Der «finance bro» von der Bahnhofstrasse: Ein Trader triggert die Schweiz
In der SRF-Sendung «Donat auf Achse» erzählt ein Mann, der mit dem Verkauf von ETF viel Geld verdient, von seinem Leben. Das Video geht innert Stunden viral. Was steckt dahinter?
10.08.2026, 17.44 Uhr
4 Leseminuten

Der SRF-Reporter Donat Hofer reist in der Sendung «Donat auf Achse» quer durch die Schweiz.
SRF
Die Schweiz hat viele bekannte Memes erschaffen, die es ins kollektive Bewusstsein und gar in die Alltagssprache geschafft haben: «Richi! Ich ha gseit, du söllsch di hebe!» ist legendär. Die Leute lachen heute noch über den kleinen Buben, der in Kanada aus dem Bagger fällt. Oder der Obdachlose, der sagte: «Angscht und Gäld hani kei!»
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Nun aber ist die Steigerung passiert: Der Beitrag im Schweizer Fernsehen mit dem «sales guy» Roman ist so schnell zur digitalen Schweizer Pop-Kultur geworden wie kaum ein Meme zuvor.
Der Mann ging vergangene Woche viral, als SRF die neuste Folge der Sendung «Donat auf Achse» ausstrahlte. Darin fährt der Reporter Donat Hofer quer durch die Schweiz und verwickelt zufällig ausgewählte Passanten in Gespräche über das Leben. Das Konzept sieht vor, in fremde Lebenswelten einzutauchen, Klischees und Vorurteile abzubauen. Bei Roman trat das Gegenteil ein.
Roman verkauft ETF bei einem amerikanischen Asset-Manager. Mit weissem Mantel, hochgestelltem Kragen, Kopfhörern und Sonnenbrille eilt er an der Zürcher Bahnhofstrasse an der Kamera von SRF vorbei. Dann wird er von Donat Hofer angesprochen: «Chöi mer übers Läbe rede?»
Roman ist für viele das, was heute in den sozialen Netzwerken leicht abwertend als «finance bro» bezeichnet wird. Ein junger Mann, der in der Finanzwelt arbeitet oder als Finanz-Influencer auftritt. Ein «finance bro» ist besessen von Status, Stress, Geld. Er trägt keine Anzüge und Krawatten, sondern einen «Corporate casual»-Look.
Die Begegnung
Das Gespräch beginnt unschuldig. Roman wirkt überrumpelt. Dann reden sie darüber, was gerade in seinen Kopfhörern läuft. Ein Finanz-Podcast, sagt Roman. Es gehe natürlich um «the Strait of Hormuz, AI, private credits. Everything that makes the markets go around. Right?»
Roman trägt, dem Augenschein nach, teure Kleidung. Seine Haare sind perfekt frisiert. Er spricht in Anglizismen, im Finanzjargon, mit einem gehobenen britischen Akzent, der so stark ist, dass Hofer zwischendurch nachfragen muss.
Roman hat ein breites Grinsen im Gesicht, wenn er über seinen Beruf redet. «‹Markets› ist einfach eine ‹evolving story›», sagt er. «Es gibt immer etwas Neues et cetera. Man ändert den ‹pitch› et cetera.» Dann muss Roman weiter. Wie viel er verdiene, möchte Donat noch wissen. Doch Roman ist bereits losgelaufen. «Multiple hundert», ruft er gleichermassen stolz und beschämt. Zum Abschied winkt er. Der SRF-Reporter und sein Kameramann bleiben perplex zurück. Hofer ruft noch hinterher: «Pro Jahr?»
So schnell Roman weg ist, so schnell geht er viral. Donat Hofer veröffentlicht das anderthalbminütige Interview mit dem «sales guy» auf seinem Instagram-Kanal. Der Clip wird 48 000-mal geteilt, über tausendmal häufiger als andere Videos auf Hofers Kanal. Auf Youtube schauen 114 000 Personen die SRF-Episode, alle grossen Gratismedien berichten. Plötzlich kennt die halbe Schweiz den geschniegelten Trader mit der Sonnenbrille.
Die Aussagen des Mannes scheinen so klischiert, dass sich am Schluss viele fragen: Ist das real? Ist es Satire? Oder einfach ein Versatzstück aus einer entrückten Lebenswelt?
Die Reaktionen in den Kommentarspalten sind spöttisch, bisweilen beleidigend. Hofer deaktiviert zu seinem Beitrag auf Instagram die Kommentare. «Was für en Abzocker», heisst es unter der SRF-Sendung auf Youtube. Der Trader wird «hohl» genannt, er lebe für die falschen Werte, sei das klischierte Bild eines geldgeilen Finanzhais. Auch viele halbbekannte Schweizer Komiker parodieren Roman. Wie es Roman mit seinem unverhofften Ruhm geht, ist derzeit nicht bekannt.
Die «finance bros» als Reizfigur
Bei der Empörung um den «sales guy» von der Bahnhofstrasse geht es offenkundig nicht um die Person selbst, sondern um das Phänomen von Menschen, die in der Finanzbranche arbeiten, mit dem Geld von reichen Leuten reich werden und die Frechheit haben, auch noch stolz darauf zu sein. Und dann sagt Roman auch noch, was er mit dem Trading verdient.
Die Gefühle der Schweizer gegenüber den Exponenten ihrer Finanzwelt sind ambivalent. Da ist die Faszination und die Bewunderung für die Vertreterinnen und Vertreter dieses eminent wichtigen Wirtschaftssektors, der das kleine Alpenland hin und wieder in die globale Aufmerksamkeit rückt. Für diese elegant gekleideten Menschen mit Aktenkoffern, die geheime Deals aushandeln und mit Millionen hantieren.
Da sind aber auch die hohen Boni, die unethischen Geschäftspraktiken und der elitäre Kosmopolitismus, die sich schlecht mit dem Selbstbild eines Landes vertragen, das stolz auf seine Bodenständigkeit ist.
Vorurteile gegen Banker, Trader und Kollegen funktionieren spätestens seit der Finanzkrise von 2008. Ein Banker hat keine Ahnung von der Realität. Für ihn ist der Markt ein Spiel. Was für die normale Bevölkerung eine Bedrohung ist, sind für ihn spannende Faktoren, die das Spiel aufregender machen. Ein «finance bro» spricht lieber Englisch und lebt geistig in New York, Konsequenzen für seine Entscheidungen trägt er keine. Und dann kommt Roman – und die Durchschnittsschweizer fühlen sich bestätigt in ihrem komischen Unbehagen.
Wut über das eigene Unwissen
Der «sales guy» aus der SRF-Sendung triggert die Leute aber auch aus einem anderen Grund. Er spricht von ETF, Exchange-Traded Funds, und sagt zum Reporter: «Weisst du, was das ist?» Hofer weiss es, er hat Betriebswirtschaft studiert. Laut Umfragen haben auch die meisten Menschen in der Schweiz schon von ETF gehört, aber nur wenige wissen wirklich, was das ist. Dabei sagen Finanzjournalisten und Market-Influencer schon lange, man solle seine Vorsorge in ETF investieren, so früh wie möglich.
Ein «finance bro» wie Roman erinnert die Leute daran, dass sie noch immer nicht in ihre Säule 3a investiert haben, diese ETF noch immer nicht ganz verstehen und eigentlich keine Lust haben, sich damit auseinanderzusetzen. Roman ist zur Projektionsfläche geworden. Auch für die eigenen Versäumnisse.
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