Kann man im Gazastreifen noch von einer Waffenruhe sprechen?

Gaza-Friedensplan Auslandsredaktorin: «Unnötig menschenunwürdige Zustände in Gaza»

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Im Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen protestieren die Vermittlerstaaten. Katar, Ägypten und die Türkei schreiben, Israel müsse das Völkerrecht und die Bedingungen des Waffenruheabkommens einhalten. Israel hatte unter anderem Zelte im Gazastreifen bombardiert. Die Vermittler fordern dringend einen umfassenden Schutz der Zivilbevölkerung, der medizinischen Einrichtungen und der Helfer. SRF-Auslandsredaktorin Susanne Brunner sagt, warum es trotz angeblicher Waffenruhe ständig zu Gewalt kommt.

Susanne Brunner

Leiterin Auslandsredaktion von Radio SRF

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Susanne Brunner leitet die Auslandredaktion von Radio SRF. Das zirka 20-köpfige Team setzt Radiobeiträge aus allen Weltregionen um – und sie hält die Fäden zusammen.

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Was sagen die Palästinenserinnen und Palästinenser vor Ort?

Was die Bevölkerung und Hilfswerke im Gazastreifen sagen, widerspricht diametral dem, was US-Präsident Trump verkündet. Es habe in den letzten neun Monaten kaum einen Tag ohne Angriffe mit Toten und Verletzten gegeben, sagen sie. Die Zahl der Getöteten im Gazastreifen erreicht laut den palästinensischen Gesundheitsbehörden seit Beginn der sogenannten Waffenruhe inzwischen über 1200 – das heisst im Schnitt vier getötete Personen pro Tag seit letztem Oktober. Die allermeisten kamen bei israelischen Bombardierungen oder Angriffen ums Leben. Darunter sind die Mehrheit Zivilistinnen und Zivilisten– beziehungsweise bleibt die israelische Armee den Beweis schuldig, dass es sich bei allen Getöteten um Terroristen gehandelt hat.

Was steht im Gazastreifen überhaupt noch?

Nach dem Hamas-Angriff auf Israel vor bald drei Jahren gab sich die israelische Armee noch Mühe, ihre mutmasslichen Ziele zu erklären und sie tötete auch Drahtzieher des Hamas-Angriffs. Im Laufe der Zeit wurden die Begründungen für Angriffe immer schwammiger. Meist sagt die israelische Armee nur noch, sie habe auf diesen oder jenen Terroristen gezielt oder da habe sich ein Waffenlager befunden. Der grösste Teil der Gebäude im Gazastreifen ist aber schon lange zerstört oder beschädigt worden. Die Menschen leben in Zelten oder in den Ruinen ihrer Häuser.

Weshalb setzt Israel seine Angriffe fort?

Man muss sich fragen, inwieweit solche Angriffe der Sicherheit Israels dienen. Im Moment herrscht eine Patt-Situation: Die Hamas sagt, Israel müsse zuerst mit seinen Angriffen aufhören und seine Armee aus dem Gazastreifen zurückziehen. Israel hingegen sagt, die Hamas müsse zuerst ihre Waffen niederlegen, erst dann könne man über einen Fortschritt bei dieser «Waffenruhe» reden.

Hat die Zivilbevölkerung im Gazastreifen die Möglichkeit zu fliehen?

Einige schaffen es, die horrenden Beträge zu bezahlen, welche die ägyptischen Behörden für eine Ausreise nach Ägypten verlangen. In Israel sind Klagen vor dem Höchsten Gericht hängig, die verlangen, das 18'000 Kranke oder Schwerverletzte aus dem Gazastreifen zur medizinischen Behandlung ausreisen dürfen – aber das Gericht verschiebt die Anhörungen zu solchen Klagen immer wieder. Für die meisten Menschen ist eine Ausreise schlicht nicht möglich.

Wieso wird überhaupt noch von einer Waffenruhe gesprochen?

Ich frage mich oft, ob wir als Journalistinnen und Journalisten den Begriff Waffenruhe unter diesen Umständen verwenden sollten. Zu rechtfertigen ist er nur im Vergleich mit der Situation vor dem vergangenen Oktober. Damals hörten die Bombardierungen gar nie auf. Im Vergleich zu damals ist die Situation im Gazastreifen tatsächlich wie eine Waffenruhe. Aber der grosse Erfolg, von dem Präsident Trump gerne spricht, ist das für die Zivilbevölkerung sicher nicht. Da leben zwei Millionen Menschen auf 30 bis 40 Prozent der Fläche, auf der sie vorher lebten, in unnötig menschenunwürdigen Zuständen.

Mehrere Menschen umgeben von Zelten und schlammigem Boden.
Legende:

Israel hat in der Nacht auf Samstag ein Medikamentenlager in der Nähe eines Zeltlagers bombardiert.

Reuters / Mahmoud Issa

Rendez-vous, 4.8.2026, 12:30 Uhr ;  srf/bitd;schc;wyss