Zum Glück rennt Emil Agyekum schneller, als er spricht. Wenn er vor jeder Hürde so innehalten würde, wie er es am Bundesstützpunkt in der Frankfurter Hahnstraße vor jeder Antwort tut – der deutsche Rekord über die 400 Meter Hürden hätte wohl noch lange bei Harald Schmids 47,48 Sekunden gestanden.
Agyekum wählt seine Worte mit Bedacht. Fast könnte man den Eindruck haben, dass der 27-Jährige bloß nichts Falsches sagen möchte. Aber es ist wohl einfach sein Naturell und keineswegs Ausdruck von Unsicherheit, ein bisschen in sich gekehrt zu sein: „Emil ist ein Gefühlsmensch, der intensiv in sich hineinhorcht“, sagte sein ehemaliger Trainer Volker Beck der „Welt am Sonntag“.
In diesem Jahr ist der Knoten geplatzt
Auch dem U-23-Europameister Owe Fischer-Breiholz, der mit Agyekum in Frankfurt trainiert, ist schon aufgefallen, dass dieser die Dinge ein bisschen anders angeht. „Er geht wirklich seinen komplett eigenen Weg. Sein Kopf funktioniert nicht so wie meiner, er denkt bei vielen Sachen nicht wie ich oder andere“, sagte Fischer-Breiholz der Funke Mediengruppe. Agyekum schaue links und rechts, was er machen könne, sei gewillt, auch neue Sachen wie Meditation auszuprobieren – und habe damit offenbar den richtigen Zugang für sich gefunden: „In diesem Jahr scheint dann wirklich der Knoten geplatzt zu sein, sein volles Potential auf die Bahn bringen zu können“, so Fischer-Breiholz.
Als WM-Sechster hatte Agyekum im vergangenen Jahr erstmals auch international auf sich aufmerksam gemacht. Es war die beste WM-Platzierung eines Deutschen seit dem dritten Rang von Harald Schmid 1987 in Rom. Agyekum verbesserte seine Bestzeiten in Tokio, in Stockholm, in Budapest, ehe ihm Mitte Juli etwas gelang, wovon der 27-Jährige – zumindest öffentlich – noch nicht zu träumen gewagt hatte.

Mehr als vier Jahrzehnte war Schmids Rekord über die 400 Meter Hürden unantastbar geblieben. 2025 aber wackelte einer der ältesten Rekorde der deutschen Leichtathletik plötzlich: Erst lief Fischer-Breiholz auf den zweiten Platz der nationalen Bestenliste, dann überholte Agyekum ihn. Beim Diamond-League-Meeting in London war es schließlich so weit: Als Zweitplatzierter hinter Karsten Warholm war er in 47,45 Sekunden drei Hundertstel schneller als Schmid.
Er habe sich dieses Jahr als Ziel gesetzt, den deutschen Rekord zu brechen. „Ich war aber etwas überrascht, dass es auf einmal geklappt hat“, sagt Agyekum: Es sei ein schönes Gefühl, dass er derjenige ist, dem es gelingen sollte, und er auch Anerkennung für seine Leistung bekomme.
„Frankfurt ist eine der besten Entscheidungen in meinem Leben“
Agyekum startet für den SCC Berlin, trainiert aber seit 2024 unter Christian Kupper. „Nach Frankfurt zu kommen“, sagt Agyekum, „war definitiv eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.“ Zu der Trainingsgruppe gehört neben Fischer-Breiholz auch der frühere deutsche Meister Joshua Abuaku. Die ständige Konkurrenz habe ihn in seiner Entwicklung nochmals vorangebracht, findet Agyekum: „Eisen härtet Eisen, und genau das habe ich hier mit meiner Trainingsgruppe.“
Seine Leistungsexplosion in den vergangenen Monaten habe er aber vor allem mentalem Training zu verdanken. Seine Freundin, die Hammerwerferin Nova Kienast, habe ihm dabei geholfen, wie er sich besser im Kopf vorbereiten und an Wettkämpfe herangehen könne. „Daran werde ich auch weiterhin arbeiten“, sagt Agyekum.

Inzwischen gehe er die Dinge, die vor ihm liegen, sehr gelassen an: „Das ist, glaube ich, eine meiner größten Stärken.“ In Wettkämpfen brauche er dann aber die Herausforderung, das Adrenalin, den Druck, um seine Fähigkeiten ausschöpfen zu können. „Erst dann bin ich in der Lage“, sagt Agyekum, „mein volles Potenzial zu entfalten und meine Grenzen zu überschreiten.“
Volker Beck findet, dass Agyekum in den vergangenen Monaten auch ein ganz neues Bewusstsein für das Tempo über die 400 Meter Hürden entwickelt habe. Früher sei er immer mit hohem Tempo losgelaufen, mittlerweile habe er viel mehr Kontrolle und wisse, wie wichtig der Rhythmus sei. „Man lernt, wie man Energie im richtigen Moment einsetzt“, sagt Agyekum.
Bei den 47,45 Sekunden soll es nicht bleiben. „Das war noch nicht alles“, sagt er: „Ich denke, es steckt noch mehr in mir.“ Ende Juli gewann Agyekum seinen zweiten deutschen Meistertitel und knackte dabei abermals eine Bestmarke von Schmid: 47,65 Sekunden waren neuer DM-Rekord. Die jüngsten Erfolge hätten ihm zusätzliches Selbstvertrauen gegeben. „Mein eigener Anspruch ist sehr gestiegen“, sagt Agyekum, aber er weiß auch: „Am Ende des Tages muss man seine Leistung immer wieder bringen.“
Bei der EM gilt Karsten Warholm, der seit 2021 auch den Weltrekord auf dieser Strecke hält, als Favorit auf die Goldmedaille. Aber Agyekum sieht sich trotz der Übermacht des Norwegers nicht chancenlos: „Ich weiß, was in mir steckt“, sagt er, „und ich weiß, was möglich ist.“ Sein Halbfinale gewann er souverän in 48,17 Sekunden, auf der Zielgeraden konnte er gar an Tempo herausnehmen.
„Ich lasse mich von der Konkurrenz nicht irritieren“, sagt Agyekum, „sondern mache einfach mein Ding.“ Da war sie wieder, diese Formulierung, die den deutschen Rekordhalter vielleicht am besten beschreibt. Agyekum denkt anders, trainiert anders, läuft anders. Nur eines ist gleich geblieben: Wenn er auf der Bahn seine Antwort gibt, ist sie meistens ziemlich schnell.