Zweiter Aufschlag
Die Geschäfte eines Frühpensionisten: Dominic Thiem nach der Tenniskarriere
Mit 31 hat der Tennisprofi seine Karriere beendet. Für den Ruhestand ist das etwas früh. Thiem ist seither Unternehmer. Hat ein Sportler das Zeug dazu?
Michael Steingruber
Was tun, wenn die Karriere im Profisport vorbei ist, man sich aber noch nicht reif für den Ruhestand fühlt? Na, dann wird man halt einfach Sportkommentator, Quizmaster, Influencer oder Schlagersänger. Auch Markenbotschafter ist ein beliebter Job. Dem geht, unter anderem, auch Tennisstar Dominic Thiem nach. Seit Februar 2026 wirbt er zum Beispiel für Samsung.
So ist es wenig überraschend, dass Thiem beim Interviewtermin eine Smartwatch des koreanischen Technologie-Konzerns trägt und im Gespräch versucht, die ein oder andere markenfreundliche Aussage zu platzieren. Schließlich ist das Treffen auf Initiative des Werbepartners entstanden. Als Testimonial braucht man vor allem eines: hohe Bekanntheit. Die hat Dominic Thiem zweifelsohne. Aber wie sieht es mit den Fähigkeiten aus, die es für die neuen unternehmerischen Tätigkeiten des Ex-Tennis-Profis braucht? Ein Gespräch über Teamwork, Selbstoptimierung und Schokolade.
STANDARD: Herr Thiem, Sie sind seit einiger Zeit kein Tennisspieler mehr, sondern Unternehmer. Ist das in der öffentlichen Wahrnehmung auch schon angekommen?
Thiem: Dass mich die meisten noch als Tennis-spieler ansprechen, ist völlig klar und stört mich nicht. Ich bin ja glücklich mit meiner Vergangenheit. Die jüngeren Kids, die während meiner besten Zeit drei oder vier Jahre alt waren, kennen mich eher aus Werbungen und sozialen Medien. Sie nehmen mich nicht primär als Tennisspieler wahr.
Im Oktober 2024 beendete Dominic Thiem seine Karriere im Profitennis. Seither engagiert er sich in unterschiedlichen Projekten. Die Thiem Academy Burgenland in Oberpullendorf ist ein professionelles Trainingszentrum zur Förderung von jungen Tennistalenten. Dominic Thiem fungiert als Mentor, sein Vater Wolfgang hat die sportliche Leitung inne. Thiem Energy ist eine österreichweite Bürgerenergiegemeinschaft, die Dominic Thiem mit seinem Bruder Moritz und der Solah GmbH ins Leben gerufen hat. Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Quellen speisen ihre Überschüsse in das Gemeinschaftsnetz ein, das von den Mitgliedern dann genutzt werden kann. Mit Thiem View hat Dominic Thiem auch eine eigene Sonnenbrillenmarke, die gemeinsam mit Sehen Wutscher als Hersteller und Vertriebspartner betrieben wird. Dominic Thiem tritt auch immer wieder als Investor auf, hat Beteiligungen an Start-Ups wie dem Snackproduzenten Neoh, der Sportinvestitionsplattform Fantium und den digitalen Tools für Sportcontent von Scoreplay. Dazu kommen noch Werbepartnerschaften mit Marken wie Samsung, Red Bull, Adidas, BMW und einigen anderen.
STANDARD: Mit dem Profisport assoziiert man viele Fähigkeiten – unternehmerische stehen aber nicht ganz oben auf der Liste. Was muss man beachten, wenn man vom Tennisspieler zum Geschäftsmann wird?
Thiem: Der Wechsel war kein spontaner Schritt. Mein letztes Match war im Oktober 2024, aber die Entscheidung, aufzuhören, habe ich schon Anfang des Jahres getroffen. Das gab mir ein halbes Jahr Zeit, mich vorzubereiten. Ich habe andere Sportler kontaktiert, die ähnliche Wege gegangen sind, und mein Team mobilisiert. Dessen Kern kommt aus meinem familiären Umfeld, aber es gibt natürlich noch viel mehr Menschen, die involviert sind. Schließlich hab ich ja mehrere Standbeine. Im Sport war ich allein verantwortlich für meine Ziele und deren Erreichung. Jetzt hängt das bei Weitem nicht mehr nur von mir ab.
STANDARD: Unternehmensführung als Teamsport quasi, um einen platten Vergleich mit der Sportwelt zu machen. Apropos: Dort ist Disziplin ja sehr wichtig. Inwiefern profitieren Sie von der Eigenschaft auch als Unternehmer?
Thiem: Als ich jünger war, hab ich mir tatsächlich gedacht, wenn ich meine Karriere beende, werde ich eine Zeit lang gar nichts machen. Weil, es natürlich nicht immer angenehm ist, früh aufzustehen und Höchstleistung zu bringen. Wenn die Profisportkarriere vorbei ist, kann man sich durchaus eine Pause gönnen. Aber mir haben viele Leute geraten, unbedingt beschäftigt zu bleiben. Wenn man zu lange gar nichts macht, kann das zum Problem werden, vor allem, weil davor der Tagesablauf so strukturiert war.
Dominic Thiem begann mit fünf Jahren, Tennis zu spielen. 2014 gelang ihm der Einzug in die Top 100 der Tennisweltrangliste, auf der er es noch bis auf Platz 3 schaffen sollte. Der wohl größte Erfolg in Thiems sportlicher Karriere war aber sein Sieg bei den US-Open im Jahr 2020. Darüber hinaus erreichte er drei weitere Grand-Slam-Finale, gewann 17 ATP-Titel und viele weitere Turniere. Dominic Thiem ist nicht nur aus österreichischer Sicht einer der besten Tennisspieler, er gehörte auch international über mehrere Jahre zur absoluten Weltspitze.
STANDARD: Der Lebensstil eines Profisportlers ist extrem. Die Umstellung ist sicher nicht einfach – vor allem psychologisch. Wie haben Sie das erlebt?
Thiem: Mein ganzes System war jahrelang auf Hochleistungssport getrimmt, mein Körper war im Endeffekt dazu da, am Tennisplatz zu funktionieren. Ich war gespannt, wie es wohl sein wird, den bis dahin mit Abstand wichtigsten Bereich in meinem Leben hinter mir lassen. Um Körper und Geist auf die ruhigere Phase einzustellen, habe ich als Erstes versucht, meinen Schlafrhythmus zu normalisieren. Der hatte im Alltag als Profisportler gelitten, mit all dem Trainieren, Turniere spielen und Reisen über Zeitzonen hinweg.
STANDARD: Und ist es Ihnen gelungen?
Thiem: Ich gehe super gerne spazieren, vor allem in der Früh – direkt nach dem Aufstehen raus ans Tageslicht. Das hilft hinten raus beim Einschlafen. Kein Kaffee nach 15 Uhr, keine Desserts zum Abendessen. Das habe ich durch Schlaftracking mit meiner Smartwatch gelernt. (Hier spricht Thiem in seiner Rolle als Markenbotschafter. Werbepartner Samsung wird‘s freuen, Anm.)
STANDARD: Performance-Überwachung also. Ein Überbleibsel aus der Profikarriere?
Thiem (lacht): Aber wenn ich intensiven Sport mache, tracke ich gerne: Puls, wie ich mich fühle, auch meinen Schlaf. Es ist interessant, das subjektive Gefühl mit den objektiven Daten abzugleichen.
STANDARD: Stellt die permanente Befassung mit den eigenen Gesundheitsdaten nicht erst einen Stressfaktor dar, der für den healthy lifestyle kontraproduktiv ist? Man sorgt sich womöglich, wenn die Schlafdaten nicht optimal sind, und kann dann erst nicht schlafen…
Thiem: Das ist mir nicht ganz fremd, aber ich versuche, eine gewisse Entspanntheit an den Tag zu legen. Der Körper ist keine Maschine. Was ich auch ganz wichtig finde: Nicht direkt nach dem Aufstehen sofort das Schlaf-Tracking checken.
STANDARD: Apropos Bildschirmzeit. Wie ist es mit Ihrer Disziplin in dieser Sache bestellt?
Thiem: Wir haben alle mehr als genug Bildschirmzeit, hauptsächlich wegen der Arbeit. Smartphones sind super, um in Kontakt zu bleiben. Aber ich versuche, unnötige Zeit am Handy zu vermeiden. Eine halbe Stunde durch soziale Netzwerke zu scrollen ist reine Zeitverschwendung. In dieser Zeit kannst du so viel für deinen Körper, deinen Geist, dein Wohlbefinden tun.
STANDARD: Aber Algorithmen sind ja bewusst so gemacht, dass wir weiterscrollen…
Thiem: Ja, auch mir fällt es schwer, mich loszureißen. Deshalb versuche ich, das Handy möglichst gar nicht erst rauszuholen, um zum Beispiel jede kleine Frage im Alltag zu googeln. Denn es bleibt ja meist nicht dabei. Das Gefühl, dem Reiz zu widerstehen, ist wirklich gut. Man wird ruhiger und ausgeglichener.
STANDARD: Das klingt alles sehr diszipliniert. Haben Sie denn gar keine Laster oder guilty pleasures?
Thiem: Ich mag die 80-20-Regel: 80 Prozent wirklich gut auf die Gesundheit schauen, 20 Prozent darf es auch nicht ideal sein. Ich liebe Süßes, vor allem Schokolade. Oder manchmal, wenn ich spät heimkomme, setze ich mich mit einer Pizza vor den Fernseher. Man muss nicht jeden Tag perfekt sein. Ich finde es leichter, die Tage gesund durchzuziehen, wenn ich mir hin und wieder was gönne. Wichtig ist mir dabei, die Mahlzeit zu zelebrieren, bewusst wahrzunehmen und nicht vor dem Handy reinzuschlingen.
STANDARD: Alkoholkonsum ist fast schon sowas wie Nationalsport in Österreich. Oft gibt’s komische Kommentare, wenn man ablehnt. Kennen Sie das auch, als jemand, der kaum trinkt?
Thiem: Ich glaube als (Ex)-Profisportler ist man da eine seltene Ausnahme. Das Argument scheinen die Leute zu akzeptieren (lacht).
(Michael Steingruber, 3.10.2026)
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