"Das Rennen ist gelaufen": Wird die Lockerung des Verbrenner-Aus zum Bumerang?

"Das Rennen ist gelaufen"Wird die Lockerung des Verbrenner-Aus zum Bumerang?

16.10.2026, 19:11 Uhr imageVon Christina Lohner

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Die chinesische Konkurrenz steht bereit. (Foto: picture alliance/dpa)

Deutschland nimmt im Streit um ein Ende von Verbrennungsmotoren eine wichtige Etappe. Geeint mit Frankreich soll nun ein Aufweichen der EU-Pläne erreicht werden. Den deutschen Autobauern würde das eine kurze Verschnaufpause verschaffen. Langfristig wächst ein Risiko.

Der erbitterte Streit um das Verbrenner-Aus ist wieder voll im Gange. Deutschland und Frankreich haben sich geeinigt, das ursprünglich geplante EU-weite Verbot neuer Verbrennungsmotoren lockern zu wollen, sogar stärker als bisher. Deutschland hat sein Ziel erreicht, nun geht die Diskussion auf EU-Ebene weiter. Die hiesige Autoindustrie steckt seit Jahren in einer tiefen Krise und soll so entlastet werden. Das Aufweichen der CO2-Vorgaben hilft den Autobauern allerdings nur kurzfristig, langfristig müssen sie aufpassen, dass es sich nicht rächt.

Denn selbst in Deutschland wird Anfang der 2030er Jahre Experten zufolge die Mehrheit der neu zugelassenen Autos elektrisch fahren. "Über Verbrenner wird man 2035 nur noch schmunzeln", prognostiziert Branchenexperte Frank Schwope. Eine Lockerung des für 2035 geplanten Verbrenner-Aus unterstütze zwar eine wünschenswerte Technologie-Offenheit, gehe aber wohl an den künftigen Kaufinteressen mehr und mehr vorbei, sagt der Automotive Consultant und Lehrbeauftragte der Fachhochschule des Mittelstands Berlin ntv.de. "Im September lag beispielsweise der Marktanteil von batterie-elektrischen Neuzulassungen in Norwegen bereits bei 99 Prozent, in Dänemark bei 89 Prozent, in Finnland bei 62 Prozent und in den Niederlanden bei 53 Prozent." In Deutschland fuhr im vergangenen Monat mehr als jeder dritte Neuwagen rein elektrisch.

"Längere Verbrenner-Verkäufe führen auch zu längeren doppelten Investitionsstrukturen", warnt Schwope: Ein Teil der Investitionen fließt in den Verbrenner statt vollständig in Zukunftstechnologien. Damit drohen die deutschen Hersteller den Anschluss an chinesische E-Autobauer endgültig zu verlieren. Je weniger E-Autos die Hersteller verkaufen, desto weniger Stückkosten-Vorteile lassen sich außerdem dabei erzielen, sowohl von Autobauern als auch Zulieferern.

Eine Lockerung der CO2-Vorgaben verschafft den Autobauern nur ein bisschen mehr Zeit, wie Branchenexperte Stefan Bratzel im Gespräch mit ntv.de klarstellt. "Aber das darf nicht daran vorbeiführen, dass die deutschen Hersteller ihre technologischen Anstrengungen weiter verstärken - Zeit zu kaufen, bringt einen im internationalen Wettbewerb nicht weiter", mahnt der Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Die deutschen Hersteller müssten sehr aufpassen, dass ein Aufweichen des Verbrenner-Aus langfristig nicht nach hinten losgeht. Wenn die Entlastung "auch nur ansatzweise dazu führen würde, dass Hersteller jetzt den Fuß vom Gas nehmen Richtung technologische Exzellenz, wäre das ein Pyrrhussieg, den die Politik erzielt hat".

Weniger strenge CO2-Vorgaben lösen laut dem Branchenbeobachter nicht das Problem. Die deutschen Autobauer müssten besser, innovativer werden, mahnt Bratzel. Denn sie werden immer teurer als die chinesische Konkurrenz sein. Daran ändern selbst Importbeschränkungen der EU nichts. "Chinesische Hersteller siedeln sich dann, wie bereits geschehen, zum Beispiel in Osteuropa an."

Die hiesigen Autobauer haben Bratzels Einschätzung nach inzwischen verstanden, dass sie sich nicht länger auf dem Verbrenner ausruhen können. Kontraproduktiv könnte das Ende des Verbrenner-Aus allerdings noch bei den Kunden wirken. Der Experte rechnet trotzdem nicht damit, dass sich am Markthochlauf der Elektromobilität noch viel ändert. "Das Rennen ist gelaufen."

Vor Kurzem war Frankreich noch dagegen

Noch im Sommer hatten sich Frankreich und sechs weitere EU-Länder gegen eine Lockerung des Verbrenner-Aus eingesetzt und vor einem strategischen Fehler gewarnt. Die Einigung zwischen Deutschland und Frankreich könnte nun den Weg freimachen für eine Mehrheit im Rat der EU-Staaten, der ebenso zustimmen muss wie das Europaparlament.

Der deutsch-französische Kompromiss sieht unter anderem vor, dass die Hersteller ihre durchschnittlichen Emissionen ab 2035 nur noch um 90 Prozent gegenüber dem Niveau von 2021 reduzieren müssten, ohne die verbleibenden 10 Prozent kompensieren zu müssen. Die EU-Kommission hatte vorgeschlagen, dass die zehn Prozent durch CO2-neutrale Kraftstoffe oder "grünen" Stahl ausgeglichen werden müssen.

Mit dem deutsch-französische Vorschlag könnten Autobauer weiter neue Benzin- und Dieselfahrzeuge verkaufen, solange ihre Neuwagenflotte insgesamt den vorgeschriebenen Grenzwert einhält. Werden heimischer "grüner" Stahl und Aluminium verbaut, soll dies besonders günstig auf die CO2-Flottenwerte angerechnet werden. Um hohe Strafzahlungen zu vermeiden, sollen die Hersteller außerdem in den kommenden Jahren Flottenwerte miteinander verrechnen können.

Mehr "Made in Europe"

Deutschland macht Frankreich im Gegenzug Zugeständnisse beim Thema Industrieförderung. Künftig soll laut dem Kompromiss die staatliche Förderung für Autos grundsätzlich auf Fahrzeuge beschränkt sei, die in den EU-Mitgliedstaaten, Großbritannien und den anderen Ländern des Europäischen Wirtschaftsraums hergestellt werden. Staatliche Kaufprämien könnten dann etwa auch für britische Autos genutzt werden. Deutschland hatte sich bisher für eine weichere Regelung eingesetzt, die Lieferanten von mehr Handelspartnern einbeziehen würde, etwa aus der Türkei und Marokko, wo viele Autohersteller produzieren.

Branchenexperte Schwope würde staatliche Kaufprämien am liebsten ganz streichen. "Die deutsche Elektro-Prämie erreicht zu oft die falschen Käufer und die falschen Marken - manch einer nutzt sie für günstige Leasingraten des Drittwagens aus China." Wenn schon eine Förderung, mache es allerdings immerhin Sinn, diese an europäische Produktion zu binden.

Quelle: ntv.de, mit dpa