Globalfoundries-Europachef Horstmann: Dresden hat Platz für drei weitere Chipfabriken

„Das hat viele sicherlich überrascht“, sagte Tim Breen, Vorstandsvorsitzender von Globalfoundries, am Rande einer Konferenz in München. Dabei hatte er vor allem die Börse im Blick. Denn während dieser Tage die Kurse der Aktien von Chip- und KI-Unternehmen unter Druck gerieten, legte der Preis für einen Anteilsschein von Globalfoundries zu. „Der Markt sieht, wir brauchen die zusätzlichen Kapazitäten.“ Die bestehenden Fabriken in Dresden, Singapur und dem US-Bundesstaat New York seien voll ausgelastet.

Bei Globalfoundries geht es nun Schlag auf Schlag. Vor acht Tagen beging der US-Chiphersteller das Richtfest für den Neubau der 1,1 Milliarden Euro hohen Investitionen in die jüngsten Fabrikteile seines Halbleiterwerkes in Dresden. Gleichzeitig verkündete der Vorstand den Einstieg in eine neue Technologie-Plattform und die Fertigung neuartiger KI-fähiger Chips. Diese Woche nun kündigte der Vorstand den Bau von zwei Fabriken in Malta im Bundesstaat New York an. Kostenpunkt: 21 Milliarden Dollar.

„Ein sehr interessantes Konstrukt“

Über die kommenden Jahre werden die Kapazitäten weiter deutlich nach oben geschraubt. Das Werk Dresden wird Globalfoundries in der ersten von zwei anvisierten Ausbaustufen um fast die Hälfte erweitern. Die Fertigung in der Fabrik in Singapur ist gerade erst aufgestockt und voll angefahren worden. Die Kapazitäten nahe der Konzernzentrale am Standort in Malta im US-Bundesstaat New York wird der Vorstand bis Ende des Jahrzehnts auf rund eine Million Chip-Siliziumwafer nahezu verdreifachen.

„Europa sollte sich gerade dieses Vorhaben genau ansehen“, sagt Manfred Horstmann. Denn es sei ein „sehr interessantes Konstrukt“. Dann weist der Chef der europäischen Fertigungsstätten des amerikanischen Halbleiterkonzerns auf die Besonderheit des Projektes hin. Beide geplanten Fabriken in Amerika sollen rund eine Milliarde Dollar aus den Förderprogrammen des US-Chips-Act erhalten; beide neuen Fabriken werden vor allem aber mit jeweils zehn Milliarden Dollar über die japanische Regierung finanziert.

Blick auf das Werk samt der Baustelle für die neue Fertigungslinie des Chipherstellers Globalfoundries in Dresden
Blick auf das Werk samt der Baustelle für die neue Fertigungslinie des Chipherstellers Globalfoundries in DresdenGF

Während das US-Handelsministerium ein Aktienpaket von vier Prozent an Globalfoundries übernimmt, bucht Tokio sein Engagement im Rahmen der bilateralen Handelsverträge ab. Hatten beide Länder im Sommer vergangenen Jahres doch ein strategisches Abkommen geschlossen. Während sich Japan zu Investitionen in Amerika im Umfang von 550 Milliarden Dollar verpflichtete, sicherte Washington im Rahmen seiner Zollpolitik zu, Einfuhren aus Japan lediglich mit einem einheitlichen Basiszoll von 15 Prozent zu belasten.

Nachdem die Japaner in zwei ersten Tranchen rund 110 Milliarden Dollar in die US-Infrastruktur der Energie- und Rohstoffindustrie steckten, engagieren sie sich nun in Amerikas Chipbranche. Versucht Washington doch mit einem industriepolitischen Programm bis 2030 seine Kapazitäten für die heimische Chipfertigung von derzeit zehn Prozent mindestens zu verdoppeln. Das gleiche Ziel hat Europa auch. Während Brüssel mit seinem Chips Act das angepeilte Ziel aller Voraussicht nach wohl aber verfehlen wird, liegt Washington im Plan.

Amerika im Vorteil

Die Vereinigten Staaten zogen in den vergangenen drei Jahren umgerechnet mehr als 500 Milliarden Euro öffentliche und private Investitionen für ihre heimische Halbleiterindustrie an, Europa schaffte es auf rund 50 Milliarden Euro. In Europa wurde seit 2023 ein rundes Dutzend Fabriken neu- oder ausgebaut, in Amerika sind es mittlerweile knapp hundert Neu- und Erweiterungsbauten. Die US-Chipindustrie erlöst im Jahr in etwa 400 Milliarden Euro, die Branche in Europa weniger als 100 Milliarden Euro.

Globalfoundries war im Jahr 2009 als Ausgründung der Halbleiterfertigung des Chipkonzerns AMD entstanden, ist heute auf beiden Seiten des Atlantiks aktiv und hier wie dort einer der wichtigen Anbieter. Der Konzern arbeitet als Auftragsfertiger. Das heißt: Er produziert Chips quasi maßgeschneidert und nach den genauen Vorgaben seiner Kunden. Das Chipwerk in Dresden arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre und ist samt eigener Kraftwerke und Chemielager eines der größten in Europa.

Seit der Ausgründung aus dem AMD-Konzern im Jahr 2009 investierte Globalfoundries zehn Milliarden Euro allein in den Standort Dresden. Das Unternehmen machte mehrere Erweiterungen, spult gerade das „Sprint“ genannte aktuelle Bauprogramm ab und hat die Pläne für die nächste Ausbauphase schon in der Schublade. In zwei Jahren könnte es losgehen. „Wir haben in Dresden immer noch Platz für drei weitere Chipfabriken“, sagt Horstmann.

Blick auf die Globalfoundries-Fabrik in Malta/New York
Blick auf die Globalfoundries-Fabrik in Malta/New YorkAP

Derzeit hat das Dresdner Werk eine Kapazität von knapp einer Million Wafern, jenen pizzagroßen silbern glänzenden Siliziumscheiben, auf denen in Hunderten komplizierten Arbeitsschritten und wochenlangen Prozessen Tausende kleiner Mikrochips aufgetragen werden. Mit dem derzeitigen Investitions- und Ausbauprogramm wird der Sprung über die Eine-Million-Wafer-Hürde erfolgen. Globalfoundries will hier spezielle Chips für besondere KI-Anwendungen in der Industrie oder bei Robotern fertigen.

Dabei setzt es auf eine mit Partnern entwickelte Technologie, den sogenannten FDX-Fusion-Prozess. Er baut auf einem sehr dünn verspannten Siliziumfilm auf, in dem winzigste Schalter gebaut werden. Die Technologie war vor zehn Jahren mit europäischen Partnern aus der Taufe gehoben worden. Heute lassen sich damit bis zu zweieinhalbmal mehr Transistoren auf einem kleinen Stück Silizium unterbringen als bisher. Horstmann spricht von bis zu 14 Millionen Transistoren, auf einer Fläche von einem Quadratmillimeter.

Die erste Generation der FDX-Fusion-Chiptechnologie wird in Dresden gefertigt. Sie soll eine digitale Leistung im Bereich der sogenannten Sieben-Nanometer-Klasse haben. „Damit erreichen wir eine hinreichende Dichte für intelligente Chips, die etwa für KI-Anwendungen verschiedenster Art verwendet werden können“, sagt Horstmann. Darüber hinaus gewinnt Europa damit auch den Einstieg in jene komplizierten Chiptechnologien, die für die Entwicklung von KI-Systemen entscheidend sind.

Anders als viele Konkurrenten setzt Globalfoundries weniger auf Chips, die in den großen KI-Datenzentren eingesetzt werden, sondern auf Chips, die KI direkt in Robotern, in Drohnen, Weltraumsatelliten oder in automatisierten Produktionsanlagen der Industrie steuern. Eine spezielle Architektur macht es möglich, dass die kleinen elektronischen Bausteine bei höherer Leistung, Taktfrequenz und Arbeitsgeschwindigkeit bis zu ein Drittel weniger Energie als bislang vergleichbare Chips verbrauchen.

„Wir sind in Dresden die Ersten in Europa, die das anbieten“, sagt Horstmann. Und seine Erwartungen? „Wir erwarten, dass physical AI, also Roboter und dergleichen, völlig neue Anwendungen erschließt.“ Anders als bei den Datenzentren, deren Technologie und Ausstattung von Anbietern aus Asien und Amerika dominiert werde, sei auf diesem Feld noch alles möglich. Hier habe Europa noch Chancen, vorn mitzuspielen. Nur gehe es bei der Entwicklung jetzt Schlag auf Schlag.