Durch Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt zum Weltstar werden?

Wenn Literaturagenten amerikanische Schriftsteller aufwerten wollten, könnten sie das nur erreichen, indem sie auf den europäischen Buchmarkt zielen, hörte man neulich in einem Vortrag der Buchwissenschaftlerin Laura B. McGrath am Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Sie hat dieses Jahr ein Buch über die historische Bedeutung von Literaturagenten veröffentlicht („Middlemen“, Princeton University Press), und darin ist der Export insbesondere nach Deutschland ein wichtiger Aspekt.

In den Siebzigerjahren haben erstmals die literarischen Exporte aus den USA die Importe überstiegen, so McGrath. Sie zeichnet nach, wie auch Schriftsteller aus anderen Ländern erst durch den Schub der europäischen Vermarktung wirklich zu „global authors“ geworden seien: etwa Salman Rushdie und Chinua Achebe. Beim Amerikaner Philip Roth habe erst der internationale Erfolg, besonders in Frankreich, Italien und Deutschland, dafür gesorgt, dass der Autor zu Hause als kanonisch angesehen wurde.

Auch die Frucht von Gastlandauftritten

Es ließen sich noch viele Beispiele ergänzen: erst recht aus dem Krimigenre, wo etwa die Amerikanerin Donna Leon oder skandinavische Autoren in deutscher Übersetzung deutlich mehr gelesen werden als im Original, aber auch aus der Belletristik, wo das etwa für den Japaner Haruki Murakami gilt. Oft ist der herausragende, den in der Heimat übersteigende Erfolg in Deutschland auch die Frucht von Gastlandauftritten auf der Frankfurter Buchmesse – an besondere Wirkung erinnert man sich etwa bei Auftritten aus Lateinamerika und den Niederlanden. Auch McGrath legt ein spezielles Augenmerk auf die Frankfurter Buchmesse als den Ort für internationalen Rechthandel – hier kommt man freilich nicht umhin, die Debatten über den Bedeutungsverlust der Messe in den vergangenen Jahren mitzudenken.

„Peck & Peck“ von Bonnie Garmus
„Peck & Peck“ von Bonnie GarmusPiper Verlag

Trotzdem ist der deutsche Buchmarkt weiterhin sehr attraktiv für ausländische Autoren. Aber inzwischen gilt das nicht mehr nur für Übersetzungen, sondern zunehmend auch für englischsprachige Bücher. In Deutschland zeigt sich seit Jahren eine immer größere und immer frühere Vertrautheit mit dem Englischen, die sich auch im Leseinteresse niederschlägt. „Die Neugier auf internationale Literatur ist immer noch riesig in Deutschland. Jetzt verschiebt es sich in die Richtung, dass die Leute englische Originale lesen wollen“, sagt der Hanser-Verleger Jo Lendle zum Thema im Gespräch mit dieser Zeitung. Hanser war vor Kurzem damit aufgefallen, den neuen Roman „No Way Home“ seines langjährigen Autors T. C. Boyle nicht nur vor dem amerikanischen Erscheinen in deutscher Übersetzung, sondern auch zusätzlich auf Englisch zu veröffentlichen. Lendle hatte seinerzeit erklärt, man wolle sich nicht länger darüber ärgern müssen, dass die deutschen Fans, wenn man Boyle für eine Lesereise einfliegen lasse, am Signiertisch die Ausgabe eines anderen Verlags kauften.

Der Verteidigungskampf der englischsprachigen Verlage hat begonnen

Das wirft natürlich die Frage auf: Ist es denn so einfach für einen deutschen Verlag, sich die Rechte an englischsprachigen Originalen (mit) zu sichern? Das ist es freilich nicht, und mehr noch: Es gebe inzwischen einen „Verteidigungskampf der englischen Verlage“, so Lendle jetzt im Gespräch. Diese übten manchmal Druck aus, um ihre Autoren zu behalten. Im Falle Boyles sei die Konsequenz gewesen, dass dieser nun keinen britischen Verlag mehr habe. Oft aber führe der Druck dazu, dass die Agenten der international umworbenen Autoren sagten: „Wir lassen lieber alles, wie es ist.“

Aber deutschsprachige Verlage sind auf jeden Fall mit im Bietergefecht, einfach weil die Nachfrage da ist – das sieht auch Daniel Kampa in Zürich so, der unter dem Dach des Kampa Verlags mittlerweile auch den österreichischen Verlag Jung und Jung sowie die deutschen Verlage Schöffling und Kanon beherbergt. Bei Kampa erscheinen in der Reihe „Pockets“ moderne Klassiker im englischen Original, und Daniel Kampa sieht das als wachsenden Markt, mehr sei geplant, zudem entwickle man auch eigene Projekte wie beispielsweise einen Gesprächsband mit Siri Hustvedt und Elisabeth Bronfen, „der auf unsere Initiative hin entstanden ist, sodass es bislang keine englischsprachige Originalausgabe gibt“.

Womit deutsche Verlage englischsprachige Autoren umwerben können

Angesprochen auf McGraths These zu den „globalen Autoren“, ist Kampa indes skeptisch. Er bestätigt zunächst, dass Deutschland jahrzehntelang das „gepriesene Land“ der Leser gewesen sei und hier zumal das gebundene Buch eine viel größere Rolle spiele. Er glaubt aber, dass der „Eurozentrismus“ auf dem Buchmarkt an Bedeutung verliere: Die Zeiten, in denen Gallimard, Adelphi, Suhrkamp und Faber & Faber denselben Autor zeitgleich herausgebracht und „so mit Karacho weltweit literarisch inthronisiert haben, sind vorbei“. Die Buchmärkte seien lokaler und kommerzieller geworden und die Bedeutung des literarischen Feuilletons für den Absatz habe markant abgenommen, so Kampa: „Werden ‚global authors‘ heute nicht eher in den USA lanciert, durch soziale Medien und Posts von Film- und Musikstars?“

Was dennoch weiter für englische Bücher auf dem deutschen Markt spricht, spitzt Jo Lendle im Gespräch über die Charakteristik der „Export Editions“ englischsprachiger Verlage zu: Diese seien „in der Regel ziemlich lumpig gemachte Broschuren. Eigentlich ist das eine Art Abfallprodukt fürs Ausland, in Papier, Satz, Schriftbild steckt nicht wirklich viel Liebe.“ Der hiesige Standard in der Buchproduktion sei da „einfach anspruchsvoller: Besseres Papier, gebundene Bücher, deutlich fairere Beteiligung der Autoren und leichtere Logistik für den Buchhandel sind nur einige der Vorteile.“

Das muss auch die kalifornische Schriftstellerin Bonnie Garmus so gesehen haben, die zunächst Redakteurin und Werbetexterin war. Mit Mitte sechzig debütierte sie mit dem Roman „Lessons in Chemistry“ (2022), der zum Bestseller und in vierundvierzig Sprachen übersetzt wurde. Der Weg dahin führte über ein Bietergefecht auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Branchenmagazin berichtete dazu unter der Überschrift „Copywriter’s Debut Emerges as Big Book at Frankfurt“.  Bonnie Garmus’ neuer Roman „Peck & Peck“ erscheint in wenigen Tagen bei Piper – und zwar sowohl in deutscher Übersetzung als auch in einer englischen Ausgabe, gebunden und aufwendig gestaltet mit Farbschnitt. Der Münchner Verlag hat sich für den Titel die exklusiven englischsprachigen Rechte in Deutschland, der Schweiz sowie der gesamten EU bis auf Irland gesichert.