„Sehr alkalisch“: Warum die Staubwolke von 9/11 noch heute Tausende krank macht

Giftige Staubwolke, bleibende Schäden: Womit Überlebende des 11. September bis heute kämpfen

Stand: 15.09.2026, 14:13 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

25 Jahre nach 9/11 leiden über 154.000 Menschen an Spätfolgen der Staubwolke. Neue Daten zeigen: Mehr als 57.000 Krebsfälle sind offiziell anerkannt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor 25 Jahren leiden Tausende weiterhin unter langfristigen Gesundheitsproblemen. Forschende nehmen an, dass sie mit den Umweltschadstoffen zusammenhängen könnten, die sie infolge der Tragödie eingeatmet haben. Die gesundheitlichen Folgen der massiven Wolke aus giftigem Staub, die Lower Manhattan einhüllte, treten bis heute zutage und geben Fachleuten Anlass zur Sorge über die Langzeitfolgen der Exposition gegenüber diesen Schadstoffen.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel von Kara Dolman und Anthony Murray entstand in Kooperation mit newsweek.com

Forschende der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stellten in einem Überblick fest, dass viele der Menschen, die der Verschmutzung ausgesetzt waren, im Laufe der Zeit mehrere Erkrankungen entwickelt haben, darunter Krebs, Atemwegserkrankungen, gastroösophageale Refluxkrankheit und psychische Störungen. Die anhaltende Zunahme dieser Krankheitsbilder zeigt, dass die gesundheitliche Belastung der Betroffenen weit über die unmittelbaren Folgen der Anschläge hinausreicht.

Archivbild von Ground Zero kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001

25 Jahre nach 9/11 leiden über 154.000 Menschen an Spätfolgen der Staubwolke. Neue Daten zeigen: Mehr als 57.000 Krebsfälle sind offiziell anerkannt. © IMAGO / Levine-Roberts

Die Übersichtsarbeit wurde am 10. September im Fachjournal JAMA veröffentlicht. Sie fasst umfangreiche Daten aus dem World Trade Center Health Program und anderen Quellen zusammen und gibt einen Überblick über die wichtigsten gesundheitlichen Entwicklungen bei Einsatzkräften und Überlebenden der Anschläge seit 2001.

Spätfolgen und Umfang der gesundheitlichen Schäden

Die Forschenden erklärten außerdem, dass eine Reihe dieser Gesundheitsprobleme erst Jahre nach der Exposition auftreten können, „was die Bedeutung einer langfristigen klinischen Überwachung und Forschung unterstreicht, um die sich entwickelnden Gesundheitsbedürfnisse der 9/11-Bevölkerung zu adressieren“. Verzögerte Krankheitsverläufe erschweren die Zuordnung zur ursprünglichen Belastung und machen strukturierte Nachsorgeprogramme besonders wichtig.

Laut jüngst veröffentlichten Daten des World Trade Center Health Program sind mehr als 9400 Menschen an Krankheiten gestorben, die im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 11. September stehen. Während der Anschläge selbst wurden insgesamt 2977 Menschen getötet, darunter Passagiere der Flugzeuge, Zivilisten und Ersthelfer: dazu gehörten 2753 Menschen in Manhattan, 184 Menschen am Pentagon und 40 Passagiere und Besatzungsmitglieder von United-Airlines-Flug 93, der in einem Feld bei Shanksville im US-Bundesstaat Pennsylvania abstürzte.

Daten des WTC Health Program zeigen zudem, dass rund 57.000 Krebsdiagnosen im Zusammenhang mit 9/11 offiziell anerkannt worden sind. Diese Zahlen verdeutlichen, in welchem Ausmaß sich die Gesundheitsfolgen im Laufe der Zeit manifestiert haben und wie groß die betroffene Bevölkerungsgruppe inzwischen ist.

Reaktionen von Behörden und Medien

Newsweek hat die CDC per E-Mail um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort der Behörde könnte weitere Einblicke in laufende Forschungsarbeiten und geplante Maßnahmen zur langfristigen Betreuung der Betroffenen liefern und damit auch politische Entscheidungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit beeinflussen.

Was die Studie ergab

Das CDC-Team stellte fest, dass 25 Jahre nach den Anschlägen mehr als 154.000 Einsatzkräfte und Überlebende (Stand: Juni 2026) im WTC Health Program eingeschrieben sind, das medizinische Überwachung und Behandlung von 9/11-bedingten Gesundheitsproblemen ohne Eigenbeteiligung anbietet. Dieses Programm bildet das Rückgrat der strukturierten medizinischen Versorgung für Menschen, die direkt von den Ereignissen betroffen waren.

Die Zahl der Eingeschriebenen im Programm stieg seit 2012 jährlich im Schnitt um mehr als 6500 Personen. Dies weist darauf hin, dass sich neue Fälle teilweise erst Jahre später zeigen oder Betroffene sich erst mit zeitlichem Abstand zu den Anschlägen registrieren lassen, wenn Symptome auftreten oder sich verschlimmern.

Die Forschenden berichteten, dass Personen, die direkt den Anschlägen ausgesetzt waren, häufiger chronische Erkrankungen aufweisen und eine schlechtere gesundheitsbezogene Lebensqualität haben als die Allgemeinbevölkerung. Diese Unterschiede bleiben auch dann bestehen, wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt werden, was auf einen eigenständigen Effekt der Schadstoffexposition hindeutet.

Mehr Belastung für Gesundheitswesen und Betroffene

Zudem sind bei ihnen vermehrt Behinderungen zu beobachten, die klinische Versorgung ist komplexer, und es kommt zu einem höheren Verbrauch von Gesundheitsleistungen sowie höheren Kosten. Diese zusätzlichen Belastungen betreffen nicht nur die unmittelbar Erkrankten, sondern auch das Gesundheitssystem insgesamt und machen langfristige Finanzierungs- und Versorgungsstrategien erforderlich.

Was im giftigen Staub steckte

Laut früheren Untersuchungen der CDC enthielt die Staubwolke, die sich nach dem Einsturz der Türme bildete, eine Mischung von für den Menschen schädlichen Giftstoffen, darunter Asbest, Blei, zermahlener Zement, Glasfasern, Benzol und weitere Substanzen. Diese Kombination aus anorganischen Partikeln, Metallen und organischen Verbindungen machte die Exposition besonders gefährlich und schwer vorhersehbar.

Die Forschenden erklärten, dass die Verbrennung von Flugbenzin und der Gebäudeeinsturz Tausende Tonnen an Feinstaub und flüchtigen organischen Verbindungen in die Luft freisetzten. Diese Stoffe verteilten sich über den unmittelbaren Ground-Zero-Bereich hinaus und konnten je nach Wetterlage und Gebäudestruktur auch in Innenräume eindringen.

Ein Großteil des Materials verblieb an der Unglücksstelle und bildete Ground Zero, einen sechsstöckigen Haufen aus rauchenden Trümmern, der über mehr als drei Monate hinweg immer wieder brannte. In dieser Zeit waren Einsatzkräfte und Anwohner wiederholt Rauch, Dämpfen und Staub ausgesetzt, häufig ohne ausreichende Schutzausrüstung oder genaue Kenntnis der Risiken.

Bekannte Gefahrenstoffe und ihre Folgen

Die Internationale Agentur für Krebsforschung stuft alle Formen von Asbest als krebserregend für den Menschen ein. Asbest verursacht Mesotheliom, eine Krebsart, die sich im schützenden Gewebe um die Lunge bildet, sowie Krebs der Lunge, des Kehlkopfs und der Eierstöcke, und das Risiko steigt mit Dauer und Intensität der Exposition deutlich an.

Blei kann derweil mehrere Körpersysteme schädigen und war nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2023 weltweit für mehr als 3,5 Millionen Todesfälle verantwortlich, vor allem infolge kardiovaskulärer Auswirkungen. Langfristige Bleibelastungen können außerdem das Nervensystem beeinträchtigen und zu Entwicklungsstörungen bei Kindern führen.

Zahlreiche Studien haben zudem einen Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung und verschiedenen Gesundheitsproblemen wie Lungen- und Herzkrankheiten, Asthma, Atemwegsbeschwerden und anderen Erkrankungen festgestellt, wie die US-Umweltschutzbehörde berichtet. Eine langanhaltende Belastung durch flüchtige organische Verbindungen in der Luft kann darüber hinaus zu Schäden an verschiedenen Organen führen und möglicherweise bestimmte Krebsarten begünstigen.

Warum dieser Staub besonders schädlich war

Jacqueline Moline, Professorin an den Feinstein Institutes for Medical Research, die an der Studie nicht beteiligt war, sagte Newsweek, dass eines der Probleme bei dieser Stoffkombination darin bestand, dass der Staub „sehr alkalisch“ war und daher „tief in das Gewebe“ des Körpers eindringen konnte. Die physikalisch-chemischen Eigenschaften der Partikel trugen somit wesentlich zur Aggressivität der Exposition bei.

„Die Menschen atmeten das ein, und es führte zu sofortigen Reaktionen – einige hatten Probleme mit ihren Nasennebenhöhlen, der Nase, dem Rachen und den Lungen infolge der Reizung durch den Staub“, sagte sie. Bereits kurz nach den Anschlägen klagten viele Betroffene über Husten, Atemnot und brennende Schleimhäute, was ein erstes Warnsignal für die Schädlichkeit der Luft war.

Diese Reizung habe dazu geführt, dass Menschen „Probleme mit den Nebenhöhlen entwickelten, eine chronische Reizung in der Nase hatten und an einer gastroösophagealen Refluxkrankheit litten, weil sie Schleim herunterschluckten oder weil sie den Staub eingeatmet hatten, der in die Speiseröhre gelangte und dort zu schwerer Reizung führte“. Für viele wurde damit aus einer akuten Belastung eine dauerhafte Verschlechterung ihres Gesundheitszustands.

Langanhaltende Krankheiten und Krebserkrankungen

Bei anderen, so Moline, könne sich Asthma entwickelt haben oder es sei zu Vernarbungen der Lunge gekommen, und sie fügte hinzu, dass einige Menschen infolge der Schädigungen ihres Körpers sogar eine Lungentransplantation benötigten. Mit der Zeit begannen bei nachweislich dem Staub ausgesetzten Personen vermehrt Krebserkrankungen aufzutreten, insbesondere Blutkrebserkrankungen, erklärte Moline.

Sie fügte hinzu, dass sich die gesundheitlichen Auswirkungen bei den Betroffenen unterschieden, je nach individueller Reaktion ihres Körpers, der Menge des eingeatmeten Staubs und der spezifischen Zusammensetzung der Partikel, denen sie ausgesetzt waren. Dies erschwert pauschale Risikoabschätzungen und macht eine individuelle ärztliche Beurteilung notwendig.

Schlüsse aus den neuen Erkenntnissen

Die CDC-Forschenden erklärten, dass die anhaltenden gesundheitlichen Folgen bei Einsatzkräften und Überlebenden zeigen, warum Katastrophenhilfen nicht enden dürfen, sobald die unmittelbare Bergung abgeschlossen ist. Die medizinische und psychologische Betreuung muss langfristig geplant werden, um auch spät einsetzende Erkrankungen zu erfassen und angemessen behandeln zu können.

Stattdessen, so die Forschenden, seien eine langfristige Überwachung und koordinierte Versorgungssysteme unerlässlich, um neue Gesundheitsprobleme zu identifizieren und betroffene Bevölkerungsgruppen im Laufe der Zeit zu unterstützen. Solche Strukturen könnten zugleich als Modell für den Umgang mit künftigen Großschadensereignissen dienen, bei denen Umweltgifte eine Rolle spielen.

Moline sagte außerdem, die langfristigen Auswirkungen der Anschläge vom 11. September auf die öffentliche Gesundheit hätten gezeigt, dass „medizinische Überwachung nach großangelegten Vorfällen entscheidend ist, um nicht nur zu verstehen, welche Folgen diese Katastrophen haben, sondern auch Signale zu erkennen, um zu wissen, wonach man suchen muss und künftig besser reagieren zu können“. Frühzeitige Datenerhebung und Transparenz seien daher wesentliche Lehren aus dieser Tragödie.

Online-Portal zu Luftqualität an Ground Zero

Die Behörden der Stadt New York haben am Dienstag eine durchsuchbare Online-Datenbank freigeschaltet, die rund 170.000 Seiten mit Unterlagen verschiedener städtischer Stellen enthält, darunter Berichte zur Luftqualität, Gesundheitsunterlagen und anderes Material zum Umgang mit den Folgen der Anschläge. Diese digitale Sammlung soll Forschenden, Betroffenen und der breiten Öffentlichkeit einen zentralen Zugang zu historischen Dokumenten bieten.

Mit Verweis auf einen Mangel an Transparenz rund um die Anschläge und deren langfristige gesundheitliche und ökologische Folgen erklärten Stadtvertreter, das Portal solle der Öffentlichkeit einen besseren Zugang zu Unterlagen über die Reaktion der Stadt ermöglichen. Die Verantwortlichen hoffen, dass so auch das Vertrauen in staatliche Institutionen gestärkt und die Aufarbeitung der Vergangenheit erleichtert wird.

Die Verantwortlichen kündigten an, in den kommenden Monaten fortlaufend weitere Dokumente in das Portal einzupflegen, und wiesen darauf hin, dass der Haushalt von Bürgermeister Zohran Mamdani für das Haushaltsjahr 2027 Mittel in Höhe von 34 Millionen US-Dollar zur Einrichtung und Pflege der Plattform vorsieht. Damit soll sichergestellt werden, dass die Datenbank dauerhaft betrieben und regelmäßig aktualisiert werden kann.

Politische Verantwortung und öffentlicher Druck

Bei einer Pressekonferenz am Dienstag sagte Mamdani: „Viel zu lange mussten New Yorker um Zugang zu Unterlagen kämpfen, die ihnen von vornherein hätten zur Verfügung stehen müssen. Dieses Portal ist Teil des dauerhaften Engagements unserer Verwaltung, derer zu gedenken, die wir verloren haben, für diejenigen zu sorgen, die mit anhaltenden gesundheitlichen Folgen leben, und Tausenden New Yorkern die Antworten zu geben, nach denen sie gefragt haben.“ Seine Worte zielten auch auf eine Neubewertung früherer Entscheidungen und Informationspolitiken.

Der Komiker Jon Stewart, ein langjähriger Fürsprecher für 9/11-Ersthelfer, die durch die Exposition gegenüber Giftstoffen an Ground Zero krank wurden, stand am Dienstag bei der Pressekonferenz an Mamdanis Seite und kritisierte Beamte wegen der Luftqualitätsprobleme kurz nach den Anschlägen von 2001. Stewart hatte sich wiederholt öffentlich dafür eingesetzt, dass Betroffene Entschädigungen und eine dauerhafte medizinische Versorgung erhalten.

Der demokratische Abgeordnete Jerry Nadler, der seinen New Yorker Wahlkreis während der Terroranschläge vertrat, begrüßte den Schritt des Bürgermeisters und sagte: „Die Veröffentlichung der Unterlagen des Rathauses zum Umgang mit den Folgen von 9/11 ist eine längst überfällige Aufarbeitung. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich, die wir Ground Zero und die umliegenden Gemeinden vertraten, warnten lokale und bundesstaatliche Behörden umgehend vor den Gesundheitsrisiken, die von den Giftstoffen in der Luft ausgingen. Unsere Warnungen wurden nicht beachtet, und nun wissen wir und die Öffentlichkeit, dass das Rathaus unter der Führung des damaligen Bürgermeisters Giuliani voraussagte, dass Tausende Einsatzkräfte und Anwohner langfristig verheerende Gesundheitsschäden durch diese Giftstoffe erleiden würden.“

Was in der Datenbank enthalten ist

Eine Vielzahl von Berichten zur Luftqualität, Kontaminationsprotokollen und Schriftwechseln zwischen städtischen Angestellten zeigt, dass Gesundheitsbehörden noch mindestens zehn Monate nach den Anschlägen Beweise für Asbest fanden. Diese Funde widersprechen dem Eindruck, die Gefahr sei bereits kurz nach dem Ereignis gebannt gewesen.

Zuvor hatten Beamte die New Yorker Bevölkerung mehrfach versichert, dass die Luft in und um Ground Zero sicher zum Atmen sei. Diese Beschwichtigungen stehen nun verstärkt in der Kritik, da immer mehr Dokumente auf anhaltende Bedenken und interne Warnungen hinweisen.

Die Datenbank enthält außerdem das sogenannte Harding-Memo, ein internes Dokument, das 2001 an den damaligen stellvertretenden Bürgermeister Robert Harding geschickt wurde und sich kurz nach 9/11 mit der möglichen Haftung der Stadt für Ansprüche wegen toxischer Exposition befasste, sowie Unterlagen zu Umweltuntersuchungen, Aufräumarbeiten und der Wiedereröffnung von Lower Manhattan. Diese Dokumente sollen helfen nachzuvollziehen, welche Risiken bekannt waren und wie die Behörden darauf reagierten.

Das Portal umfasst zudem Unterlagen, die im Rahmen eines Vergleichs zur Beilegung zweier von 9/11 Health Watch angestrengter Klagen veröffentlicht wurden, womit ein jahrelanger Rechtsstreit um den Zugang zu den Dokumenten beendet wurde. Für Betroffene und ihre Vertretungen ist dies ein wichtiger Schritt hin zu mehr Klarheit und Anerkennung ihres Leidenswegs.