Francos Erbe trifft Maricarmen: Warum eine 87-Jährige ihre Wohnung in Madrid verliert

Stand: 03.10.2026, 12:40 Uhr

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Eine Demonstrantin hält in Barcelona ein Plakat mit dem Foto von Maricarmen Abascal.

Eine Demonstrantin hält in Barcelona ein Plakat mit dem Foto von Maricarmen Abascal, die in Madrid aus ihrer Wohnung vertrieben wurde. © Matteo Secci/dpa

Der Fall um die 87 Jahre alte Maricarmen Abascal, die ihre Wohnung verliert, entfacht Spaniens Mietdebatte neu - und nährt Falschbehauptungen.

In ganz Spanien protestieren Tausende Menschen, nachdem die Behörden Maricarmen Abascal aus ihrer Wohnung in Madrid geräumt haben. Maricarmen ist 87 Jahre alt und hatte mehr als 70 Jahre in der Wohnung gelebt. Bilder, auf denen die Polizei sie auf einer Trage aus der Wohnung bringt, haben den Rechtsstreit in ein Symbol für Wohnungsaktivisten verwandelt und die Diskussion über Mieterrechte neu entfacht.

Demonstranten zogen durch Madrid, schlugen am Platz Puerta del Sol ein Protestcamp auf und organisierten Kundgebungen in weiteren spanischen Städten. Sie nutzen den Fall Maricarmen, um gegen die breitere Wohnungsnot zu protestieren: steigende Mieten und ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum schüren die Sorge, dass sich viele Mieter das Leben in den Großstädten nicht mehr leisten können und in die Peripherie oder in prekäre Verhältnisse gedrängt werden.

Der Fall hat sich zu einer hochpolitischen Debatte entwickelt. Sie befeuert zahlreiche falsche, irreführende und gezielt geschnittene Behauptungen, die vor allem in sozialen Netzwerken kursieren und die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts beeinflussen. Faktenprüfer und Medien versuchen, die Lage einzuordnen und die zentralen juristischen und politischen Aspekte herauszuarbeiten.

Rechtliche Grundlagen der Zwangsräumung

Eine der prominentesten Behauptungen im Netz lautet, die Räumung Maricarmens sei „illegal“ gewesen. Das stimmt nicht. Gerichte hatten die Räumung nach einem mehrjährigen Streit über einen geschützten Mietvertrag aus den 1950er Jahren genehmigt. Sie erfolgte auf Grundlage eines gültigen Gerichtsbeschlusses, trotz heftiger Kritik seitens Aktivisten und Teilen der Öffentlichkeit, die das Urteil als unmenschlich empfinden.

Ursprünglich hatte Maricarmens Vater den Mietvertrag. Später ging er auf ihre Mutter über und schließlich auf Maricarmen selbst. Die Gerichte hielten fest, dass diese zweite Übertragung nur für zwei Jahre gelten durfte, es sei denn, Maricarmen hätte eine anerkannte Behinderung von mehr als 65 Prozent. Bei ihr sind 50 Prozent anerkannt, weshalb die Richter entschieden, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für eine längere Schutzfrist nicht erfüllt seien.

Der Oberste Gerichtshof Spaniens bestätigte die Position der Eigentümer. Damit war die alte, geschützte Miete rechtlich ausgelaufen und die Firma durfte die Wohnung zurückfordern. Die Räumung war nach geltendem Recht zulässig, auch wenn Kritiker argumentieren, dass die Gesetzeslage sozial ungerecht sei und den Schutz älterer, verwundbarer Mieterinnen und Mieter nicht ausreichend gewährleiste.

Historische Ungleichheiten und Gerechtigkeitsdebatte

Entgegen manchen irreführenden Schlagzeilen geht es den Demonstranten nicht darum, ob die Räumung rechtlich zulässig war, sondern ob sie als gerecht empfunden wird und ob das Mietrecht ausreichend Rücksicht auf historische Ungleichheiten nimmt. Ein Grund dafür liegt in den Gesetzen der Diktatur von Francisco Franco, unter denen verheiratete Frauen zentrale Rechte verloren.

Verheiratete Frauen durften damals Finanzverträge oder Mietverträge nicht eigenständig unterschreiben und waren rechtlich stark von ihren Ehemännern abhängig. Maricarmens Mutter konnte den Mietvertrag nach dem Tod ihres Mannes nur durch gesetzliche Nachfolge übernehmen. Wäre sie von Beginn an Mitinhaberin oder Mitunterzeichnerin gewesen, hätte Maricarmens Übernahme des Vertrags als erste Nachfolge gegolten.

Dann wäre ihr Wohnrecht lebenslang geschützt gewesen, was nach Ansicht vieler Aktivisten zeigt, wie historische Diskriminierung heute noch konkrete soziale Folgen hat. Die Demonstranten verweisen zudem darauf, dass Maricarmen 87 Jahre alt ist, seit mehr als sieben Jahrzehnten in der Wohnung lebt und ihre geschützte Miete weiter bezahlt hat, sodass ihre Verwurzelung im Viertel besonders stark sei.

Mietpreise, Vulnerabilität und politische Forderungen

Nach dem Ende des alten Mietverhältnisses schlug die Hausverwaltung Urbagestión eine neue Miete von rund 1.650 Euro im Monat vor – deutlich mehr als die bisher etwa 440 bis 500 Euro. Ihre Rente liegt bei rund 1.350 Euro. Damit hätte eine langjährige, vulnerable Mieterin die Wohnung verlassen müssen, weil sie sich die neue Miete nicht leisten kann und faktisch aus ihrem Lebensumfeld verdrängt würde.

Die Protestbewegung fordert besseren Schutz vor Zwangsräumungen für vulnerable Mieter, längere oder automatisch verlängerte Mietverträge und strengere Begrenzungen für Mieterhöhungen, um abrupte Kostenexplosionen zu verhindern. Einige Gruppen verlangen außerdem schärfere Regeln gegen spekulative Wohnungspraktiken und einen stärkeren staatlichen Eingriff in den Mietmarkt, etwa durch Mietobergrenzen in angespannten Gebieten.

Sie drängen das Parlament nun, neue Schutzmechanismen für Mieter und längere Vertragslaufzeiten zu verabschieden, damit Fälle wie der von Maricarmen künftig seltener werden. Gleichzeitig hoffen Aktivisten, dass der öffentliche Druck Regierungen auf nationaler und regionaler Ebene zu umfassenderen Reformen des Wohnungsmarkts bewegt.

Rolle der Mietergewerkschaft und der Eigentümerseite

Im Netz kursiert zudem die Behauptung, die Sindicato de Inquilinas, Spaniens größte Mietergewerkschaft, habe verhindert, dass Maricarmen vor der Räumung eine Einigung mit der Eigentümerseite erzielt. Urbagestión erklärt, die Gewerkschaft habe direkte Kontakte zu Maricarmen erschwert und Verhandlungen blockiert, indem sie als Zwischeninstanz auftrat.

Deren Anwalt sagt dagegen, die Firma habe wiederholte Versuche einer Verhandlung abgelehnt und sei nicht auf Kompromissvorschläge eingegangen. Urbagestión wirft Beteiligten an dem Konflikt zudem Nötigung, Erpressung sowie das Ausspähen von Telefonen und E-Mail-Konten vor, doch das Unternehmen legte für diese Vorwürfe keine Belege vor – jedenfalls nicht in den Unterlagen, die Faktenprüfer wie das spanische Portal Maldita.es auswerteten.

Eine weitere irreführende Darstellung stammt von einem gekürzten Video mit Maricarmen selbst. In dem Ausschnitt scheint sie ausdrücklich den linken Ministerpräsidenten Pedro Sánchez für ihre Lage verantwortlich zu machen, was in bestimmten politischen Lagern verbreitet wurde. Im vollständigen Interview nennt sie jedoch weitere Namen: Sie kritisiert auch Madrids Regionspräsidentin Isabel Díaz Ayuso, Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida – beide von der rechtsgerichteten Partido Popular – sowie Urbagestión.

Manipulierte Clips und falsche Identitäten

Der Clip nutzt also ein echtes Zitat, blendet aber den Kontext ihrer Antwort aus und erweckt so den Eindruck, Maricarmen mache nur Sánchez verantwortlich. Eine separate Falschbehauptung betrifft zwei Demonstranten namens „Irene und Pablo“, die bei einem Protestcamp auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid mit elDiario.es sprachen. Einige Nutzer sozialer Netzwerke behaupteten, bei ihnen handle es sich um Pablo Iglesias, den früheren Vorsitzenden der linksradikalen Partei Podemos, und die Europaabgeordnete Irene Montero aus derselben Partei.

Ein Blick in den Artikel zeigt jedoch schnell: Es handelt sich um eine 28-jährige Frau und einen 37-jährigen Mann, die lediglich als Aktivisten auftreten. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie die genannten Politiker sind oder in deren Namen handeln. Der Fall illustriert, wie Bilder und kurze Clips online aus dem Kontext gerissen und mit falschen Behauptungen verknüpft werden, um politische Stimmungen zu schüren.

Neue Vereinbarung und offene politische Fragen

Maricarmen hat inzwischen einer Vereinbarung zugestimmt, die ihr erlaubt, nach dem Krankenhausaufenthalt in die Wohnung zurückzukehren. Nach der neuen Regelung zahlt sie etwa 500 Euro im Monat, höchstens 30 Prozent ihres Einkommens, wodurch ihre finanzielle Belastung begrenzt wird. Es entsteht damit ein neuer Mietvertrag, das Gerichtsurteil, das ihre alte, geschützte Miete beendete, bleibt jedoch bestehen und dient weiterhin als Präzedenzfall.

Die spanische Regierung hat Maßnahmen vorgeschlagen, die Kündigungsschutz und die Laufzeiten von Mietverträgen ausweiten sollen, etwa durch längere Mindestvertragsdauern und zusätzliche Auflagen vor Zwangsräumungen. Das Parlament muss ihnen jedoch noch zustimmen. Deshalb setzen die Demonstranten ihre Kampagne fort, drängen Politiker auf die Annahme dieser Maßnahmen und fordern umfassendere Reformen des spanischen Wohnungsmarkts, um soziale Härten künftig besser abzufedern. (Dieser Artikel von Leticia Batista Cabanas entstand in Kooperation mit Euronews)