Finnlands Präsident zieht historischen Ukraine-Vergleich – und äußert sich zu Verhandlungen
Stand: 01.09.2026, 22:20 Uhr
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Der Ukraine-Krieg lässt Alexander Stubb an die Geschichte seines Landes denken. Der finnische Präsident setzt Hoffnungen in die russische Bevölkerung.
Kiew – Die Ukrainer kennen das russische Spiel längst. Nacht für Nacht drohen Luftschläge, die die Zivilbevölkerung terrorisieren und die Infrastruktur zerstören sollen. Letzteres schon mit Blick auf den nahenden Winter. Es wird der fünfte im Ukraine-Krieg, und Kreml-Chef Wladimir Putin wird mit der kalten Jahreszeit einmal mehr den Plan verbinden, Kiew in die Kapitulation zu treiben. Dafür verfeuert er, was sein Arsenal hergibt.

Hoffnung gibt der Ukraine im Angesicht ständiger Angriffe und Explosionen samt der Aussicht auf einen Winter, dessen Minusgraden im schlimmsten Fall weder Heizung noch Strom entgegengesetzt werden können: der Blick in die Vergangenheit. Auf Finnland. Alexander Stubb, Präsident des skandinavischen Landes, besuchte Kiew anlässlich des Unabhängigkeitstags der Ukraine. Im Interview mit dem ukrainischen Medium European Pravda wurde er auch auf den Überfall der Sowjetunion 1939 auf sein Land angesprochen.
Stubb über Ukraine-Krieg: Erinnerungen an Finnlands Winterkrieg gegen die Sowjetunion
„Wir mussten den Winterkrieg unter sehr harten Bedingungen durchstehen“, sagte der 58-Jährige über die Generationen vor ihm: „Aber das dauerte nur 105 Tage, während ihr euch nun schon seit über 1600 Tagen im Krieg befindet – mit vier harten Wintern.“ Damals gelang es den Finnen – ähnlich wie aktuell den Ukrainern –, den russischen Angriff zumindest zu stoppen. Dennoch verlor das Land rund ein Zehntel seines Staatsgebietes.
Stubb erinnert zudem an den Fortsetzungskrieg, in dem Finnland an der Seite des Deutschen Reiches danach strebte, die Gebiete zurückzuerobern. „Für uns war es ein Kampf um Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität“, betont der Politiker, dessen Vater Göran im umkämpften Teil Finnlands geboren wurde. So habe das zunächst überfallene Land seine Unabhängigkeit bewahren können, „anders als unsere baltischen Freunde damals. Sie verloren sie.“
Auch das Finnland nach dem Krieg war jedoch nicht mehr das Finnland von der Zeit vor dem Überfall: „Wir büßten einen Teil unserer Souveränität ein.“ Den Ukrainern macht er zugleich Mut: „Wir waren nicht so frei, wie es die Ukraine nach dem Krieg sein wird.“ Seine Landsleute seien sich der Geschichte des russischen Imperialismus nur zu bewusst und würden daher eine besonders starke Sympathie für die Ukrainer empfinden.
Winterkrieg und Ukraine-Krieg: Sowjets und Russen mit deutlich höheren Verlusten als die Verteidiger
Wichtig sei aber auch: „Wir können einen Krieg, der über 80 Jahre zurückliegt, nicht mit der modernen Kriegsführung vergleichen.“ Denn damals konzentrierte sich das Geschehen eben auf das Gebiet rund um die Front. Heute lässt Putin Ziele hunderte Kilometer entfernt bombardieren. Aber auch Kiew schickt mittlerweile regelmäßig Drohnen tief auf russisches Territorium, ohne die Streitkräfte selbst dieser Gefahr aussetzen zu müssen.
In Finnland sei damals vom Verteidigungssieg gesprochen worden. Es habe sich für das Land wie ein gewonnener Krieg angefühlt, „weil wir überlebt haben. Wir existieren als Nation, als Finnland.“

Als Parallele der beiden Kriege hebt Stubb hervor, dass das Verhältnis der im Kampf gefallenen Sowjets respektive Russen zu den getöteten Finnen respektive Ukrainern ähnlich sei. An anderer Stelle erwähnt er, die Verluste aufseiten Moskaus seien achtmal so hoch wie die Kiews.
Ukraine-Krieg vor dem Ende? Laut Stubb werden Russlands Verluste Putin nicht zum Umdenken bringen
Trotz der Entwicklung des vermeintlichen Eroberungsfeldzugs hin zu einem Abnutzungskrieg sehe er keinerlei Anzeichen dafür, dass Putin bereit für echte Verhandlungen sei. Stubb erwartet auch nicht, dass die schwächelnde Wirtschaft oder die immensen Verluste den Kreml zum Einlenken bewegen könnten. Zumal die Opferzahlen schon die Millionengrenze überschritten hätten und dies für Moskau keinen Unterschied mache. „Aber was den Ausschlag geben könnte, ist, dass sich die Menschen gegen den Krieg wenden können“, ergänzte er.
Mittlerweile würden sich laut glaubwürdigen Meinungsumfragen 65 Prozent der Russen für ein Ende des Kriegs aussprechen. Das erklärt Stubb mit den ukrainischen Angriffen auf Ölraffinerien, die zur Rationierung von Benzin und Diesel sowie zu hohen Preisen in Russland führten. Der Krieg kommt also immer mehr im Land des Aggressors an. Wegen der Empörung in der Bevölkerung habe zudem das Internet bereits mehrmals abgestellt werden müssen. Daher ist er überzeugt: „Es wird nicht um gefallene Soldaten gehen, sondern um eine Bedrohung für das Regime.“ Die könnte aber nur von innen heraus entstehen.
Stubb und der Weg zum Frieden: Ukraine-Versorgung, Sanktionen und heimliche Verhandlungen
Aus europäischer Sicht müsse daran gearbeitet werden, dass Russland eines Tages begreife, „dass es diesen Krieg verloren hat oder dass es seine strategischen Ziele nicht erreichen wird“. So könnte es gemeinsam mit den USA gelingen, die Russen an den Verhandlungstisch zu bringen.
Der Weg zum Kriegsende führe für die Unterstützer der Ukraine über drei Pfade: das angegriffene Land mit allen notwendigen Mitteln zur Fortführung des Krieges zu versorgen, die Sanktionspolitik fortzusetzen und auch im Hintergrund zu verhandeln.
Für Kiew hat Stubb auch noch ein besonderes Lob übrig. So sei es auch im europäischen Interesse, dass Russland sich das Nachbarland nicht einverleibt, denn die Ukraine habe „das größte Militär in Europa“ und Erfahrungen in der modernen Kriegsführung. „Zu Beginn hieß es: ‚Europa muss der Ukraine helfen‘, nun muss Europa den Gedanken verinnerlichen, dass die Ukraine uns hilft und auf lange Sicht helfen wird, wenn es um die Sicherheit geht“, gibt er zu bedenken. (Quelle: European Pravda) (mg)