KI-Stimme. Info
Kurz bevor die erste Prognose auf dem kleinen Bildschirm am Rande der Bühne zu sehen war, stand Komiker Didi Hallervorden, umrahmt von Teilen des CDU‑Landesvorstandes, wie gebannt davor. Hallervorden richtete seinen Schlipps, dann stellte er sein Glas Tee auf den Stehtisch vor ihm. Der Komiker, gebürtig aus Sachsen-Anhalt, hatte Sven Schulze, CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident, im Wahlkampf unterstützt. Doch angesichts der dann zu sehenden Zahlen blieb Hallervorden nur, die eigenen Mundwinkel enttäuscht nach unten zu ziehen.

So wie Hallervorden ging es wohl den meisten Gästen auf der Wahlparty im Magdeburger Maritim-Hotel. Dass die CDU, nach Jahrzehnten der Dominanz, nicht mehr stärkste Kraft werden würde, kam nicht überraschend. Dass sie ihren Stimmenanteil aber praktisch halbieren würde, damit haben dann viele doch nicht gerechnet.
CDU-Debakel: Schulze distanziert sich im Wahlkampf von Merz
Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe
Schon um 18 Uhr ist damit klar: Der Abend ist ein Debakel für Spitzenkandidat Sven Schulze, der darum gekämpft hatte, Ministerpräsident bleiben zu können – aber auch für Bundeskanzler Friedrich Merz. Denn das Ergebnis ist auch Folge eines Bundestrends, mit dem die CDU deutschlandweit bei nur noch 20 Prozent steht und der Kanzler Negativrekorde bei den Beliebtheitswerten einfährt. Die Unzufriedenheit auch in Sachsen-Anhalt ist groß. Nach Zahlen von Infratest dimap sind 84 Prozent der Wählerinnen und Wähler dort der Meinung, die CDU habe vor der Bundestagswahl 2025 viel versprochen, aber nur wenig davon gehalten.
Schulze hatte im Wahlkampf deshalb versucht, Abstand zu halten zur Bundesregierung und weitgehend ohne den Bundeskanzler auszukommen. Profitiert hat er davon offenbar nicht.
Sachsen-Anhalt: Wenig Lust auf große Merz-Auftritte
Dem 47-Jährigen, der sich schon wenige Minuten nach der ersten Prognose auf die Bühne stellte, merkte man das niederschmetternde Ergebnis sichtlich an. So hatte sich der Mann, der sich über Wochen abgestrampelt und zig Termine gemacht hatte, den Wahlabend nicht vorgestellt. Die ersten Worte, die Schulze dann sagte, klangen zunächst erwartbar. Man hätte sich „in jeder Hinsicht ein anderes Ergebnis“ gewünscht, dieses müsse man nun „zur Kenntnis“ nehmen. Er gratulierte AfD-Wahlsieger Siegmund.
Hintergründe zur Wahl in Sachsen-Anhalt – für Sie recherchiert
Und dann schob Schulze einige bemerkenswerte Sätze hinterher. „Ich sage, das ist Demokratie und die Menschen sind heute zur Wahl gegangen. Wir haben eine Wahlbeteiligung, die wahrscheinlich zwischen 75 und 80 Prozent liegt. Das hatten wir für eine Landtagswahl so auch noch nie. Und die Menschen haben damit auch ein Zeichen gesetzt, und es gilt jetzt für diejenigen, die im Landtag Verantwortung tragen, aber auch darüber hinaus über Sachsen-Anhalt, dass man damit umgeht und dass man dieses Zeichen auch erkennt“, sagte Schulze weiter. Das konnte man durchaus als Wink an Kanzler Friedrich Merz in Berlin verstehen.
Inwieweit dieses Signal in Berlin ankommt, ist offen. Kanzleramtschefin Nina Warken sprach im ZDF von einer „Zäsur, für die Partei, für das Land“ und von einem „sehr, sehr schwierigen“ Ergebnis für die CDU. Sie interpretierte das Ergebnis so, dass die Bürgerinnen und Bürger die positiven Auswirkungen der geplanten Reformen noch nicht spüren würden. Es gelte jetzt, den Kurs fortzusetzen und die Menschen mehr mitzunehmen.
Mehr News zur Wahl in Sachsen-Anhalt
Generalsekretärin Franziska Hoppermann erneuerte im ARD-Fernsehen die Absage ihrer Partei an eine Zusammenarbeit mit der AfD. „Wir arbeiten nicht mit Extremen und vor allem nicht mit Rechtsextremen zusammen.“ Sven Schulze wies unterdessen Spekulationen zurück, dass möglicherweise Überläufer aus seiner künftigen Landtagsfraktion der AfD zu nötigen Mehrheiten verhelfen könnten.
CDU droht Machtverlust: Sachsen-Anhalt könnte erstmals AfD-regiert werden
In Sachsen-Anhalt könnte damit eine Ära zu Ende gehen: Seit 1990 hatte die CDU hier mit Ausnahme von zwei Wahlperioden stets den Ministerpräsidenten gestellt. Jetzt könnte das Land das erste werden, in dem die AfD regiert. Und Friedrich Merz, der bei seiner Rückkehr auf die bundespolitische Bühne einst angetreten war, die AfD zu „halbieren“, könnte als der Kanzler in die Geschichte eingehen, in dessen Regierungszeit zum ersten Mal seit 1945 in Deutschland wieder Rechtsextremisten an die Macht kommen. Innerhalb der Partei, im Rest des Landes, auch international wäre die Signalwirkung verheerend. Die Erschütterungen von Sachsen-Anhalt sind bis in die Berliner Parteizentrale der CDU zu spüren.
Unionsfraktionschef Thorsten Frei schloss zwar am Abend eine Diskussion über die Zukunft von Friedrich Merz als Bundeskanzler aus. Doch das heißt nicht, dass die nicht trotzdem kommen wird. Das Ergebnis dürfte den ohnehin hohen innerparteilichen Druck in der CDU weiter steigen lassen. Und die verunglückte Kabinettsumbildung im Sommer hat deutlich gezeigt, wie wenig der Bundeskanzler im Zweifel in der Lage ist, die Fliehkräfte in der Partei zu bändigen. Spekulationen über einen möglichen Kanzlerwechsel waren schon im Frühjahr laut geworden.
Sven Schulze ließ am Abend offen, welche Konsequenzen er persönlich aus dem Ergebnis zieht. Aus der CDU Sachsen-Anhalt kamen am Abend erste Forderungen, der Noch-Ministerpräsident möge sein Amt niederlegen. Der Landesverband der Jungen Union verlangte den Rücktritt des gesamten Landesvorstandes, die Landtagsabgeordnete Eva Feußner forderte Schulze auf, zu gehen.
Gegen Bundeskanzler Friedrich Merz gibt es solche Forderungen – bislang – nicht.