Stand: 07.08.2026, 20:15 Uhr
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Viele Eltern fördern ihre Kinder in einem wichtigen Bereich weniger, weil sie damit selbst Probleme hatten. Eine Expertin erklärt, was Kinder können müssen.
Hamburg – Für viele Eltern gibt es kaum einen größeren Meilenstein, als das erste Wort ihres Kindes. Um den Spracherwerb von der frühesten Kindheit bis zur Grundschule zu fördern, tun sie oft vieles: Sie lesen ihrem Kind stundenlang vor, und üben mit ihm lesen und schreiben. Es ist bekannt, wie wichtig Sprache, Lese- und Schreibfähigkeiten sind. Weniger bekannt ist, wie interessiert bereits kleine Kinder auch an Mathematik sind – nicht alle Eltern wissen, wie sie ihr Kind auf diesem Gebiet fördern können.

Kleine Kinder verstehen mehr von Mathematik, als den meisten bewusst ist. „Kinder kommen mit einem Mengenverständnis auf die Welt – eins, zwei oder drei Gegenstände werden als Mengen gesehen, sie haben nur noch keinen Namen“, sagt Barbara Schindelhauer, Gründerin des Instituts für vorschulisches Lernen (ifvl), der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Seit mehr als 20 Jahren schult Barbara Schindelhauer Erzieherinnen und Erzieher in Kitas und hat gemeinsam mit dem Pädagogen Gerhard Friedrich das Buch „Komm mit ins Zahlenland“ veröffentlicht. „Kleinkinder wissen, dass drei Kekse mehr sind als einer.“
Expertin: Eltern haben oft selbst schlechte Erfahrungen mit Mathe
Mathematik werde in der frühen Bildung oft auf das Auswendiglernen von Zahlenreihen und auf Arbeitsblätter reduziert. „Dabei ist Mathe viel mehr und überall um uns herum: Mengen, Formen, Abstände, Größen, Lage im Raum, Muster.“ Viele Erwachsene, darunter auch Erzieher und Eltern, „haben oft selbst schlechte Erfahrungen mit Mathe in der Schule gemacht – und das überträgt sich auf die Kinder, die eigentlich ein natürliches Interesse an Mathematik haben.“
Kinder würden in einer konkreten, emotionalen Welt leben, erklärt die Expertin. Mathematik dagegen sei eine abstrakte Sprache, mit der die Welt beschrieben wird. Das abstrakte Denken entwickelte sich in der Kindheit erst mit der Zeit. Deshalb sei es wichtig, dass Kinder beim Lernen Dinge anfassen und im wörtlichen Sinne „begreifen“: Wie schwer ist etwas? Was fühlt sich nach „viel“ an? „Es braucht viele verschiedene Erfahrungen, mit allen Sinnen, im Spiel und im Alltag.“
Mathematik lasse sich spielerisch in den Familienalltag integrieren, sagt Schindelhauer, etwa beim Essen: Kinder könnten selbst ausrechnen, wie viele Teller gebraucht werden, sie könnten Mengen abwiegen, Zutaten zählen und das Gemüse nach Größe sortieren. „Das ist keine Bürde, sondern Kinder haben richtig Lust darauf. Wir verwenden ja auch andauernd Mathematik und Kinder kopieren uns.“
Fünf Fähigkeiten können verhindern, dass Kinder eine Rechenschwäche entwickeln
Schindelhauer betont, dass lange vor der Einschulung an einem soliden Fundament gebaut werden müsse. Kinder sollten mehr Vorwissen und Fähigkeiten in die erste Klasse mitbringen, als vielen Eltern bewusst sei. Leider gebe es oft große Diskrepanzen, was Kinder bei der Einschulung an mathematischen Fähigkeiten mitbringen. „Wenn dann Erfolgserlebnisse ausbleiben, ist die Lernmotivation schnell dahin, und das lässt sich oft schwer wieder einfangen.“
Laut einer Langzeitstudie der Psychologin Kristin Krajewski aus dem Jahr 2003 gebe es fünf Fähigkeiten, die Kindergartenkinder mit in die Schule bringen sollten. Diese fünf Fähigkeiten hätten eine „hohe Vorhersagekraft dafür, ob Kinder später Rechenschwäche entwickeln“:
- Mengenvergleich: Eine Zahl steht immer für eine bestimmte Menge, egal woraus sie besteht oder wie sie angeordnet ist.
- Zahlenbilder bis zehn erkennen
- Vorwärts und rückwärts bis zehn zählen – und Vorgänger beziehungsweise Nachfolger einer Zahl kennen
- Einfaches Addieren und Subtrahieren mit wenigen Materialien – also verstehen, dass sich Zahlen in andere zusammensetzen und zerlegen lassen
- Seriation: ein Element in eine vorgegebene Reihe einordnen und somit Muster erkennen
Auch Brettspiele eigneten sich hervorragend zur Matheförderung, sagt Schindelhauer. Das Würfelbild zeige Kindern, wie viele Züge sie machen dürften – und trainiere dabei das Erfassen von Mengen, ohne dass einzeln abgezählt werden müsse. „Das beugt zählendem Rechnen mit den Fingern vor.“ Rhythmen in Reimen und Liedern gehörten ebenfalls dazu, denn Muster seien ein zentrales Thema der Mathematik. (Quellen: Krajewski: Vorhersage von Rechenschwäche in der Grundschule (2003), eigene Recherche)