„Big Four“ Beratungsfirma hält grünen Stahl aus Deutschland für nicht konkurrenzfähig

Die Beratungsfirma PwC hält grünen Stahl aus Deutschland für nicht konkurrenzfähig. Gewerkschaftskreise warnen vor einer Aufgabe der Produktion.

ein Reiter vor einer Industrieanlagen am Rhein
Ungewisse Zukunft: Hüttenwerke Krupp-Mannesmann in Duisburg

Foto: Jochen Tack/imago

Simon Poelchau

Regelt es der Markt, könnte es in 10, 15 Jahren keine mitteleuropäische Rohstahlproduktion mehr geben. „Für Mitteleuropa zeigt sich in keinem Szenario die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Primärstahlproduktion“, schreibt die Beratungsfirma PWC in einer am Montag veröffentlichen Studie. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Stahl klimafreundlich mit Wasserstoff oder traditionell mit Kohle erzeugt wird. Insbesondere in Indien und der Golfregion seien die Wettbewerbsvorteile bei Energie- und Rohstoffpreisen zu hoch.

Allein in Skandinavien soll künftig eine konkurrenzfähige grüne Stahlproduktion möglich sein. PWC legt deshalb nahe, die energieintensive Rohstahlproduktion ins Ausland auszulagern. Lediglich in der „wissensintensiven“ Weiterverarbeitung und der Stahlgewinnung aus Schrott sieht die Beratungsfirma eine wettbewerbsfähige Zukunft. Gewerkschaftskreise warnen allerdings davor, den Standort aufzugeben.

Dass die Stahlindustrie schon länger in der Krise steckt, ist unbestritten. Weltweit herrschen Überkapazitäten, weil die Autobauer in der Krise sind, fehlt die heimische Nachfrage. Seit dem Jahr 2008 gingen in der europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Jobs verloren. Weitere Entlassungen drohen. Neue EU-Schutzzölle sollen die hiesige Produktion vor billiger Konkurrenz aus China, Indien und der Türkei schützen.

Die Beratungsfirma PWC geht davon aus, dass die traditionelle Produktionstechnik mit Kohle-Hochöfen im Vergleich zu anderen Verfahren nicht mehr preislich konkurrenzfähig ist. Dies liegt nicht nur am steigenden CO₂-Preis, mit dem die EU Anreize zur Emissionsreduzierung schaffen will. „Schon heute existieren Primärstahlkapazitäten, beispielsweise in den Golfstaaten, die günstiger und emissionsärmer produzieren können als die europäische Industrie“, heißt es in der Studie.

Neuer Stahl-Hotspot Oman

Als Beispiel nennt PWC die Sonderwirtschaftszone Duqm im Oman. Dort errichtet der indische Stahlkonzern Jindal derzeit gleich mehrere moderne Direktreduktionsanlagen mit einer Kapazität von fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Sie sollen Anfang nächsten Jahres in Betrieb gehen und zunächst mit omanischen Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben werden, der ebenfalls kostengünstig im sonnenreichen südarabischen Land produziert werden kann.

Gleichzeitig stockt in Mitteleuropa die Transformation der Stahlproduktion. „Von den angekündigten europäischen Green-Steel-Projekten ist annähernd die Hälfte bereits verschoben, gestoppt oder im Umfang reduziert worden“, schreibt PWC. ArcelorMittal habe seine Transformationspläne für die Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig aufgegeben und zugesagte Fördermittel in Milliardenhöhe verfallen lassen, Thyssenkrupp hat die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für seine Duisburger Direktreduktionsanlage ausgesetzt und bewegt sich nach eigener Aussage „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“.

Die IG Metall warnt jedoch vor einem Ende der Rohstahlproduktion. „Als bedeutende Grundstoffindustrie liefert die Stahlbranche unverzichtbare Inputs für nachgelagerte Sektoren, insbesondere Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie“, erklärt ein Sprecher der Industriegewerkschaft. Rund zwei Drittel der Industriearbeitsplätze in Deutschland entfielen auf stahlintensive Branchen.

Der Ökonom Patrick Kaczmarczyk hält ein Aus der heimischen Stahlproduktion ebenfalls für gefährlich. Er warnt davor, dass viele neue, grüne Stahlanlagen derzeit wie im Oman in der Region rund um die Straße von Hormus entstehen. Weil diese im Zuge des Irankrieges gesperrt ist, sind in den vergangenen Monaten die Spritpreise massiv angestiegen. „Projekte in Oman mögen zwar außerhalb dieser Meerenge liegen, doch die Route durch das Rote Meer hat sich durch die Huthi-Angriffe ebenfalls als störanfällig erwiesen“, warnt deshalb Kaczmarczyk im Gespräch mit der taz vor möglichen künftigen Stahl-Lieferengpässen.

50 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust

Der Ökonom hat zusammen mit Tom Krebs in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung berechnet, dass der deutschen Wirtschaft bei einem globalen „Stahlschock“ ohne nennenswerte eigene Produktion ein Wertschöpfungsverlust von bis zu 50 Milliarden Euro droht.

Im Gegensatz zur Beratungsfirma PWC hält er den Aufbau einer wettbewerbsfähigen grünen Rohstahlproduktion in Mitteleuropa für durchaus realistisch – wenn der Staat seine Hausaufgaben macht und bei der Transformation unterstützt: „Mit industriepolitischen Eingriffen wie einem Industriestrompreis von 50 Euro je Megawattstunde, einem Wasserstoffpreis von 120 Euro je Megawattstunde und einer Investitionsförderung von 50 Prozent liegen die Herstellungskosten grünen Primärstahls auch in Deutschland auf einem wettbewerbsfähigen Niveau“, so Kaczmarczyk.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Klimademonstrant:innen mit Plakaten.

Lobbyisten im Wirtschaftsministerium

Nur die Meinung der Energiekonzerne zählt

Das Wirtschaftsministerium spricht über die EU-Methanverordnung zum Klimaschutz nur mit der Gas-Branche. Umweltverbände finden kein Gehör.

Von Anja Krüger

Präsident Roosevelt bei der Einweihung einer Baustelle

Antworten auf Wirtschaftskrise

Bin-nen-nach-fra-ge!

Kommentar von Simon Poelchau

Sozialkürzungen und Stellenabbau sollen die deutsche Wirtschaft retten. Besser wäre es, vom „New Deal“ Franklin D. Roosevelts zu lernen.

Demonstration von Stahlarbeitern, die mit roten Flaggen und orangefarbener Arbeitskleidung ein großes Banner in der Hand halten, das aber nicht im Bild ist

Transformation der Stahlindustrie

Grüner Stahl ist hart, aber schutzbedürftig

Der Staat solle die Produktion klimafreundlichen Stahls besser unterstützen. Das fordern gewerkschaftsnahe Ökonomen in einer neuen Studie.

Von Hannes Koch

zollverein Essen

16. - 20. August 2026

Bochum und Essen - grünes Ruhrgebiet

mit taz-Autor Holger Pauler

  • Eine Kurzreise in das veränderte Ruhrgebiet: Kultur und Medien statt Kohle und Stahl, Energiewende und ökologischer Umbau, u.a. Renaturierung der Emscher
  • 820 € (DZ/HP/ohne Anreise)
  • mit 4 Übernachtungen im Holiday Inn Express Hotel Bochum
  • Veranstalter: Ventus-Reisen

Mehr erfahren

0 Kommentare