Ex-Polizist sieht großes Problem in Deutschland: „Immer die gleichen Leute, die Ärger machen“

Stand: 30.07.2026, 14:06 Uhr

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„Mehrfachtäter kommen in der gleichen Nacht wieder auf freien Fuß“, sagt Ex-Polizist Nickolas Emrich. „Verwahrlosung“ der Gesellschaft bemerkte er aber in einem anderen Beruf.

München – Mit seinem Buch „Der Preis unserer Toleranz“ scheint Nickolas Emrich einen Nerv getroffen zu haben. Darin erklärt der ehemalige Polizist, „warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist“. Seit Donnerstag steht er damit in der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz zwei. Im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media, spricht Emrich über Straftäter, die nach 90 Taten wieder freigelassen werden, und „Täterromantik“ in Deutschland. Außerdem gibt er Einblick in seine Zeit als U-Bahn-Fahrer in Berlin. „Die alltägliche Sabotage hat mich schockiert“, sagt er.

NIckolas Emrich Polizei Streifenwagen Handschellen

Als Polizist musste Emrich Straftäter immer wieder laufen lassen, wie er im Interview erzählt. „Das darf nicht sein.“ © Andreas Schmid//Imago/Fotostand (Montage)

Herr Emrich, Sie beschreiben innere Sicherheit als „neue soziale Gerechtigkeit“. Wie meinen Sie das?

Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit muss weiterentwickelt werden. In den Pausengesprächen der Arbeiterschaft geht es nicht mehr nur um mehr Lohn. Stattdessen geht es um unsichere Arbeitswege oder Kinder, die sich nicht mehr zur Schule trauen. Zu einem allgemeinen Aufstiegsversprechen gehört heute ganz zentral die persönliche Sicherheit. Das bewegt die Menschen stärker als der umverteilungslastige Gerechtigkeitsbegriff der 50er- bis 70er-Jahre.

Innere Sicherheit in Deutschland: „Das wird sehr sensibel wahrgenommen“

Ist der Weg zur Arbeit tatsächlich nicht mehr sicher?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber es ist ein dominierendes Thema; gerade bei Schichtarbeitern spät abends oder in sozial schwächeren Gegenden. In Gesprächen geht es oft um scheinbar banale Vorfälle: bedrohliche Ansprachen oder sich anbahnende Schlägereien. Das wird sehr sensibel wahrgenommen. 

Wie sicher ist Deutschland aktuell?

Im internationalen Vergleich ist Deutschland sicher. Aber man muss sich schon die Frage stellen, warum wir uns so viele Wiederholungstäter leisten. Warum werden Verfahren ständig eingestellt oder aggressive Personen nach zwei Stunden wieder entlassen? Dass selbst Mehrfachtäter in der gleichen Nacht wieder auf freien Fuß kommen, sind vermeidbare Lücken in der Strafprozessordnung.

Und dennoch ist Deutschland laut Kriminalstatistik sicherer als vor 30, 35 Jahren. 

Rein statistisch mag das sein, aber was sagt das aus? Auch in den 90er-Jahren gab es erhebliche Probleme. Selbst wenn es jetzt ein paar Prozent sicherer ist: Es gibt immer noch zu viele Straftaten und jede Straftat ist eine zu viel.

Sie schreiben viel von gefühlter Sicherheit. Ein schwer greifbarer Begriff, der den reinen Fakten gegenübersteht. Schürt das nicht unbegründete Ängste?

Ich weiß nicht, ob man das Angst schüren nennen sollte. Es ist auch nicht zielführend, darüber zu streiten, ob ein Land mit 5,5 Millionen Straftaten sicherer ist als mit sechs Millionen. Ein Problem, das sich nur mäßig verbessert, sollte trotzdem thematisiert werden. Diese Statistiken sind zudem trügerisch: Je schlechter die Lage in einem Viertel wird, desto weniger zeigen die Menschen an, weil sie ohnehin keine Konsequenzen erwarten.

Eine schlechtere Sicherheitslage trifft also vor allem sozial Schwächere?

Davon bin ich überzeugt. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Wer es sich leisten kann, weicht aus: nimmt nachts das Taxi statt der U-Bahn oder zieht in eine bessere Wohngegend. Wer sich nicht freikaufen kann, bleibt an den kriminalitätsbelasteten Orten zurück.

Was macht ein Anschlag wie der in Berlin mit dem Sicherheitsgefühl der Menschen?

Das wird das Gefühl sicherlich verschlechtern. Und der Anschlag ist ein gutes Beispiel für die fehlende Konsequenz der Behörden. Nach aktueller Datenlage hätte man den Anschlag verhindern können. Solche Taten kommen nicht aus dem Nichts. Das Grundproblem ist das lasche Vorgehen gegenüber denjenigen, bei denen man weiß, dass sie die nächste Straftat begehen werden. Und das gilt nicht nur im Bereich schwerster Kriminalität wie hier in Form eines Anschlags. Man kann auch bei vielen Ladendieben, Einbrechern, Sachbeschädigern oder Gewaltverbrechern damit rechnen, dass sie wieder straffällig werden.

Sie haben ein Jahr lang als U-Bahn-Fahrer in Berlin gearbeitet. Wie blicken Sie aus dieser Perspektive auf den öffentlichen Raum?

Die alltägliche Sabotage hat mich schockiert: beschädigte Züge, Einbrüche in Betriebshallen, gezogene Notbremsen im laufenden Betrieb, pöbelnde Fahrgäste sowie eine offene Drogenszene. Das habe ich dort viel stärker wahrgenommen als zuvor im Dienst bei der Polizei. 

Ex-Polizist war auch U-Bahn-Fahrer: „Da merkt man erst die ganze Verwahrlosung“

Tatsächlich?

Auf jeden Fall. Mit der Polizeiuniform hat man eine ganz andere Autorität. Die Störer verziehen sich oder werden mitgenommen. In der Dienstkleidung der Verkehrsbetriebe merkt man erst die ganze Verwahrlosung und den fehlenden Respekt.

Stimmt es, dass dem Personal gesagt wird, im Zweifel lieber wegzuschauen?

Ja. Zivilcourage gilt als nicht versichert, man soll nicht den Helden spielen, Störer laufen lassen. Wird eine Notbremse missbräuchlich gezogen, stellt man sie zurück und fährt weiter. Die Polizei wird selten gerufen. So werden Straftaten im Alltag geduldet und tauchen in keiner Statistik auf.

Kann man Ihre Erlebnisse wirklich auf ganz Deutschland übertragen oder sehen Sie das nicht zu sehr aus der Berliner Brille?

Sicher gibt es Orte, an denen die Welt noch in Ordnung ist. Aber das ist kein reines Berlin-Problem, sondern betrifft viele Großstädte und Ballungsräume, etwa das Ruhrgebiet. Und das muss man ändern: Es braucht eine Null-Toleranz-Politik.

Nickolas Emrich zu Gast zum Interview im Münchner Pressehaus.

Nickolas Emrich zu Gast zum Interview im Münchner Pressehaus. © Andreas Schmid

„Null-Toleranz-Politik“: „Es sind immer die gleichen Leute, die Ärger machen“

Was heißt „Null-Toleranz“ für Sie konkret?

Ich fordere ein Ende der Laschheit gegenüber Wiederholungstätern. Es sind immer die gleichen Leute, die Ärger machen. Schon als Polizist habe ich erlebt, dass Personen nach 80 oder 90 Ladendiebstählen faktisch nicht belangt wurden. Das darf nicht sein. Wir brauchen eine Anpassung der Strafprozessordnung: Wer wiederholt straffällig wird, muss zwingend in Untersuchungshaft, bis das Verfahren abgeschlossen ist. Das würde viele Täter sofort stoppen.

Wo soll die Grenze dieser Null-Toleranz-Politik liegen?

Es gibt keine Grenze, egal um welche Straftat es geht.

Die Linke sowie Teile von SPD und Grünen fordern, vermeintliche Bagatelldelikte wie Schwarzfahren zu entkriminalisieren. 

Davon halte ich gar nichts. Wer erwischt wird, ist meist schon hunderte Male schwarzgefahren. Wer dann noch eine Anzeige ignoriert, zeigt Vehemenz gegen das Recht. Wenn wir das bagatellisieren, untergraben wir das gesellschaftliche Miteinander.

Führt das rigorose Ahnden von Kleindelikten nicht zur Überlastung der Justiz?

Im Gegenteil. Wer Kriminalität von Anfang an konsequent verfolgt und Intensivtäter-Karrieren früh stoppt, spart langfristig massiv Ressourcen. Man verhindert Folge-Straftaten und damit dutzende Polizeieinsätze, Akten und Gerichtsverhandlungen.

Sie schreiben in Ihrem Buch von einer „Täterromantik“  in Deutschland. Was meinen Sie damit?

Ich meine eine verfehlte Täterzentrierung im System. Das Recht fokussiert sich extrem auf die Schuld und Biografie des Täters, während das Opfer oft nur als Zeuge auftaucht. Wenn ein gefährlicher Täter wegen Schuldunfähigkeit oder milder Sozialprognose freigelassen wird und erneut zuschlägt, nimmt der Staat weitere Opfer billigend in Kauf. Wir erklären den einen Menschen für strafunmündig und im gleichen Atemzug einen anderen Menschen, der danach zum Opfer wird, für „opfermündig“. Das wird übersehen, wenn man nur auf den Täter blickt. (Interview: Andreas Schmid)