Argentinien steht nach Sieg über England im WM-Finale: Die Unbeugsamen und der Himmlische

Stand: 16.07.2026, 19:07 Uhr

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Lionel Messi trägt die Argentinier ins nächste WM-Finale. Dort wartet gegen Spanien eine besonders spannende Konstellation.

Atlanta – Viele sagen ja, das Georgia Aquarium wäre die beste Attraktion von Atlanta. Riesige Becken, die Belugawale, Mantarochen oder Hammerhaie durchziehen. Bestaunt von Menschen, die sich hinter dickem Acrylglas die Nase plattdrücken. Und dann erst diese Delfine, die mit Karacho durchs Wasser fegen, um die Zuschauer der ersten Reihen zu bespritzen. Doch bitte, die bessere Unterhaltung ist keinen Kilometer weiter aus der Multifunktionsarena gekommen, wo ein episches WM-Halbfinale zwischen England und Argentinien (1:2) in die Geschichtsbücher eingeht. Und niemand muss dafür gefangen gehalten und dressiert werden wie die Meeresbewohner. Wobei inzwischen nicht so klar ist, ob Lionel Messi wirklich von dieser Welt ist.

Hoch soll er leben: Lionel Messi, 39 Jahre alt.

Hoch soll er leben: Lionel Messi, 39 Jahre alt. © picture alliance/dpa | Tom Weller / AF

Aber doch, er hat gelacht, getrommelt – und immer und immer wieder die Fäuste geschwungen, mit einem breiten Grinsen, das den 39-Jährigen wie ein Kind aussehen ließ, das wie früher die Kumpels aus Rosario ausgetrickst hat.

Fan-Unterstützung schwappt auf den Rasen

Sein aktueller Lehrmeister, Nationaltrainer Lionel Scaloni, gewann nach diesem atemberaubenden Abnutzungskampf einen genau solchen Eindruck: „Sie spielen wie Achtjährige. Sie denken nicht daran, ob sie vorbeischießen oder ins Finale kommen. Sie wollen nur Fußball spielen.“ Ihm fiel nicht das richtige Adjektiv ein, um seine verschworene Gemeinschaft zu charakterisieren: „Episch? Historisch? Es gibt nichts Vergleichbares. Die Jungs hatten keine Angst, sie fühlten die Last der Verantwortung nicht.“

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Insbesondere Messi ist von einer immer noch unbeschwerten kindlichen Freude beseelt, die dem auf vielen Ebenen entfesselten Fußballgeschäft gut tut. So lange Argentiniens Nummer zehn zaubert, schwärmen alle. Auch Scaloni: „Die letzten 15, 20 Minuten. Lionel wollte jeden Ball, er wollte die Mannschaft antreiben, konnte machen, was er wollte. Er hat alles gegeben.“ Mal wieder. Nicht als Torschütze, aber als zweifacher Vorbereiter.

Auch nach 206 Länderspielen, nach ersehnten Titeln bei der Copa America und dem erträumten WM-Titel, hat der Antrieb nicht gelitten. In der überfüllten Mixed Zone erreichten den Nationalheiligen gar keine Fragen mehr, sondern Huldigungen, auf die kaum noch vernünftig zu antworten war. Messi versuchte es trotzdem: „Ich bin sehr glücklich und wie immer sehr dankbar dafür, dass wir alles bekommen, was wir wollten. Wir sind hierher gekommen, um Weltmeister zu werden.“

Das Endspiel gegen Spanien in New Jersey (Sonntag 21 Uhr MESZ / alle TV-Infos) steht unter einem besonderen Stern. „Es ist Wahnsinn, in zwei aufeinanderfolgenden Finals zu spielen. Es wird ein sehr besonderes Spiel zwischen zwei fantastischen Mannschaften“, frohlockte Messi.

Das himmelblaue Herz hat mit 13 Jahren bekanntlich bereits die Heimat verlassen, um beim FC Barcelona zum Weltstar heranzureifen, der erst gehen musste, als die Katalanen sein astronomisches Gehalt nicht mehr bezahlen konnten. Auch Scaloni, das himmelblaue Hirn, muss über die Konstellation sanft lächeln: Acht Jahre spielte er bei Deportivo La Coruña, lernte hier seine Frau kennen. Der 48-Jährige richtete vorsorglich schon mal aus: „Jeder weiß, dass ich spanische Verbindungen habe, aber am Sonntag, es tut mir leid, will ich sie schlagen.“

Im WM-Finale kündigt sich ein Kampf der Fußballkulturen an

Es kündigt sich ein Kampf der Fußballkulturen an, denn weder der Europameister noch der Weltmeister wird seinen jeweiligen Ansatz aufgeben. Alle K.o.-Spiele der „Albiceleste“ folgten demselben Muster. Wille und Wucht sind ihr elementarer Bestandteil fürs titelreife Drama. Der Kraftakt gegen Kap Verde (3:2 n.V.), die Aufholjagd gegen Ägypten (3:2), das Nervenspiel gegen die Schweiz (3:1 n.V.): Nichts ging ihnen spielerisch leicht von der Hand.

Gegen England versuchten sie sich anfangs in einem fast blutrünstigen Stil, der aber gegen einen zu diesem Zeitpunkt noch widerstandsfähigen Gegner nicht zum Erfolg führte. Nach dem Rückstand durch Anthony Gordon (56.) veränderten die Einwechslungen von Stürmer Nicolas Gonzalez und Mittelfeldspieler Rodrigo de Paul entscheidend die Statik. Nun bemühten sie mit spielerischen Mitteln die volle Platzbreite, wobei Messi sich über die rechte Flanke ein besseres Betätigungsfeld erschlich. Kein Zufall, dass Enzo Fernandez nach seinem Zuspiel aus der Distanz traf (85.), dann Lautaro Martinez nach seiner Traumflanke einköpfte (90.+2). Noch eine Episode für Hollywood.

„Ich habe immer davon geträumt, schon als mein Vater mir die ersten Fußballschuhe gekauft hat. Ich habe das geträumt, ich schwöre es dir“, erklärte der in Tränen aufgelöste Siegtorschütze. Hochverdient war’s allemal gegen die ermatteten Engländer. Am Ende hatten gerade die argentinischen Profis aus der Premier League alles dafür getan, ihren Gegner auszupressen wie eine Zitrone. Ihre Übermacht wird ganz ähnlich wie vor dreieinhalb Jahren in Katar erzeugt: Die enthemmte Unterstützung des Anhangs auf den Rängen überträgt sich früher oder später auf die energetischen Akteure auf dem Rasen.

Dazu hatte die Stadt Atlanta am Mittwochabend auch noch etwas zu bieten: ein bombastisches Feuerwerk direkt über dem Fanfest eine Stunde vor Mitternacht, als sich hier noch viele Argentinier tummelten. Sie werden Downtown Atlanta immer in Erinnerung behalten. Auch ohne eines der größten Aquarien der Welt zu besuchen.