Erklärt
Helikopter, Hinweis-Hotline und Handy-Ortung: wie die Polizei nach der Täterschaft fahndet
Nach den tödlichen Schüssen an einer Techno-Party in Aarau läuft eine nationale und internationale Grossfahndung. Welche Möglichkeiten hat die Polizei? Die wichtigsten Antworten.
31.08.2026, 14.42 Uhr
6 Leseminuten
Aktualisiert
Polizistinnen der Kantonspolizei Aargau am Sonntag nach den tödlichen Schüssen im Schachen in Aarau.
Michael Buholzer / Keystone
In der Nacht auf Sonntag fielen an einer Techno-Party bei der Pferderennbahn in Aarau mehrere Schüsse. Fünf Personen wurden verletzt, eine 22-jährige Frau wurde getötet. Die Hintergründe der Tat sind unbekannt, selbst wie viele Personen geschossen haben und wer sie sind, ist unklar.
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Die Ermittler prüfen derzeit drei Hypothesen: Amoklauf, Terroranschlag oder eine Abrechnung innerhalb eines Milieus. Seit Sonntag fahndet die Polizei mit einem Grossaufgebot nach der Täterschaft, im ganzen Land. Am Montag weitete die Bundespolizei Fedpol die Fahndung international aus.
Am Montagnachmittag teilte die Kantonspolizei Aargau mit, dass sie einen 43-jährigen Schweizer unter dringendem Tatverdacht festgenommen habe. Man gehe derzeit von einem Einzeltäter aus. Weitere Informationen folgen am Mittwoch.
Wie läuft eine Grossfahndung ab?
Wird ein Ereignis als «Sonderlage» eingestuft – dazu zählen laut der Kantonspolizei Aargau zum Beispiel Geiselnahmen, Amokläufe, Entführungen oder Terrorakte –, läuft eine standardisierte Alarmierung an. Ein Krisenstab prüft, in welche Richtung die Täterschaft geflüchtet sein könnte, wie sie bewaffnet ist und ob ein Fluchtfahrzeug eine Rolle spielte. Rund um den Tatort werden Strassensperren und Kontrollen eingerichtet. Weil die Schweiz klein ist und Kantons- und Landesgrenzen schnell überquert sind, werden auch Nachbarkantone informiert und stimmen sich direkt ab. Die Einsatzleitung bleibt bei dem Kanton, in dem die Tat passiert ist.
Wer ist bei der Grossfahndung im Fall Aarau involviert?
Kurz nach den ersten Notrufen um 2 Uhr 30 trafen Kantonspolizei, Feuerwehr und Rettungsdienst mit einem Grossaufgebot im Schachen ein. Über hundert Besucher waren noch auf dem Gelände, sie wurden in einer Turnhalle gesammelt, befragt und betreut. Weil die Pferderennbahn teilweise auf Solothurner Boden liegt, war auch die Kantonspolizei Solothurn im Einsatz, wegen der Grenznähe zudem die deutsche Polizei. Die Staatsanwaltschaft Aargau ermittelt wegen vorsätzlicher Tötung. Dazu kamen das Kantonale Katastrophen-Einsatzelement (KKE), eine mobile Zivilschutzeinheit für Grossereignisse sowie ein Armeehelikopter zur Unterstützung aus der Luft.
Auch die Sondereinheit Argus, die rund dreissigköpfige Aargauer Spezialeinheit für die gefährlichsten Fälle im Kanton, ist im Einsatz.
Welche Koordinationsmechanismen werden ergriffen?
Bei einer Lage wie jener in Aarau greifen mehrere etablierte Mechanismen: Ein designierter Gesamteinsatzleiter – hier Hauptmann Matthias Schildknecht – koordiniert Polizei, Feuerwehr, Sanität und weitere Partnerorganisationen unter einem gemeinsamen Führungsstab. Sind Tatort oder Fluchtwege kantonsübergreifend, werden Nachbarkantone automatisch im Rahmen der sogenannten interkantonalen Amtshilfe einbezogen.
Da ein Terroranschlag eine der drei geprüften Hypothesen ist, werden auch die Bundespolizei Fedpol und der Nachrichtendienst des Bundes einbezogen. Grenzüberschreitend läuft die Zusammenarbeit über das Schengener Fahndungssystem SIS sowie über direkte Kontakte zu deutschen Behörden. Um widersprüchliche Informationen zu vermeiden, stimmen sich Polizei, Staatsanwaltschaft und Politik zudem über gemeinsame Medienkonferenzen ab.
Das Fedpol gab am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bekannt, eine internationale Fahndung veranlasst zu haben. Für den Informationsaustausch und die Koordination hat das Fedpol zwei Offiziere nach Aarau entsandt.
Stephan Reinhardt war bis 2012 Kommandant der Kantonspolizei Aargau und ist heute als Rechtsanwalt in Zürich tätig. Er sagt, er kenne keinen vergleichbaren Fall. Sofortmassnahmen wie eine internationale Fahndung seien umgehend eingeleitet worden. Informationen im Schengener System würden laufend ergänzt – etwa Angaben zur Tatwaffe oder Bildmaterial –, und sämtliche Behörden der Schengen-Mitgliedstaaten sowie alle polizeinahen Stellen hätten darauf Zugriff, beispielsweise im Rahmen einer Verkehrskontrolle. Nun gehe es darum, mit aller Akribie keinen Stein auf dem anderen zu lassen. «Es braucht minutiöse Tatortarbeit.»
Welche Möglichkeiten gibt es, die Täterschaft aufzuspüren?
Am Tatort sicherten die Ermittler Patronenhülsen, Projektile und DNA-Spuren, die nun ausgewertet werden. Über hundert Personen wurden bereits befragt, weitere Hinweise erhoffte sich die Polizei über eine eigens eingerichtete, mittlerweile wieder geschlossene Hotline. Zudem wurden die rund 2500 Partygäste aufgerufen, ihre Handyaufnahmen einzureichen. Diese könnten wichtige Hinweise hervorbringen.
Forensiker vergleichen die abgefeuerten Projektile unter dem Mikroskop, um eine Kugel einer bestimmten Tatwaffe zuzuordnen – daraus lassen sich mitunter weitere Erkenntnisse ableiten, etwa wann oder wo eine Waffe gekauft wurde. Am Tatort fand die Polizei Hülsen zweier Kaliber, das grössere Kaliber kommt etwa beim sowjetischen Sturmgewehr AK-74 und dessen Nachbauten zum Einsatz.
Laut dem Polizeikommandanten Michael Leupold sind auch die wenigen Videos, die zirkulierten, ausgewertet worden. Er sagte jedoch auch: «Wir haben keine konkreten Bildangaben zur Täterschaft.» Das könne vieles heissen, sagt Reinhardt: Von nicht-verwertbaren Aufnahmen bis hin zu Material, dessen Bildqualität die Ermittler noch verbessern müssen.
Parallel läuft die Fahndung auf mehreren Ebenen: Die gesuchte Person oder ein mögliches Fluchtfahrzeug wird im System Ripol ausgeschrieben. Kameras an Autobahnen und Grenzübergängen erfassen dadurch automatisch Kontrollschilder und schlagen bei einem Treffer Alarm. Der Polizeikommandant Leupold sagte an der Medienkonferenz, Fahrzeuge hätten für die Flucht der Täter eine Rolle gespielt.
Rund um den Tatort werden gezielt Fahrzeuge kontrolliert, Polizeikräfte sperren Autobahneinfahrten, Bahnhöfe und Brücken ab, während das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit die Kontrollen an der Grenze verschärft. Bei Bedarf kommen Helikopter mit Wärmebildkameras zum Einsatz, um Gelände und Fluchtwege aus der Luft abzusuchen.
Kennt die Polizei die Telefonnummer der Täterschaft, kann sie versuchen, das Gerät zu orten – auch wenn es ausgeschaltet ist, sofern es zuvor noch Netzverbindung hatte. Dafür braucht es eine Anordnung der Staatsanwaltschaft. Möglich wäre ein sogenannter Antennensuchlauf: Die Polizei fragt beim Mobilfunkanbieter ab, welche Geräte zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Nähe einer bestimmten Antenne – also am Tatort – eingeloggt waren. So lässt sich eingrenzen, wer sich zur Tatzeit dort aufgehalten haben könnte.
Dazu kommen digitale Ermittlungen: Wer hat vor, während oder nach der Tat mit wem telefoniert oder geschrieben? Solche Verbindungen können Hinweise auf Kontakte der Täterschaft liefern. Bestätigt sich die Theorie einer Abrechnung im Milieu, gleicht die Polizei ihre Erkenntnisse zudem mit bereits bekannten Personen aus diesem Umfeld ab.
Sollte sich die Täterschaft ins Ausland abgesetzt haben, kommt eine internationale Fahndung über Interpol und Schengen hinzu.

Polizisten sperren nach Schüssen an einer Techno-Party Strassen ab.
Michael Buholzer / Keystone
Wie wahrscheinlich ist es, dass die Täterschaft gefunden wird?
Laut der Kantonspolizei ist es unwahrscheinlich, dass sich die Täterschaft noch in der Gegend aufhält. Wohin und mit welchem Fahrzeug sie geflüchtet ist, wusste sie bei der Medienkonferenz am frühen Sonntagabend noch nicht.
Wie realistisch eine Aufklärung ist, hängt von Faktoren ab, die öffentlich noch nicht bekannt sind: der Qualität der Spuren, vorhandenem Videomaterial, einer möglichen kriminellen Vorgeschichte der Täterschaft oder Hinweisen aus der Bevölkerung. Aus taktischen Gründen wird sich die Polizei mit Informationen zurückhalten.
Erfahrungsgemäss sinkt die Chance auf Aufklärung mit jedem Tag ohne konkrete Spur. Am Sonntagabend hatte die Polizei keine Hinweise zur Täterschaft und wusste nicht einmal, ob eine oder mehrere Personen geschossen hatten.
Der Volksglaube, wonach die Chancen auf eine Aufklärung nach 24 Stunden schwinden, lässt sich laut Reinhardt nicht bestätigen. Als Beispiel nennt er den Fall Rupperswil: 146 Tage dauerte damals eine der grössten Fahndungsaktionen der Schweiz, bis der Vierfachmörder gefasst werden konnte.
Gewisse Ermittlungsansätze bräuchten schlicht mehr Zeit, sagt Reinhardt: Kameras müssen ausgewertet und Zeugen befragt werden. Auch nach mehreren Tagen können solche Auswertungen noch relevante Informationen liefern – etwa sämtliche Aufnahmen von Verkehrskameras auf Strassen in der Nähe des Tatorts um den Zeitpunkt der Tat.
Der grösste Fehler, den eine Täterschaft in dieser Phase begehen kann? Jedes nicht ganz regelkonforme Verhalten, das Anlass für eine Polizeikontrolle geben könnte: zu schnelles Fahren, ein unvorsichtiges Überholmanöver auf der Autobahn, aber auch eine Auseinandersetzung.
Wie kommen die Ermittler überhaupt auf die drei Hypothesen Amoklauf, Terroranschlag oder Abrechnung im Milieu? Laut Stephan Reinhardt sind solche Hypothesen wichtig, weil sie die Ermittlungsrichtung vorgeben: Bei einem Beziehungsdelikt würde nur im nahen Umfeld ermittelt, bei einer Auseinandersetzung im Milieu wohl deutlich breiter. Sei eine Tat von langer Hand geplant gewesen, sagt Reinhardt, hätten die Täter meist auch ihr Verhalten nach der Tat geplant. Das beeinflusse die Ermittlungen. Jeder Ermittlungsansatz müsse geprüft und jeder noch so unwahrscheinliche Verdacht ausgeschlossen werden.
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