Meinung
Desaster für Merz – der versucht's mit Tatkraft und Hundeblick
Nach „Desaster“ in Mecklenburg-Vorpommern und Niederlage in Berlin: Der Kanzler feilt weiter an seinem Stil – doch im Land zerbröselt weiter der Rückhalt.
Das Timing war straff, der Blick: vermutlich gedacht als angemessene Mischung aus Tatkraft und Demut. Kaum waren die Ergebnisse der ersten Prognosen bekannt, trat der Kanzler in Berlin vor die Kameras. Nur keine Leerstellen lassen, die andere füllen könnten, werden sie sich bei der CDU gedacht haben, an diesem Wahlabend, der für die CDU einmal mehr eine Klatsche bedeutet. Merz sprach von einem Desaster. Dem wolle man jetzt umso entschlossener mit Reformen begegnen. Und seine Ämter behält er auch.
Knapp über fünf Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Die Fünf-Prozent-Hürde als Endgegner! Nicht nur laut Merz ein „Desaster“. Und auch in Berlin gab es deutliche Verluste. Die Linke ist nun stärkste Partei dort. Die AfD gewinnt in Mecklenburg-Vorpommern, trotz der starken Aufholjagd der Schwesig-Genossen. Deutschland polarisiert sich weiter. Und die Volkspartei CDU zerbröselt dabei wie einst schon die SPD.
Gewählt wird, wer schmerzlose Therapie verspricht
So einig sich die meisten Wähler bei der Analyse sind, dass sich im Land viel ändern muss: Gewählt werden mehrheitlich die, die versprechen, da komme man raus, ohne dass es dem Einzelnen viel Mühe macht. Die Linke punktete mit milliardenteuren Enteignungs-Ideen gegen Immobilienfirmen. Schwesig setzte sich im Wahlkampf von vielen großen Reformprojekten ab, die die Bundes-SPD mitträgt. Die AfD setzt, tja, auf Russengas, Remigration und Atomkraft, der Rest soll dann schon werden.
Zurück in die gute alte Zeit? „Das kann nicht die Antwort sein“, befand der Kanzler in seiner Blitz-Ansprache am Wahlabend. Die Wirtschaft sei im Umbruch. Der Ton rauer und unversöhnlicher. Das Vertrauen in Institutionen sinke und werde gezielt untergraben – auf das alles könne man nur auf eine Art reagieren: „Die Reformen müssen kommen!“ Man brauche Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Und genau das wolle er nun aufbringen, um zu beweisen, dass Deutschland ein Land eben doch ein Land des Aufbruchs sein könne.
Kein Rücktritt also. Auch nicht vom Parteivorsitz.
Merz bleibt – das klingt sogar für manchen in der CDU wie eine Drohung
Für manch einen sogar in der eigenen Partei mag das wie eine Drohung klingen.
Dass der Kanzler nach den harten Pleiten wild entschlossen zu sein scheint, die Leute doch noch irgendwie emotional zu erreichen, ist spürbar. Dass die Zeit dafür davonläuft, ebenso. Und es wird nicht einfacher. Beim Koalitionspartner SPD werden weiter die Stimmen derer lauter werden, die an den Reformen nagen wollen. Schließlich ist Manuela Schwesig in ihrem Wahlkampf damit gut gefahren.
Es werden wilde Wochen werden, im politischen Jahresendspurt. Und ob Merz' rhetorische Mini-Offensive ausreicht, um ihn da durch zu tragen? Offen.
Die AfD jedenfalls kann in Ruhe zusehen, wie sich die anderen mühen. Ihr Siegeszug geht weiter. Ganz egal, was sie machen oder lassen.