Stand: 31.07.2026, 07:02 Uhr
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Das Thema Bürgergeldempfänger erhitzt die Gemüter, wird auch von der Politik angeheizt. Doch wie groß ist es in der Realität? Zeit für ein paar Fakten bei all den Klischees.
München – „Die öffentliche Debatte vermittelt oft den Eindruck, als sei Bürgergeldmissbrauch eines der größten Probleme unseres Sozialstaats.“ Samuel Jalalian aus Erlangen promoviert derzeit im Institut für Soziologie an der Münchner LMU zu Bildungs- und Vermögensungleichheiten. Im Gespräch mit unserer Redaktion räumt der Experte mit einigen Klischees und Vorurteilen rund um das Thema Bürgergeld auf.

Bürgergeldempfänger in Deutschland: Zwischen Fakten und Klischee
Zum Thema Armut gibt es unzählige Vorurteile und Klischees. Im politischen Diskurs ging es vor allem die letzten Monate über viel um das Thema Bürgergeld und nicht arbeitende Bürgergeldbezieher. Es konnte der Eindruck entstehen, Letztere seien das Hauptproblem für die fehlenden finanziellen Mittel in Deutschland. Die Realität sieht aber anders aus: Die Gruppe jener Bürgergeldempfänger, die gesund und arbeitsfähig sind, aber nicht arbeiten wollen, ist Jalalian zufolge „verschwindend klein“. Jalalian erklärt: „2024 gab es rund 16.000 solcher Totalverweigerer, lediglich 0,4 Prozent aller erwerbsfähigen Bürgergeldbeziehenden (2025: 0,8 Prozent).“ Insgesamt zählt Deutschland Stand 2024 übrigens 5,5 Millionen Bürgergeldempfänger.
Samuel Jalalian – LMU-Experte zum Thema Armut
Samuel Jalalian, geboren in Erlangen in Bayern, wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. Nach dem Abitur studierte er Soziologie und Philosophie, schloss einen Master in Soziologie an und promoviert seit 2023 an der LMU München zu Bildungs- und Vermögensungleichheiten. Um das Thema Armut ausführlich zu beleuchten, hat ihn unsere Redaktion um ein schriftliches Interview gebeten. Seine Antworten wurden in vier Artikeln aufgearbeitet: Armut in Deutschland, Klischees über Bürgergeldempfänger, Armut in München und Wege in die Armut und aus ihr heraus.
Was aber machen die übrigen Bürgergeldempfänger? Neben den rund 1,8 Millionen Kindern arbeiten 800.000 Menschen und stocken auf, da der Lohn nicht zum Leben reicht, erklärt der Experte. „Andere leisten unbezahlte Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt: Sie erziehen kleine Kinder oder pflegen Angehörige. Wieder andere sind körperlich oder psychisch krank, was bei Langzeitarbeitslosigkeit Ursache und Folge zugleich sein kann, oder ihnen fehlt ein Abschluss, mit dem sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance hätten“, so der LMU-Experte weiter.
Jalalian sieht ein ganz anderes Problem: „Eher verzichten Menschen auf Geld, das ihnen zusteht“
Auch hat der Experte genug von den Vorwürfen, Bürgergeldempfänger seien schlicht faul. Erneut verweist er auf die Zahlen: Nur ein sehr geringer Anteil aller Bürgergeldempfänger könne arbeiten, tue dies aber nicht (2025: 0,8 Prozent). Außerdem führt der Experte einen weiteren Beleg an: die Sanktionsstatistik. „Nur knapp 7 Prozent aller 2025 verhängten Sanktionen entfielen auf verweigerte Arbeit; mehr als acht von zehn gehen auf verpasste Termine zurück, hinter denen oft Überforderung, Sprachbarrieren oder schlicht Bürokratie stehen.“
Eher verzichten Menschen auf Geld, das ihnen zusteht.“
Jalalian sieht sogar ein gegenteiliges Problem: „Studien schätzen, dass 35 bis 48 Prozent der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, sie gar nicht beantragen, aus Scham, Unwissen oder weil das Verfahren zu kompliziert ist. Das Bild vom faulen Armen in der sozialen Hängematte hält der Empirie schlicht nicht stand.“ Jalalian zufolge lenke die „starke Fokussierung auf vermeintlichen Missbrauch“ von den tatsächlichen Problemen und Herausforderungen ab: „niedrige Löhne, hohe Wohnkosten, Bildungsungleichheit und fehlende Aufstiegschancen“. (Quelle: Interview mit Samuel Jalalian / LMU, eigene Recherche), (fhz)