Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
Populisten haben eine simple Methode: Sie schreien die Wirklichkeit so lange an, bis diese für einen Augenblick kleinlaut wirkt. Donald Trump beherrscht diese Taktik wie kaum ein anderer: das große Maul als Regierungsersatz, die Drohung als Diplomatie-Maskerade, der Tweet als Rammbock. Als er im Januar 2025 zum zweiten Mal ins Weiße Haus einzog, blies er die Backen auf: "Das goldene Zeitalter Amerikas beginnt genau jetzt", verkündete er in seiner Antrittsrede; die USA würden nun endlich wieder respektiert, bewundert, gefürchtet und beneidet werden. Es war der typische Trump-Sound: halb Erlöserpredigt, halb Immobilienprospekt.
Seither hat der US-Präsident unzählige Dinge angekündigt, widerrufen, angedroht, umbenannt, erhöht, bestraft. Freund und Feind ließ er dieselbe Behandlung angedeihen: erst die Ohrfeige, dann die Rechnung. Wer sich duckte, tat es in der Hoffnung, der nächste Schlag möge den Nachbarn treffen. Das ist die Logik des Hofstaats unter einem unberechenbaren Fürsten: Man verbeugt sich nicht aus Respekt, sondern aus Angst vor der Laune des Herrschers.
Doch diese Methode läuft auf Dauer ins Leere, wenn der Fürst schneller redet, als er denken kann. Deshalb tappt der starke Maxe im Spätsommer 2026 nur noch als Karikatur über die Weltbühne: Ein Präsident, der halbstark herumbrüllt, weil er kaum noch echte Stärke besitzt. Ein Feldherr, der mit Kanonenbooten Geschichte schreiben wollte und nun von den Folgen seiner eigenen Dummheit verfolgt wird.
Macht bemisst sich auch daran, ob Drohungen wirken. Im Persischen Golf jedoch verhallt eine Drohung Trumps nach der anderen. Die Lage an der Straße von Hormus zeigt, wie schnell aus imperialem Gebrüll ein logistischer Albtraum wird. Schiffsblockaden, Schläge und Gegenschläge, steigende Ölpreise und wachsende Unsicherheit belegen eine einfache Wahrheit, die im stumpfen Trumpismus nie vorkommt: Wer einen Konflikt entzündet, kontrolliert nicht automatisch den Brand. Stattdessen wird er oft selbst von ihm erfasst.
Das sehen auch die Verbündeten. Die Golfstaaten haben sich jahrzehntelang auf das amerikanische Schutzversprechen verlassen. Doch wenn der Beschützer selbst zum Auslöser der Bedrohung wird, verliert er seinen Wert. Und wer erkennt, dass der Hegemon schwankt, beginnt sich umzusehen: nach anderen Verbündeten, anderen Sicherheiten, anderen Garantien. Deshalb wenden sich die arabischen Staaten nun China und Europa zu, und die USA verlieren ihre dominante Rolle in der rohstoffreichsten Weltregion.
Auf dem eigenen Kontinent sieht es für die USA nicht besser aus. Das Nachbarland Kanada hat genug vom Washingtoner Zolltheater. Die jüngsten amerikanischen Strafzahlungen hat die Regierung des selbstbewussten Premierministers Mark Carney gestern prompt mit hohen Gegenzöllen gekontert. Der Konflikt wird dem 40-Millionen-Land schaden, aber das ist es den Kanadiern wert, um sich gegen den aggressiven Nachbarn zu behaupten, wie unser Korrespondent Bastian Brauns zeigt. Irgendwann wird auch den Trumpisten dämmern, was sie da anrichten: Wer Handelspolitik wie eine Kneipenschlägerei betreibt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende auch die eigenen Leute bluten.
Zumal den USA ihre Schulden über den Kopf wachsen. Das Land der unbegrenzten Kreditlinien hat soeben eine neue Rekordmarke durchbrochen: 40 Billionen Dollar Staatsschulden türmen sich nun in den Büchern – eine Zahl mit 13 Nullen. Durch Trumps chaotische Politik ist die Summe allein in den vergangenen zwölf Monaten um fast drei Billionen Dollar gestiegen. Investoren reagieren nervös und verlangen höhere Risikoaufschläge. Durch die Finanzbranche geistert das Schreckgespenst einer amerikanischen Staatspleite, die die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen würde. Finanzminister Scott Bessent versucht mit hektischen Tricks gegenzusteuern und kauft US-Staatsanleihen in Milliardenhöhe auf – doch der Effekt verpufft. Zeitgleich steigen die Lebenshaltungskosten, die Amerikaner müssen immer mehr für Lebensmittel und Benzin berappen. Statt eines goldenen Zeitalters schlittern sie geradewegs auf eine Staatskrise zu.

Das alles ist nicht bloß die Geschichte eines überforderten Präsidenten. Es ist ein Lehrstück über den Populismus. Populisten verkaufen Komplexität als Betrug und Einfachheit als Erlösung. Sie behaupten, es gebe immer einen Schuldigen, eine Grenze, einen Zollsatz, einen Feind und eine Unterschrift, nach der alles gut werde. Sie machen aus Politik eine Zaubernummer: Hut auf, Kaninchen raus, Applaus! Nur dass irgendwann kein Kaninchen mehr im Hut liegt, sondern die Rechnung.
Großbritannien hat diese Tragödie auch schon vorgeführt bekommen. Der Brexit wurde von seinen Claqueuren als Befreiung verkauft, als nationale Selbstheilung durch den Austritt aus der EU. Zehn Jahre später entpuppt er sich als historischer Fehler. Das Bruttoinlandsprodukt ist gedrosselt, Investitionen bleiben aus, die Produktivität leidet. Versprochen wurde Souveränität. Geliefert wurden Formulare, Friktionen und Frust.
Populistische Politik schadet kolossal: So ist es in Großbritannien, so ist es nun in den Vereinigten Staaten. Und so könnte es auch in Deutschland kommen, falls genügend Wähler den extremen Populisten der AfD den Staat als Experimentierkasten überlassen. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, was dann geschieht: Erst kommen die einfachen Antworten, dann die institutionellen Brände, schließlich die Ausreden. Schuld sind immer die anderen: Brüssel, Berlin, die Medien, die Gerichte, die Ausländer, die "Altparteien", das Wetter. Nur niemals jene, die aus Ressentiment ein Regierungsprogramm zimmern wollten.
Die Lehren aus Trumps Versagen sind deshalb glasklar: Erstens darf man Erpresser nicht dadurch besänftigen, dass man ihnen das Silberbesteck reicht. Wer vor jeder Drohung zurückweicht, ermuntert den Angreifer zur nächsten Drohung. Stattdessen braucht es klare Kante, so wie Kanadas Premier sie beweist. Demokraten müssen lernen, dass Nachgiebigkeit gegenüber politischem Rowdytum nicht friedfertig ist, sondern fahrlässig.
Die zweite Lehre betrifft auch deutsche Wähler: Zorn ist kein Konzept, Lärm keine Führung und Aggressivität keine Kompetenz. Wer Populisten Macht gibt, bekommt am Ende nicht das versprochene goldene Zeitalter, sondern Verantwortungslosigkeit, Chaos und Probleme. So viel Grips sollten die meisten Zeitgenossen eigentlich haben, dass sie die Brandstifter erkennen, bevor diese das Haus anzünden.