Felix Gall nach Pogačar-Ausfall: "Jetzt zu sagen, das Ziel ist der Sieg, wäre ein bisschen zu viel"

Radsport/Vuelta

Felix Gall nach Pogačar-Ausfall: "Jetzt zu sagen, das Ziel ist der Sieg, wäre ein bisschen zu viel"

Der Tiroler geht als Gesamtdritter in die zweite Woche der Vuelta. "Es scheint eine Riesenchance vom Papier her", deswegen sei es aber nicht viel leichter

Zwei Radrennfahrer in Wettkampfbekleidung fahren während der 9. Etappe der Vuelta a España 2026 auf einer bergigen Straße. Im Hintergrund sind Teamfahrzeuge, ein Motorrad mit Kameramann und Zuschauer zu sehen. Die Strecke ist von Bäumen und Felsen gesäumt.
Felix Gall geht als Gesamtdritter in die zweite Vuelta-Woche.

Die erste Woche der Vuelta a España ist vorüber. Und das Gesamtklassement sieht nach zehn von 21 Etappen anders aus als gedacht. Denn Topfavorit Tadej Pogačar musste am Samstag nach einem schweren Sturz die Spanien-Rundfahrt beenden. Plötzlich ist der Weg frei für andere Fahrer – darunter auch Felix Gall (Decathlon).

"Es war ziemlich surreal, wie das passiert ist. Wenn Tadej am Start ist, gewinnt er normal. Jetzt auf einmal ist das Rennen offener", sagte Gall bei einer Medienrunde am Montagabend.

"Natürlich kann man träumen"

Das Rote Trikot des Gesamtführenden trägt aktuell Movistar-Kapitän Enric Mas (ESP). Er führt 1:18 Minuten vor Primož Roglič (SLO) und eben 1:39 vor Gall. Dahinter folgt Oscar Onley (GBR/Ineos/+2:20). Gall glaubt, dass der Gesamtsieger am Ende aus diesem Quartett stammen wird.

Wie sieht er seine eigenen Chancen? "Ich glaube, es ist immer noch relativ offen. Platz drei ist ein sehr guter Zwischenstand und wir haben ein extrem starkes Team. Ich fühle mich auch sehr gut. Aber jetzt zu sagen, das Ziel ist der Sieg, das wäre ein bisschen zu viel", sagte Gall.

"Natürlich kann man träumen. Es scheint eine Riesenchance vom Papier her, es ist niemand mehr am Start, den ich nicht schlagen kann, deswegen ist es aber nicht viel leichter.“ Mehrere Sieganwärter würden die Bergankünfte auch taktisch unberechenbarer machen.

"Waren übermotiviert"

Das zeigte sich auf der neunten Etappe am Sonntag von Villajoyosa nach Alto de Aitana. Decathlon attackierte am Schlussanstieg. Neun Kilometer vor dem Ziel übernahm Landsmann Gregor Mühlberger als letzter Helfer die Führungsarbeit und sprengte mit einem Kraftakt bereits bei der Sieben-Kilometer-Marke die Favoritengruppe. Gall war fortan auf sich alleine gestellt, attackierte, kam aber nicht weg. Später konnte der Osttiroler bei der entscheidenden Attacke von Mas nicht folgen und verlor letztlich als Vierter weiter an Boden, wobei er im Finish noch Schadensbegrenzung betrieb.

"Wir haben es am Sonntag vielleicht zu sehr gewollt, waren übermotiviert. Es war schon gut, dass wir die Verantwortung übernommen haben. Wir haben ein super starkes Team, aber wenn wir den Effort zum Beispiel drei Kilometer später machen, hätte das Ergebnis vielleicht anders ausgesehen", sagte Gall. "Vielleicht ist aber auch ganz gut, dass das gestern nicht zu 100 Prozent so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben. Es ist alles möglich, aber es ist nicht förderlich, diesen Gedanken dauernd mit sich rumzutragen. Ich will mich lieber von Tag zu Tag voranarbeiten. Es ist noch ein sehr langer Weg."

Auch wegen der Hitze. "Man muss viel trinken. Ich bin jetzt nicht kaputt, mir geht’s damit soweit okay, aber man merkt doch die Hitze. Es zehrt einfach, macht einen emotional auch irgendwie leer, mehr Konzentration ist gefordert. Vom Gefühl her sind wir schon weiter als am ersten Ruhetag."

"Brauche mich vor niemanden verstecken"

Am Donnerstag und am Samstag stehen zwei Bergetappen an, in der finalen Woche folgen dann noch ein Einzelzeitfahren am 10. September, bei dem Roglič gegenüber Mas und Gall Vorteile hat, und die letzte Bergankunft am 12. September. "Diese Woche wollen wir auf den Etappen 12 und 14 gezielt versuchen, unsere Stärke einzusetzen", sagte Gall. "Mit dem langen Zeitfahren im Hinterkopf wäre es schon ganz gut, wenn ich noch ein bisschen Zeit aufholen könnte auf den ein oder anderen."

Und vielleicht geht sich ja noch ein Etappensieg aus. Seinen bisher einzigen bei einer Grand Tour eroberte Gall bei der Tour de France 2023, beim Giro wurde er fünfmal Zweiter hinter Jonas Vingegaard, wie auch in der Gesamtwertung. Nach Pogačars Ausfall fehlt nun ein Dominator, er hatte zuvor drei Etappen für sich entschieden. "Es gibt auch Möglichkeiten für einen Etappensieg, die es so davor nicht gegeben hat", sagte Gall. Ob er nun der beste Kletterer ist? "Ich bin kein Jonas, ich bin kein Tadej, aber ich brauche mich vor niemanden verstecken. An einem guten Tag, an einem Anstieg, der mir liegt, brauche ich mich vor niemandem fürchten. Es hängt natürlich auch von der Tagesform ab.“

Starker Mas, starker Mühlberger

Ein Radfahrer im roten Trikot feiert mit erhobener Faust während einer Etappe der Vuelta a España 2026. Im Hintergrund sind unscharfe Zuschauer und ein weiterer Fahrer zu sehen.
Enric Mas gewann am Sonntag die neunte Vuelta-Etappe.

Der dreimalige Vuelta-Gesamtzweite Mas hat am Sonntag seinen Etappensieg schon eingefahren, seinen zweiten nach achtjähriger Pause bei einer Grand Tour. Gall: "Enric war bisher extrem stark. Es ist ein bisschen überraschend, dass er so stark ist. Ich bin gespannt, wie er mit dem Druck umgeht. Er wird jeden Tag größer. Das kostet mit Sicherheit Energie, wir können uns ein bissl im Hintergrund halten vielleicht.“ Das rote Trikot bringt zusätzliche zeitliche Verpflichtungen wie etwa die tägliche Siegerehrung, könne Mas bei seinem Heimrennen aber auch beflügeln.

Galls Zimmerkollege Mühlberger kennt den Spanier bestens, war er doch von 2021 bis 2025 dessen Teamkollege. Über möglich erhaltene Tipps wollte Gall aber nicht sprechen, dafür umso mehr über seinen Edelhelfer. "Ob er nicht noch einmal stärker ist wie beim Giro?", dachte Gall laut nach und lobte dann den aktuellen Vuelta-Neunten (+7:33). "Er spricht auch Dinge intern an im Team, die wir besser machen können. Er ist nicht nur am Radl, sondern auch abseits davon sehr wichtig für das ganze Teamgefüge – und auch für mich persönlich. Wir motivieren uns gegenseitig."

Ob das österreichische Duo wie bereits medial kolportiert mit Saisonende zum deutschen Team Lidl-Trek wechseln wird, wollte Gall nicht kommentieren. "Jetzt erst mal Vuelta und alles Weitere danach." (Andreas Gstaltmeyr, 1.9.2026)

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