Die unbarmherzige Sezierung der Ehe: Heinz Strunks „Memories of Heidelberg“
Stand: 05.08.2026, 07:39 Uhr
Kommentare
Hinweis an unsere Leser: Dieser Text enthält Affiliate-Links zu kommerziellen Angeboten. Diese sind mit einem Outbound-Symbol (quadratisches Kästchen mit Pfeil) gekennzeichnet. Kommt über einen solchen Link ein Kauf zustande, erhalten wir vom jeweiligen Partner eine Provision. Dies beeinflusst jedoch weder unsere Produktauswahl, noch entstehen Ihnen dadurch Mehrkosten.
Ein Hotel für 500 Euro, Kälte auf dem Ausflugsschiff und Peggy March in Endlosschleife. So grausam und komisch war Heinz Strunks Blick auf die Liebe noch nie.
Frankfurt – Es gibt unzählige Wege, den Niedergang einer romantischen Verbindung literarisch zu verarbeiten. Oft sind es die lauten, dramatischen Eklats, die zerbrochenes Porzellan und fliegende Türen nach sich ziehen, welche die Seiten füllen. Doch die wahre Tragik der Liebe verbirgt sich meist im Stillen, in jener lähmenden Vergeblichkeit, wenn die Leidenschaft längst einem eisigen Nebel aus Gleichgültigkeit und ungesagten Vorwürfen gewichen ist. Wenn Paare nur noch durch eine Art Totenstarre zusammengehalten werden, wird der scheinbar vertraute Alltag unweigerlich zum emotionalen Minenfeld.

Genau hier, in der Komfortzone europäischer Trostlosigkeit, läuft der Schriftsteller und Entertainer Heinz Strunk, hier im Interview mit Ippen.Media, stets zur literarischen Höchstform auf. Wer seine früheren Werke kennt, weiß um sein einzigartiges Gespür für die Abgründe prekärer Männlichkeit und des deutschen Spießbürgertums. Mit seinem neuen Roman „Memories of Heidelberg“ liefert der Meister der feinen Schnoddrigkeit nun ein meisterhaftes Epochenporträt, das Deutschland in der Dauerschleife seiner Endzeitstimmung einfängt. Es ist ein Buch, das genau da schmerzt, wo es am intimsten wird – im Ehebett.
„Memories of Heidelberg“ von Heinz Sturnk: Die gnadenlose Sezierung der Ehe
Die Ausgangslage könnte trügerischer kaum sein: Heidelberg, die viel besungene Stadt der Romantik, soll eigentlich den Rahmen für ein harmonisches Familienfest bilden. Isolde und ihr Ehemann Bertram reisen an, um den 80. Geburtstag von Isoldes Mutter Erika im kleinen Kreis zu feiern. Doch als die alte Dame überraschend ins Krankenhaus muss, offenbart sich die klaffende Leere zwischen dem Ehepaar. Während Bertram am liebsten auf dem Absatz kehrtmachen und ins rettende, fleischbergige Steakhaus seiner Heimatstadt Oldenburg flüchten würde, zwingt ihn das Schicksal, die verbleibende Woche mit seiner Frau in einem 500 Euro teuren Boutiquehotel erbarmungslos abzusitzen.
Heinz Strunk „Memories of Heidelberg“
► 2026 Rowohlt, ISBN-13 978-3-498-00974-8
► Preis: gebunden 23 €, 173 Seiten
Was nun folgt, ist eine Sezierung der Ehe, die so treffsicher wie qualvoll komisch ist. Isolde, die sich moralisch und intellektuell stets im Recht wähnt, teilt ihrem sichtlich gealterten Gatten trocken mit, dass sie keinen Sex mehr wolle. Sie sei mit dem Thema schlichtweg durch. Bertram, der den „Walkürenkörper“ seiner Frau weiterhin begehrt, bleibt fassungslos zurück. Seine hilflose, fast panische Frage nach ärztlichem Beistand kontert sie eiskalt: Es sei nun einmal körperlich bedingt.
Während Isolde versucht, die Weltuntergangsstimmung mit einer aufgesetzten, fast manischen Fröhlichkeit wegzulächeln, gleitet Bertram immer tiefer in die Demütigung ab. Sein physischer Verfall – heimlich verschlingt er Schokoriegel – wird von seiner Frau mitleidlos dokumentiert. Selbst wenn er mit hochrotem Kopf den berühmten Philosophenweg hinaufkeucht, hält sie rasch und unbarmherzig die Handykamera drauf.
Strunk bettet dieses Kammerspiel der Liebesmüden in ein Setting ein, dessen anfangs grausamer Realismus unaufhaltsam ins Surreale kippt. Jeden Abend zieht es Isolde hartnäckig auf die „Karolina“, ein ehemaliges Fahrgastschiff direkt gegenüber dem sündhaft teuren Hotel.
Was am ersten Abend noch mit scheinbarem italienischem Charme, Gratis-Schnaps und Ciabatta verlockt, mutiert rasant zum echten Fegefeuer. Der vermeintliche Logenplatz auf dem Schiff entpuppt sich als eisige Raucherecke, in die sie verbannt werden. Das Paar wird zunehmend wie räudige Hunde behandelt, vom Personal verhöhnt und offen verspottet. Und über allem dröhnt Peggy Marchs 1967er-Schlager „Memories of Heidelberg“ in einer nervtötenden Endlosschleife, die sich wie ein Bohrer in Bertrams malträtiertes Hirn frisst.
In diesen wahnwitzigen Momenten zeigt sich Heinz Strunks Virtuosität als großer Unterhalter. Er verwebt Schlagerästhetik, alte Heidelberg-Mythen und skurrile Nebenfiguren – seien es amüsierwütige Frauentrios oder schwadronierende Versicherungsvertreter in ihrem Kauderwelsch – zu einer dichten, erstickenden Atmosphäre des Untergangs.
„Seitenweise Sven“ – der Newsletter
Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter und Sie erhalten „Seitenweise Sven“ direkt in Ihr Postfach. So verpassen Sie keine Ausgabe der Kolumne, in der Sven Trautwein seine Meinung zu kontroversen Themen aus der Literaturwelt preisgibt.

Doch der wahre Glanz dieses Romans liegt letztlich nicht im lauten Klamauk, sondern in der meisterhaft eingefangenen Melancholie der stillen Passagen. Der leise Abschied eines Mannes kurz vor der Sechzig, dessen schützende Lebensmauer nach vierzig Jahren plötzlich verschwunden ist, hinterlässt Spuren. Es ist zweifellos so: Dieses Buch ist nicht leicht, entwickelt aber einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Eine wunderbare Urlaubslektüre.
Sommerlich leichtere Unterhaltung gibt es hier in den Sommertipps. Wie Bestsellerautoren, darunter Alexa Henning von Lange oder Matt Haig auf ihre Ideen kommen, lesen Sie hier in den Interviews. Übrigens: Bleiben Sie auf dem Laufenden zu Buchtipps und Neuigkeiten aus der Buchwelt mit unserem Newsletter. Hier abonnieren. (str)