Publiziert23. August 2026, 14:05
Neue Import-Regeln«Für viele Schweizer Weinbauern ist das Überleben kaum möglich»
Weinpapst Philipp Schwander bezeichnet die geplante Neuverteilung der Importkontingente als «Schildbürgerstreich». Schweizer Produzenten mit Absatzproblemen sollten lieber besseren Wein machen. Der Zürcher Winzer Philibert Frick widerspricht ihm vehement.

Darum gehts
- Der Bund plant, Importkontingente für ausländischen Wein künftig an die Verarbeitung Schweizer Trauben zu koppeln.
- Weinpapst Philipp Schwander kritisiert die Neuregelung als «Schildbürgerstreich» und fordert stattdessen bessere Qualität von den betroffenen Produzenten.
- Der Zürcher Winzer Philibert Frick widerspricht: Grosse Importeure erzielten heute Margen von 200 Prozent und mehr, während Schweizer Winzer mit Verlust verkauften.
Die Welt trinkt weniger Wein – und auch Schweizer Produzenten kämpfen mit sinkender Nachfrage. Der Bund will deshalb die Importkontingente für ausländischen Wein neu organisieren.
Dagegen läuft der Zürcher Weinhändler und «Master of Wine» Philipp Schwander Sturm. Gute Schweizer Produzenten hätten keine Absatzprobleme. Schwander sieht die Ursache vielmehr bei einem Teil der Produzenten.
Der Zürcher Winzer Philibert Frick widerspricht. Er setzt sich nach eigenen Angaben für die Interessen mehrerer Hundert Winzer und Sympathisanten im Raum Zürich ein und befürwortet die geplante Neuordnung grundsätzlich.
Das soll sich beim Wein-Import ändern
Künftig soll der Zugang zu den günstigen Importkontingenten davon abhängen, wie viele Schweizer Trauben ein Betrieb zukauft und keltert. Heute werden die Kontingente nach dem Prinzip «first come, first served» vergeben. Rund 2100 Personen und Unternehmen importierten 2025 Wein innerhalb des Kontingents. Mit der geplanten Regelung wären laut Bundesamt für Landwirtschaft noch rund 500 Akteure direkt kontingentsberechtigt.
Herr Frick, was läuft beim heutigen System aus Ihrer Sicht falsch?
Wein ist eines der am wenigsten geschützten Schweizer Lebensmittelprodukte. Die Schweiz liegt auf Platz drei der Rangliste der Länder mit den niedrigsten Zollgebühren und Einfuhrtaxen für Wein weltweit. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Lage für viele Schweizer Weinbauern schwierig. Seit Monaten verkaufen kleine wie grosse Produzenten zu Verlust. Auf der anderen Seite können grosse Mengen ausländischen Weins innerhalb des Zollkontingents zu sehr tiefen Zollansätzen importiert werden. Für die meisten Schweizer Weinbauern ist das Überleben kaum möglich.
Wer profitiert denn vom heutigen System?
In erster Linie die Grosshändler, welche Importeure sind. Gerade günstige Weine können in grossen Mengen innerhalb des Kontingents zu sehr tiefen Zöllen eingeführt und anschliessend mit hohen Margen von 200 Prozent und mehr verkauft werden. Das heutige System bevorteilt damit jene, die importieren, während die Schweizer Produzenten unter enormem wirtschaftlichem Druck stehen.

Wie soll es den Schweizer Winzern helfen, wenn Importrechte künftig an die Verarbeitung Schweizer Trauben gekoppelt werden?
Entscheidend ist nicht unbedingt, dass dadurch sofort mehr Schweizer Wein verkauft wird. Entscheidend ist, dass die Nachfrage nach Schweizer Trauben steigt. Wer vom günstigen Importkontingent profitieren will, soll auch einen Beitrag zur einheimischen Produktion leisten und Schweizer Trauben kaufen und verarbeiten. Davon profitieren die Traubenproduzenten direkt.
Bedeutet das nicht einfach, dass die Händler für ihren Import künftig zusätzlich Schweizer Trauben oder Wein kaufen müssen?
Die Händler werden möglicherweise auf einen Teil ihrer bisherigen Margen verzichten müssen. Sie können aber weiterhin ausländischen Wein importieren. Wer keinen Zugang zum Kontingent erhält, kann ausserhalb des Kontingents importieren und bezahlt entsprechend höhere Zölle. Es geht also nicht darum, Importe zu verbieten.

Philipp Schwander warnt davor, dass künftig wenige grosse Kellereien die Importrechte kontrollieren könnten und andere Händler von ihnen abhängig würden. Hat er recht?
Diese Angst ist verständlich. Ich halte sie aber nicht für einen Grund, die Änderung abzulehnen. Gerade deshalb müssen wir dafür sorgen, dass auch kleinere Weinbauern überleben können. Ich vertraue darauf, dass das Bundesamt für Landwirtschaft bei der definitiven Ausgestaltung Mechanismen vorsieht, die eine zu starke Konzentration verhindern.
Schwander sagt, Produzenten mit Absatzproblemen müssten besseren Wein herstellen, statt den Importhandel stärker zu regulieren.
Diese Aussage ist absolut unkorrekt und faktisch falsch. Die Schweizer Produzenten stehen unter einem enormen Konkurrenz- und Preisdruck durch Importweine. Zu behaupten, die betroffenen Weinbauern müssten einfach besseren Wein machen, wird der Realität nicht gerecht.

Was steht für die Schweizer Winzer auf dem Spiel?
Es geht auch um die Zukunft unserer Rebflächen. Wenn immer mehr Betriebe aufgeben müssen, verschwinden nicht einfach nur Produzenten. Dann stellt sich auch die Frage, wer für die Aufgabe und Pflege dieser Rebflächen und den Landschaftsunterhalt aufkommt. Deshalb ist ein funktionierender Schweizer Weinbau letztlich auch im Interesse der Konsumentinnen und Steuerzahler.
Worauf achtest du beim Kauf einer Flasche Wein?
Mir ist wichtig, dass er aus der Schweiz stammt.
Der Preis ist für mich das entscheidende Kriterium.
Ich achte vor allem auf die Qualität und die Rebsorte.
Ich lasse mich meistens von Empfehlungen leiten.
Ich kaufe die Flasche mit dem schönsten Etikett.
Ich kaufe selten Wein und kenne mich daher nicht aus.
Wie würde sich der Schweizer Weinstandort innert einem Jahr verändern, wenn die Verordnung vom Bundesrat angenommen wird?
Das lässt sich heute nicht abschliessend benennen und wäre reine Spekulation. Entscheidend ist für mich, dass wir die Rahmenbedingungen so verändern, dass Schweizer Trauben wieder stärker nachgefragt werden und die Produzenten eine wirtschaftliche Perspektive haben.

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.
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