Publiziert25. Juli 2026, 10:53
ÜbersterblichkeitExtreme Hitze in der Schweiz fordert fast 500 Tote in drei Wochen
In der Schweiz herrscht derzeit eine markante Übersterblichkeit. Seit Ende Juni sind 474 Menschen mehr gestorben als erwartet. Der Grund dürfte die Hitze sein.

Darum gehts
- In der Schweiz sind Ende Juni und Anfang Juli 474 Menschen mehr gestorben als erwartet – die Übersterblichkeit übertrifft jene des Hitzesommers 2015.
- Laut Epidemiologin Martina Ragettli vom Swiss TPH ist die Hitze der vergangenen Wochen die wahrscheinliche Ursache.
- Besonders gefährdet sind über 65-Jährige sowie Personen mit chronischen Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder Nierenerkrankungen.
Die Hitzewellen der vergangenen Wochen haben in der Schweiz Hunderte Menschenleben gefordert. Dies geht aus den jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik hervor. Demnach sind in der letzten Juni- und den ersten beiden Juliwochen in der Altersgruppe der über 65-Jährigen 3794 Menschen gestorben. Das sind gut 14 Prozent mehr, als es die Erfahrungswerte der letzten zehn Jahre erwarten liessen.
Mit 474 nicht erwarteten Todesfällen innerhalb von drei Wochen ist die Übersterblichkeit damit höher als im Hitzesommer 2015, als in einer dreiwöchigen Periode im Juli die Anzahl erwarteter Todesfälle um 384 überschritten worden war. Ähnlich hohe Werte bei der Übersterblichkeit wurden in der Vergangenheit in pandemiefreien Jahren nur in Wintern mit einer mittleren bis stärkeren Grippewelle registriert.
Erhebliches Risiko ab 30 Grad
«Die zeitliche Übereinstimmung mit der Hitzewelle spricht dafür, dass die Übersterblichkeit durch die Hitze verursacht wurde», kommentiert Martina Ragettli, Epidemiologin und Gruppenleiterin am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut, die Zahlen. Aus vielen Untersuchungen wisse man, je heisser es werde, desto stärker steige das Risiko für hitzebedingte Todesfälle in der Bevölkerung.
«Auch in der Schweiz sehen wir, dass das Risiko bereits ab etwa 25 Grad zunimmt und bei Temperaturen über 30 Grad erheblich ansteigt. Besonders ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen sind gefährdet. Gleichzeitig erlebt jeder Mensch Hitze anders – was für die einen noch angenehm ist, kann für andere bereits belastend sein», so Ragettli. Wie viele Todesfälle tatsächlich auf die Hitze zurückzuführen sind, lasse sich derzeit aber noch nicht sagen.
Hitze verschlimmert bestehende Krankheiten
Hitze ist in jedem Fall eine Belastung für den Körper, besonders jedoch für Seniorinnen und Senioren. «Ältere Menschen verspüren oft weniger Durst, trinken deshalb zu wenig und können ihre Körpertemperatur nicht mehr so gut regulieren. Die meisten hitzebedingten Todesfälle entstehen, weil sich bestehende Erkrankungen durch die Hitze verschlimmern», erklärt Ragettli.
Das ist vor allem bei chronischen Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und Nierenerkrankungen der Fall. Auch Menschen mit Diabetes oder Demenz sind anfälliger für gesundheitliche Probleme bei hohen Temperaturen.
Wie du dich schützen kannst
Viele Todesfälle lassen sich durch angemessene Hitzeschutzmassnahmen verhindern. Ragettli verweist auf die drei goldenen Regeln für Hitzetage des Bundesamts für Gesundheit (BAG): genügend trinken, körperliche Anstrengungen meiden und die Hitze vom Körper fernhalten. Besonders wichtig ist es laut der Epidemiologin zudem, älteren und anderen gefährdeten Menschen besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sie zu unterstützen.

Auch Junge betroffen
Bei der Personengruppe der Unter-65-Jährigen konnte während der vergangenen Hitzewellen ebenfalls eine erhöhte Sterblichkeit festgestellt werden. So starben in der Woche, die am 5. Juli endete, knapp 20 Prozent mehr, als es der mittlere Erfahrungswert erwarten liess. Ragettli betont, dass auch jüngere und gesunde Menschen bei hohen Temperaturen gesundheitliche Probleme bekommen könnten. Etwa durch Kreislaufbelastungen, körperliche Anstrengung oder zu wenig Flüssigkeit.
Sie weist aber darauf hin, dass während früherer Hitzeperioden auch mehr Freizeitunfälle beobachtet wurden – dies hänge jedoch eher mit dem schönen Wetter und mehr Aktivitäten draussen zusammen als mit einer direkten Wirkung der Hitze.
Wird es noch mehr Tote geben?
Nächste Woche erwartet die Schweiz gemäss Prognosen erneut eine Hitzewelle. Ob die Übersterblichkeit dann ähnlich ausfallen wird, hängt laut Ragettli von verschiedenen Faktoren ab – zum Beispiel davon, wie heiss es dann tatsächlich wird. Zudem habe man beobachtet, dass es oft die ersten Hitzewellen im Jahr seien, die die grössten Auswirkungen hätten.
Nach Schätzungen des Monitorings der hitzebedingten Todesfälle des Bundes kam es in der Schweiz in den vergangenen Sommern zu jeweils rund 500 hitzebedingten Todesfällen. Dieser Wert könnte dieses Jahr übertroffen werden. Dazu sagt Ragettli: «Aufgrund der hohen Temperaturen und der langen Dauer der Hitzeperiode ist es durchaus möglich, dass die Zahl höher ausfällt.»
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Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.
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