Ex-Verteidigungsminister
Die Personalie Fedorow beschäftigt die Ukraine weiter
Der Aufruf des geschassten Verteidigungsministers, Wahlen durchzuführen, geht vielen zu weit. Nun reist Fedorow in die USA. Worum es bei den Gesprächen gehen wird, ist ungewiss
Florian Niederndorfer
Seine Entlassung im Juli führte zu den größten Straßenprotesten in der Ukraine seit Kriegsbeginn. Seither, so hat es den Anschein, dominiert die Personalie Mychailo Fedorows den Diskurs in Kyjiw. Nun könnte der Stern des erfolgreichen, nach nur sechs Monaten geschassten Verteidigungsministers erste Schrammen davontragen.
Weil er seinen einstigen Förderer, Präsident Wolodymyr Selenskyj, lautstark unter Druck setzt, sich trotz des laufenden russischen Angriffskriegs einer Wahl zu stellen, verliert zumindest ein Teil seiner Anhänger die Geduld mit dem einstigen Shooting-Star.
Während die Ukraine Ziele in Russland mit ihrem – unter Fedorow maßgeblich vorangetriebenen – Drohnenprogramm attackiert, geht in Kyjiw die Angst vor einem verheerenden Winter um, in dem sich die Ukraine nicht mehr gegen Russlands ballistische Raketen wehren kann.
Weil der ehemalige Minister ausgerechnet jetzt in die PR-Offensive geht, fürchten manche eine Destabilisierung des Landes – und sprechen von gekränkter Eitelkeit.
Große Ambitionen
Dem 35-Jährigen, dem selbst große Ambitionen nachgesagt werden, war nach seiner Entlassung ein Beraterposten bei Selenskyj angeboten worden – vergeblich. Der Politiker, der über beste Kontakte ins Silicon Valley verfügt, ist vor allem unter Jungen beliebt. Auch deshalb, weil er auf Technik setzt, statt auf opferreiche Taktiken.
Sein Angehen gegen die Korruption im Rüstungssektor, das viele als Beweis für Fedorows Integrität sehen, blieb unbelohnt. Sechs Monate waren auch für Fedorow zu wenig, um Strukturen zu ändern. Vielen, die unter der auch im Alltag präsenten Korruption leiden und Angst vor einer Einberufung haben, gilt Fedorow trotzdem als Versprechen für die Zukunft.
Spätestens mit der Bestellung von Mychailo Drapatyj als Armeechef, der kurz nach Fedorows Entlassung dessen Rivalen Oleksandr Syrskyj beerbte, und jener Jewhenij Chmaras als neuem Verteidigungsminister ist aber klar, dass sich das Rad weitergedreht hat. Beide gelten als beliebt in der Truppe, moderner Technik zugeneigt und als ebenso frei von Korruptionsvorwürfen wie Fedorow.
Dass dieser nun wider besseres Wissen – laut ukrainischer Verfassung sind Wahlen im Krieg nicht möglich – zu einer Abwahl Selenskyjs aufruft, geht vielen zu weit.
Reise in die USA
Dmytro Koziatynskyj etwa, der die Pro-Fedorow-Proteste organisiert hatte, sagte am Freitag, er fürchte gesellschaftliche Risse, sollte jetzt ein Wahlkampf geführt werden, wie von Fedorow gefordert. Zudem weiß niemand, wie die Hunderttausenden Frontsoldaten wählen gehen sollten.
Von den Tausenden wiederum, die zu Beginn in Kyjiw für den jungen Minister auf die Straße gegangen waren, sind laut einem Bericht des Guardian nur mehr ein paar Dutzend übrig. "Wir hatten nicht die Idee, dass Wahlen stattfinden sollten", wird eine der Teilnehmenden dort zitiert: "Dafür waren wir nicht hier."
Kommende Woche will Fedorow dorthin reisen, wo er in der Vergangenheit wertvolle Unterstützung für die Ukraine aufgestellt hat: in die USA. Berichtet wird, dass Fedorow das Gespräch mit Starlink-Chef Elon Musk suchen will. Seit Wochen drängt Kyjiw darauf, dass seine Drohnen den Internetdienst für Angriffe auf Raketenwerfer hinter der russischen Grenze nutzen können. Ebenso gut ist aber möglich, dass Fedorow neue berufliche Betätigungen auslotet. An Fertigkeiten und Kontakten wird es ihm nicht fehlen. (Florian Niederndorfer, 22.8.2026)
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