Fleischfressende Bakterien und Quallen: Mikrobiologe erklärt, welche Faustregel er beim Baden befolgt

Stand: 31.07.2026, 22:32 Uhr

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Wild Swimming in Europa boomt – doch Forscher warnen: „Ich würde niemals auf die Idee kommen, in Elbe oder Rhein zu baden.“

Frankfurt – Ein kühner Sprung in den Glambecksee bei Kyritz oder ein Sich-treiben-lassen im Rhein bei Basel: „Wild Swimming“ (Freiwasserschwimmen) boomt und immer mehr Menschen in Europa suchen Abkühlung in Bächen, Flüssen und Seen. Das Phänomen hat längst auch Deutschland erreicht, bestätigt Karsten Rinke, Departmentleiter Seenforschung beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). „Ich sehe auch einen Trend zum Schwimmen in natürlichen Gewässern“, sagt der Gewässerexperte der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Junge Männer im Fluss

Junge Männer im Eisbach in München. © Malin Wunderlich/dpa

„Wild Swimming“: Wo Experten nicht baden gehen würden und wo sie Entwarnung geben

Die BBC hatte darüber berichtet, dass die Sehnsucht nach Natur, Abkühlung und der körperlichen Erfrischung im Freiwasser so groß sei wie nie zuvor. Das „Wild Swimming“ in sogenannten „Blue Spaces“ (natürlichen Gewässern) wirke nachweislich stressreduzierend, baue mentale Resilienz auf und stärke Kreislauf sowie Immunsystem, heißt es in dem Artikel. Doch das kühle Nass jenseits gut bewachter, chlorierter Freibäder birgt auch Risiken.

Versteckte Hindernisse unter der Oberfläche, Strömungen in Flüssen, unklare Wassertiefe – all das führe immer wieder zu Rettungseinsätzen. Genauso wie das unvorbereitete Eintauchen in kaltes Wasser, das zu Atemnot oder Herz-Kreislauf-Problemen und Muskelversagen führen kann. Zudem warnen Experten vor mikrobiologischen und chemischen Risiken, durch ungeklärte Abwässer, landwirtschaftliche Verschmutzung und Toxine durch Blaualgen.

„In diesem Jahr sind ungewöhnlich viele Menschen in Deutschland ertrunken. Das hat vor allem mit Leichtsinn zu tun und nichts mit der Wasserqualität“, sagt Rinke. „In die meisten unserer Seen kann man ohne Bedenken hereinspringen“, ergänzt Hans-Peter Grossart, der am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zu Mikroorganismen forscht. Über 90 Prozent der 2000 offiziellen deutschen Badegewässer sind von der EU als „gut“ oder „ausgezeichnet“ bewertet worden. Aber „in großen Fließgewässern ist es wirklich keine gute Idee“, sagt Rinke. 2021 wurden nur acht Prozent der deutschen Flüsse und Bäche als in einem „guten“ oder „sehr guten“ ökologischen Zustand eingestuft.

Badegewässerqualität in Deutschland

Auf dieser interaktiven Karte der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) können Sie nachschauen, welche Wasserqualität die Badeseen in Ihrer Nähe haben. Offizielle Empfehlung des UBA: Badende sollten ausschließlich in den hier aufgeführten Badegewässern schwimmen. Nur an diesen offiziellen Stellen werde die hygienische Qualität von den Bundesländern während der Badesaison regelmäßig überwacht. Für deutsche Flüsse gibt es eine Karte vom Umweltbundesamt (UBA), auf der ihr ökologisches Potenzial im Jahr 2022 bewertet wurde.

Samstag an der Lech in Augsburg

Wild Swimming boomt: Immer mehr Menschen baden in Flüssen, Bächen und Seen. Doch wie sicher ist das? © Jana Stäbener

Krankheitserreger im Fluss: Wie der Klimawandel sich darauf auswirkt

„Ich würde niemals auf die Idee kommen, in Elbe, Weser oder Rhein zu baden“, sagt Rinke der Frankfurter Rundschau. Auch Grossart ist bei Flüssen in großen Städten „immer extrem vorsichtig“, denn in sie fließen große Mengen an Abwasser samt Fäkalkeimen. „Die Kläranlagen filtern das Wasser zwar, aber niemals zu 100 Prozent.“ Selbst bei den besten Kläranlagen blieben Schadstoffe und krankheitserregende Bakterien wie E. coli zurück. Beim Trinkwasser werde durch Ozonierung und Aktivkohle nachgeholfen, aber bei normalem Abwasser aus der Kläranlage geschehe das nicht.

„Wir finden in Flüssen eine ganze Menge pathogener Bakterien und Antibiotikaresistenzen.“ Diese können über Verschlucken oder offene Wunden in den Körper gelangen. Gefährlich wird die Abwasserbelastung bei Starkregen, weil die Kanäle überlaufen und noch ungeklärtes Abwasser hinzukommt, oder extremem Niedrigwasser, denn dann verdünnt sich das Gemisch nicht. Der Rhein habe aktuell sehr wenig Wasser und eine hohe Temperatur, warnt Grossart. „Wenn Abwasser weiter in gewohnter Menge eingeleitet wird, konzentrieren sich Nähr- und Schadstoffe sowie Krankheitserreger im Fluss. Durch die Klimaveränderung verschärft sich das Problem massiv“, sagt Grossart.

„Ich würde niemals auf die Idee kommen, in Elbe, Weser oder Rhein zu baden.“

In der Ostsee seien aktuell mancherorts erhöhte Konzentrationen von Vibrionen gemessen worden. Zu dieser Bakteriengruppe gehörten auch fleischfressende Bakterien (Vibrio vulnificus), die bereits zu Todesfällen geführt hätten. „Die Ostsee ist leider eines der am meisten verschmutzten Meere. Bei hohen Temperaturen können diese Bakterien gerade in Ufernähe extrem gut wachsen. Wer Vorerkrankungen hat oder immungeschwächt ist, sollte sich vor dem Baden genau informieren.“

Die Wärme habe noch weitere Folgen. Sie sorge dafür, dass sich Süßwasserquallen mittlerweile auch in Deutschland verbreiten, denn sie benötigten Wassertemperaturen von über 25 Grad Celsius, um sich fortzupflanzen. „Für Badende sind diese Quallen harmlos und sehen eigentlich ganz hübsch aus. Aber als invasive Art greifen sie natürlich in das Ökosystem ein.“

„Durch die Klimaveränderung verschärft sich das Problem mit konzentrierten Krankheitserregern massiv.“

Die Katastrophe an der Oder 2022 habe gezeigt, wie schnell ein System kippen könne, sagt Grossart. Damals landete aufgrund des Kohleabbaus in Polen viel Salz im Fluss. Wegen der extremen Hitze und des niedrigen Wasserstandes stieg die Salinität drastisch an. Das führte dazu, dass sich eine Brackwasseralge schlagartig vermehrte und hochwirksame Toxine produzierte. „Diese Gifte haben den gesamten Fluss vergiftet und fast alle höheren Tiere getötet.“ Auch Cyanobakterienblüten vermehrten sich bei Wärme und hohen Nährstoffgehalten schneller.

Unsere Autorin war vor kurzem selbst in der Lech in Augsburg baden.

Unsere Autorin war vor kurzem selbst in der Lech in Augsburg baden. © Jana Stäbener

Hitzewellen sorgen für mehr Bakterienwachstum – „ein klarer und ernst zu nehmender Trend“

Rinke verweist darauf, dass sich in der Abwasserwirtschaft viel Positives getan habe, weshalb er nicht glaubt, dass Flüsse und Seen immer verseuchter werden. „Tendenziell war die Belastung in der Vergangenheit eher höher“, sagt er der Frankfurter Rundschau. Aber er bestätigt, dass die Hitzewellen „eine deutliche Zunahme an Cyanobakterien in Seen, Talsperren und gestauten Fließgewässern (z. B. Mosel) erzeugen. Das ist ein klarer und ernst zu nehmender Trend.“

Blaualgen bilden Gifte, die sich auf Leber, Nervensystem und Haut auswirken. „Wer viel Wasser schluckt, wie Kleinkinder, hat ein ernsthaftes Risiko. Tiere sterben regelmäßig, wenn sie dieses Wasser trinken“, sagt Rinke. Bedauerlicherweise würden Blaualgen auf der interaktiven Karte der Gesundheitsämter nicht erfasst, sondern nur im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Dort zeige sich: „Es gibt viele EU-Badestellen mit ausgezeichneter (hygienischer) Qualität und gleichzeitigem regelmäßigen Aufkommen von Cyanobakterien“. Auch Correctiv hatte darüber schon berichtet.

Das Gute sei, dass man Cyanobakterien im Gegensatz zu anderen an den grünen Algenschichten an der Oberfläche erkennen könne. „Wenn das Wasser trüb ist, deutet das auf viel organisches Material hin“, sagt Grossart. „Dann steigt das Risiko für Krankheitserreger im Wasser.“ Um die Trübheit zu prüfen, ließen Limnologen wie er eine schwarz-weiße Secchi-Scheibe an einer Schnur ins Wasser und vermerkten, wie lange sie sichtbar bleibt. Rinkes und Grossarts Faustregel: „Wenn Sie im hüfttiefen Wasser stehen und Ihre eigenen Füße nicht mehr sehen, ist das kein gutes Zeichen. Wenn Sie sie sehen, können Sie losschwimmen.“ (Quellen: eigene Recherche, BBC, UBA)