulrich Siegmund ist nicht Donald Trump, die AfD ist nicht die FPÖ der Haider-Jahre. Ein deutsches Bundesland ist durch Grundgesetz, Bundesrecht, unabhängige Gerichte, Föderalismus, Beamtenrecht und Staatsverträge gebunden.
Doch gerade die deutsche Geschichte und der Föderalismus haben dafür gesorgt, dass die Länder bei den Themen Bildung, Kultur und innere Sicherheit erhebliche eigene Spielräume haben – auch ohne große Gesetzesänderungen.
Das "Playbook des Rechtspopulismus" ist kein Fahrplan mit Start- und Endhaltestelle. Es ist eine politische Mechanik, die sich international wiedererkennen lässt: ein bedrohtes, verlorenes Land heraufbeschwören; das eigene Lager mit dem eigentlichen Volk gleichsetzen; Gegner zu existenziellen Feinden verdichten; Kritik als politische Verfolgung umdeuten; eigene Reichweite aufbauen; und dort, wo Macht gewonnen wird, Regeln, Geld, Personal und Institutionen neu ordnen.
Von diesem Werkzeugkasten liegt in Sachsen-Anhalt ungewöhnlich viel offen auf dem Tisch. Nicht als geheimes Papier, sondern als Wahlplakat, Instagram-Reel und 258-seitiges AfD-Programm.