Deutschlands China-Handel kippt: 2025 importierte die Bundesrepublik deutlich mehr, als sie exportierte. Für Firmen wächst der ökonomische Druck. Teil 1.
Wachsende Ungleichgewichte
Den Titel "Exportweltmeister", mit dem Deutschland einst seine Handelsbilanzüberschüsse und seine Stellung in der Weltwirtschaft zelebrierte – nicht zuletzt gegenüber jenen Ländern, von deren Nachfrage die deutsche Wirtschaft selbst abhängig war –, führt heute kaum noch jemand im Mund. Denn inzwischen sitzt Deutschland auf der anderen Seite des Tisches – als Defizitland.
2025 exportierte Deutschland Waren im Wert von 81,3 Milliarden Euro nach China, ein Rückgang von 9,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Importe aus der Volksrepublik stiegen im gleichen Zeitraum um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro. Macht ein Handelsdefizit von rund 89,3 Milliarden Euro. China bleibt zwar Deutschlands größter Handelspartner, das Verhältnis hat sich aber spürbar zu Ungunsten der Bundesrepublik verschoben.
Für einzelne Konzerne ist das China-Geschäft dabei nicht irgendein Auslandsmarkt, sondern geradezu existenziell. Bei Volkswagen entfielen laut Geschäftsbericht 2024 rund 33,7 Prozent der weltweiten Konzernauslieferungen auf China – bei einem Rückgang von 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Doch nicht nur der Wolfsburger Konzern hängt am chinesischen Markt. Auch der deutsche Mittelstand, die vielzitierten "Hidden Champions", ist auf das Geschäft mit China angewiesen.
Kleine Riesen, versteckte Champions
Der Begriff "Hidden Champion" bezeichnet mittelständische Unternehmen, oft Weltmarktführer in engen Nischen, die außerhalb ihrer Branche kaum bekannt sind.
China hat für eine strukturell ähnliche Gruppe von Unternehmen eine eigene Bezeichnung geprägt: "Little Giants". Der Begriff taucht bereits in der 2015 vorgestellten Industriestrategie "Made in China 2025" auf und meint Unternehmen, die gezielt gefördert werden sollen, um China unabhängiger von ausländischen Zulieferern zu machen.
Wie sehr sich die Perspektiven deutscher und chinesischer Mittelständler mittlerweile überschneiden und zugleich reiben, zeigt eine Sonderbefragung der Forschungsabteilung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Im Rahmen ihres KfW-Mittelstandspanels befragte die Bank im September 2025 deutsche mittelständische Unternehmen gezielt zu ihrem Verhältnis zu chinesischen Partnern und Konkurrenten.
"German Engineering"
Das Ergebnis: Mehr als 40 Prozent der global tätigen Mittelständler rechnen mit einer Verschlechterung ihrer Wettbewerbsposition. Besonders pessimistisch fällt die Einschätzung bei Unternehmen aus, die direkte Wettbewerber in China haben.
Als Gründe für die gestiegene Konkurrenz nennen die befragten Unternehmen nicht nur günstige Preise chinesischer Anbieter (34 Prozent), sondern zunehmend auch deren gestiegene Produkt- und Servicequalität (28 Prozent). Die hohen heimischen Energiekosten wiederum werden von 41 Prozent der international tätigen Unternehmen als Risikofaktor benannt – vor allem im verarbeitenden Gewerbe.
Der Wettbewerb mit chinesischen Unternehmen ist damit längst nicht mehr nur eine Frage niedriger Produktionskosten. Chinesische Anbieter holen insbesondere technologisch auf. Für deutsche Mittelständler trifft damit eine neue Konkurrenz auf einen Standort, dessen eigene Kostenprobleme – insbesondere bei Energie – die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich belasten.
Die Kehrseite: Abhängigkeit als betriebswirtschaftliches Risiko
Der Konkurrenzangst steht ein ebenso handfestes Abhängigkeitsverhältnis gegenüber. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) hat Ende 2025 im Rahmen der Studie "Abhängigkeit des Mittelstands von Zulieferungen aus China" eine eigene Befragung durchgeführt.
Das Ergebnis relativiert die politisch oft geforderte "De-Risking"-Strategie (Minderung der Risiken von einseitigen Abhängigkeiten in Lieferketten durch Diversifizierung): Für viele mittelständische Betriebe stellt eine Abkehr von chinesischen Lieferbeziehungen selbst ein erhebliches betriebswirtschaftliches Risiko dar – schlicht, weil es sich um langjährige, eingespielte Geschäftsbeziehungen handelt, die sich nicht kurzfristig ersetzen lassen.
Es ist letztlich eine Nutzen-Kosten-Abwägung: Probleme können einerseits aus dem laufenden Im- oder Export mit chinesischen Handelspartnern entstehen, andererseits aber ebenso aus dem Abbruch solcher Kontakte. Die Kosten, die im Zuge einer Verlagerung von Handelsbeziehungen entstehen, lassen sich zudem kaum an die eigenen Kunden weiterreichen.
Strukturen vor Ort
Diese Abhängigkeit hat auch eine schlichte quantitative Dimension: Nach Angaben der Auslandshandelskammer sind 2024 rund 5.000 deutsche Unternehmen in China aktiv. In der AHK-Befragung desselben Jahres erklärten 92 Prozent der befragten deutschen Unternehmen, ihre Geschäftstätigkeit in China fortsetzen zu wollen. Nur 0,4 Prozent hatten konkrete Pläne, den Markt zu verlassen.
China ist damit für viele deutsche Unternehmen gleichzeitig Absatzmarkt, Produktionsstandort, Lieferant – und zunehmend auch Konkurrent. Gerade für den Mittelstand lässt sich dieses Verhältnis deshalb kaum in die Kategorien "Abhängigkeit" oder "Entkopplung" auflösen.
Auf diese Geschäftsbeziehungen können Sie bauen
Wie unterschiedlich die Schlussfolgerungen aus dieser Gemengelage innerhalb der deutschen Wirtschaft ausfallen, zeigt exemplarisch der Wirtschaftsraum rund um das baden-württembergische Schwäbisch Hall, wo zahlreiche mittelständische Weltmarktführer angesiedelt sind.
Der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) initiierte dort das "Gipfeltreffen der Weltmarktführer", ein mittlerweile jährlich stattfindendes Treffen erfolgreicher Hidden Champions. Auch der chinesische Generalkonsul in Frankfurt am Main, Huang Yiyang, sprach dort bereits mehrfach – ein Beispiel, das die enge Verzahnung zwischen regionaler Wirtschaftsförderung und Wirtschaftsdiplomatie illustriert.
Döring reiste zeitgleich mit Unternehmern und Wissenschaftlern im Rahmen der China-Reise der deutschen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Gegenüber der FAZ äußerte er sich unmissverständlich gegen geopolitische Blockbildung:
"Die zweitgrößte und die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt können sich nicht entkoppeln, zumindest nicht, wenn sie die zweitgrößte und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bleiben wollen."
Hintergrund seiner Haltung ist auch die Unzuverlässigkeit der USA als Wirtschaftspartner. Dass diese Position ins Schwarze trifft, zeigt sich daran, dass auch deutsche Großkonzerne wie Volkswagen ihre Präsenz in China ausbauen wollen.
Anknüpfen vor Ort
Auch institutionell wird die wirtschaftliche Anbindung an China weiter gepflegt. Im Januar 2026 reiste eine Delegation deutscher Mittelständler auf Einladung der AHK Greater China eine Woche durch das Land.
Ebenso auf regionaler Ebene zeigt sich, welche Bedeutung das China-Geschäft inzwischen hat: Das China-Kompetenzzentrum Düsseldorf verweist auf Nordrhein-Westfalen als europäische Spitzenregion für ausländische Direktinvestitionen. Düsseldorf hat sich unter den deutschen Großstädten zu einem wichtigen Zentrum für das Europageschäft internationaler Unternehmen, darunter zahlreiche chinesische Firmen, entwickelt; rund 5.500 Unternehmen aus aller Welt sind dort ansässig.
Darin zeigt sich ein grundlegender Widerspruch der gegenwärtigen China-Debatte: Während Bundespolitik und EU zunehmend die geopolitischen und damit auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen setzen, beruhen die Beziehungen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen vielfach auf über Jahrzehnte gewachsenen regionalen und unternehmerischen Netzwerken.
Die politische Forderung nach De-Risking trifft damit auf eine wirtschaftliche Realität, in der sich Geschäftsbeziehungen nicht einfach per politischem Beschluss neu ordnen lassen.
De-Risking ohne Zukunft
Keine Handelsbeziehung in der kapitalistischen Weltwirtschaft geht ohne Risiken oder Abhängigkeiten und diese lassen sich auch nicht durch bloße Absichtserklärung auflösen.
Für den deutschen Mittelstand könnte ein Ausstieg aus den eingespielten China-Geschäften eigene, oft höhere Risiken als das Bleiben erzeugen – fehlende Alternativen, unkalkulierbare Umstellungskosten, der Verlust jahrelang aufgebauter Marktkenntnis. De-Risking, wie es in Berlin und Brüssel verhandelt wird, verschiebt das Risiko damit häufig nur, statt es zu beseitigen: weg vom Lieferanten, hin zum eigenen Betrieb.
China selbst hat aus dieser Logik längst eine eigene Antwort abgeleitet – nicht Rückzug aus dem Welthandel, sondern der gezielte Aufbau eigener Unverzichtbarkeit. Das "Little Giant"-Programm ist im Kern eine Wette darauf, dass Souveränität nicht durch Abschottung entsteht, sondern durch technologische Überlegenheit in möglichst vielen Schlüsselgliedern der Lieferkette.
Für deutsche Hidden Champions liegt darin, so unbequem es klingen mag, weniger eine Drohung als eine Gebrauchsanweisung: Wer nicht mehr der günstigste Anbieter sein kann, muss der unverzichtbarste werden. Die Alternative dazu ist nicht Sicherheit, sondern nur eine andere, schlechter kalkulierbare Form von Risiko.