Stand: 05.08.2026, 18:00 Uhr
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Laienschauspieler bringen im September ein Stück über Bauernproteste nach dem Dreißigjährigen Krieg auf die Bühne. Die Autorin hat dafür historische Ereignisse aus mehreren Jahrzehnten verdichtet.
Büdingen – Überraschende Parallelen zwischen der Regionalgeschichte und aktuellen Entwicklungen zeigen Dieter Egner und die Autorin Inge Schneider in dem Historical „Der Schwur der Bauern“ auf. Das Schauspiel, das historische Ereignisse des 17. Jahrhunderts mit fiktiven Personen, Musik und Tanz verbindet, wird im September auf der Freilichtbühne im Oberhof gezeigt. Im Interview mit dieser Zeitung beschreiben Schneider und Egner, was sie an dem Thema interessiert und welche Lehren die Geschichte der Bauernproteste gegen Grafen und hohe Abgaben für unsere Gesellschaft bietet.

Mit dem Historical „Der Schwur der Bauern“ wollen Sie das Publikum in die Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg versetzen. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Schneider: Eine Inspiration bilden die zwölf Artikel der Bauern von Memmingen, die vor 500 Jahren veröffentlicht wurden. Darauf haben wir uns schon beim Mittelalterfest im vergangenen Jahr mit Spielszenen bezogen. Außerdem ist in den Büdinger Geschichtsblättern 2007 ein Aufsatz von Jürgen Ackermann über den bäuerlichen Widerstand in den Ysenburgischen Grafschaften erschienen. Darin hat er unter anderem die Geschichte des Erlenmüllers aus Fischborn dokumentiert. Als Einzelkämpfer streitet er für sein Recht und wird im Büdinger Hexenturm eingesperrt und gefoltert. Schließlich versucht er sogar beim Kaiser, sein Recht zu bekommen. Auf dem Weg zum Reichstag ist er verschollen.
Egner: Ich habe einen oberhessischen Wilhelm Tell gesucht und einen Michael Kohlhaas gefunden. Für das Historical war er nur bedingt geeignet, weil es Inge wichtig war, einen positiven Impuls zu setzen.
Schneider: Dieter hätte die Bauernproteste gerne brachialer gehabt. Doch die Bauern gehen in unserem Historical keinen blutigen Weg. Eine Mistgabel habe ich ihm aber gelassen.
Die Geschichte der Bauernproteste in der Region zieht sich über mehrere Jahrzehnte. Wie verdichtet man das zu einer bühnentauglichen Handlung und welche Ereignisse wählt man dazu aus?
Schneider: Das Stück spielt auf zwei Zeitebenen. Die Handlung beginnt 1653, im Jahr des Schwurs im Rathaus von Spielberg, fünf Jahre nach dem Westfälischen Frieden. Dabei setze ich voraus, dass die Bauern in der Region die Artikel von Memmingen kennen. Meine Hauptdarsteller sind ein junges Bauernpaar, Sebastian und Kunigunde. Beide träumen von einer besseren Zukunft für sich und ihre Kinder. Das Gespräch mit ihren Kindern und Enkeln Jahrzehnte später und der Rückblick auf die Proteste bilden die zweite Ebene.
Wie weit basiert das Stück auf historischen Ereignissen und wie groß ist der Anteil der Fiktion?
Schneider: Ich schätze, dass 70 Prozent historisch belegt sind. Die historischen Fakten sind richtig dargestellt. Die Lieder, die vorkommen, sind zeitgenössisch. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt wurde im Jahr des Schwurs veröffentlicht. Dass Wahrsagerin Gundula beim Geburtstagsfest des Grafen Johann-Ernst zu Ysenburg die Französische Revolution vorhersagt, ist eindeutig fiktiv.
Der Büdinger Stadtarchivar Carsten Parré merkt zu Recht an, dass ein solcher öffentlicher Auftritt schon wegen der Hexenverfolgungen unwahrscheinlich ist. Es ist ein dramaturgischer Kunstgriff, als Ausblick auf weitere Entwicklungen.
Wie muss man sich die Lebenssituation der Landbevölkerung im 17. Jahrhundert vorstellen?
Schneider: Es war eine sehr, sehr unruhige Zeit. Mit dem Westfälischen Frieden war der Dreißigjährige Krieg nicht zu Ende. Durch die Heere, die sich auflösen, haben wir entwurzelte junge Männer, die meilenweit weg von zu Hause sind und nichts anderes gelernt haben als das Kriegshandwerk. Dazu kommen Bevölkerungsverluste durch Krieg und Seuchen, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und fortdauernde religiöse Konflikte. Durch die Auswirkungen der kleinen Eiszeit leiden viele Gegenden unter Unwettern und Missernten. Das Stück soll familienfreundlich sein. Deshalb habe ich die Gräueltaten des Krieges, die sich auch danach fortsetzen, nicht ausgearbeitet. Wenn wir denken, wir leben in unsicheren Zeiten, dann ist das Jammern auf hohem Niveau.
Wie nähert man sich einem historischen Stoff und wie gelingt eine überzeugende Inszenierung?
Schneider: Ich versuche den Schauspielern schon ein Gefühl für die räumlichen Verhältnisse zu vermitteln. Am 8. August machen wir mit dem Ensemble einen Halbtagsausflug zu Orten der Handlung. Ich bin Verbindungswege zwischen den Dörfern abgegangen. Ich wollte einfach wissen, wie weit es von Spielberg nach Wächtersbach ist. Manchmal kann ich sogar auf Wissen aus der eigenen Familie zurückgreifen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass auf dem Land noch zu ihrer Zeit bei großen Zusammenkünften mit dem eigenen Messer aus gemeinsamen großen Schüsseln gegessen wurde.
Egner: Ich bewundere das große Engagement von Inge und ihre große Geduld, mit der sie die Handlung inszeniert. Das ist unheimlich viel Kleinarbeit: Kostüme besorgen, die vielen Nachfragen der Schauspieler beantworten. In unserer WhatsApp-Gruppe stehen inzwischen über 100 Fragen.
Schneider: Natürlich muss man als Regisseurin die eigene Inszenierung gegenüber den Darstellern vertreten. Der Graf hat kürzlich vorgeschlagen, dass er seine Rolle doch auch so anlegen könnte, dass er das Publikum auf seine Seite zieht.
Was sagt uns „Der Schwur der Bauern“ heute? Welche Parallelen zur Gegenwart gibt es?
Schneider: Die viel zitierte gespaltene Gesellschaft sehen wir auch in dem Historical, das im 17. Jahrhundert spielt, aber viel extremer als heute. Wir haben Menschen, die am Existenzminimum leben, und es kommen immer neue Forderungen nach Abgaben und Frondiensten. Das entlädt sich schließlich, als der Gerichtsvollzieher mit Mistgabeln vertrieben wird.
Egner: Das Stück zeigt auch, wie wichtig Solidarität ist. Der Erlenmüller aus Fischborn scheitert auch, weil er Einzelkämpfer ist. Durch ihren Schwur werden die Bauern zu einer Gemeinschaft und der Adel kann sie nicht mehr so leicht gegeneinander ausspielen.
Das wirkt sehr idealistisch.
Schneider: Die Bauern wissen natürlich, wie gefährlich Widerstand ist. „Du weißt wohl, wie es vor mehr als 100 Jahren den Landesherren in Schwaben und Thüringen, in Franken und Sachsen, in Tirol, in der Schweiz, im Elsass und in Lothringen gelungen ist, ihre aufständischen Bauern niederzuschlagen“, erinnert Bauer Karl in dem Stück an die Opfer der Bauernkriege. Doch die Wirkungen des Buchdrucks und von Luthers Bibelübersetzung lassen sich nicht aufhalten. „Es führt in der Zeit kein Weg zurück“, prophezeit die Wahrsagerin Gundula dem Grafen Johann-Ernst. „Nimmermehr werden die kleinen Leute zufrieden sein mit Fron und Leibeigenschaft.“
Schauspiel mit Musik, Gesang und Tanz
Nach einer Idee von Dieter Egner hat Inge Schneider das Theaterstück „Der Schwur der Bauern. Ein Historical über Mut, Hoffnung und Gemeinschaft“ geschrieben und inszeniert. Nach der Premiere am Freitag, 4. September, wird es weitere Aufführungen am Samstag, 5., sowie am Freitag und Samstag, 11. und 12. September, jeweils ab 17.30 Uhr auf der Bühne des Büdinger Oberhofs geben. Schirmherrin des Projektes ist Büdingens Erste Stadträtin Katja Euler (SPD). Mitwirkende sind Laien des Büdinger Mittelaltervereins, der Lißberger Dudelleierpfeifen, des Vereins „Eine Stadt spielt Theater“ sowie am 4./5. September die Singerellas als Frauenchor der Musik- und Kunstschule Büdingen. Einlass ist ab 16.30 Uhr, mit Pause dauert die Aufführung zweieinhalb Stunden. Das Stück ist kinder- und jugendgerecht. Karten zum Preis von zwölf Euro (ab 15 Jahre) beziehungsweise sieben Euro (fünf bis 14 Jahre) gibt es in der Büdinger Tourist-Information am Marktplatz sowie unter stadt-buedingen.ticketfritz.de. Restkarten werden an der Abendkasse erhältlich sein.
Zu den Personen
Inge Schneider (Jahrgang 1956) ist Tanzpädagogin und studierte Germanistin mit den Schwerpunkten Mediävistik sowie Darstellendes Spiel, stellvertretende Vorsitzende des Mittelaltervereins und Leiterin der Büdinger Danze-Liut. Sie war Chefredakteurin bei den Apotheken-Medien Frankfurt und arbeitet bis heute als freie Mitarbeiterin der lokalen Presse. „Der Schwur der Bauern“ ist ihr fünftes abendfüllendes Theaterstück, hinzu kommen über 40 szenische Spiele für die Fastenaktion „7 Wochen ohne“.
Dieter Egner (Jahrgang 1944) prägt seit über 50 Jahren das politische, soziale und kulturelle Leben der Region. Nach seiner Ausbildung zum Chemielaboranten erwarb er die Fachhochschulreife und studierte Sozialarbeit. Seitdem er 1981 nach Büdingen gezogen ist, hat er durch unzählige Anregungen und Initiativen das Kulturleben der Stadt bereichert. Das Mittelalterfest und die Kulturnacht gehen auf einen Vorschlag Egners für den Landeswettbewerb „Ab in die Mitte“ zurück. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet.
Dieter hätte die Bauernproteste gerne brachialer gehabt. Doch die Bauern gehen in unserem Historical keinen blutigen Weg.
Ich bewundere das große Engagement von Inge und ihre große Geduld, mit der sie die Handlung inszeniert.