Stand: 04.08.2026, 20:59 Uhr
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800 Besucher bestaunten in der Stadthalle Weilheim Weltall-Projektionen von Philipp Geist, Musik – und den Vortrag von Harald Lesch, der bei „Umlaufbahnen – Immersiv” auch spontane Anekdoten einstreute.
Weilheim – Harald Lesch ist ein Zuschauer-Magnet, auch in Weilheim. Die Kreisstadt wurde – bei der zweiten Auflage des Polling-zentrierten „Leschs Merlin-Festival“ – heuer erstmals einbezogen. 800 Besucher erfreuten sich am Samstagabend an einer Entführung in die ISS (International Space Station). Die Atmosphäre der Internationalen Raumstation wurde intensiv fasslich, sowohl durch einen Lesetext als auch durch Weltall-Projektionen auf Wänden und Decke.
Vom schwitzigen Besucherstau im gewitterfeuchten Eingangsbereich ging’s hinein in die Stadthalle, die tatsächlich leicht gekühlt war. Und bald wurde ein weiterer Vorzug der Sanierung offenbar: Die seitdem hell gehaltenen Decken- und Seitenpaneele eignen sich hervorragend, eine Rundum-Projektion zu gestalten, welche die Leinwand hinter der Bühne rundherum erweitert und zum 3D-Erlebnis werden lässt. Beim Abend „Umlaufbahnen – Immersiv” schaffte es der Berlinisch-Weilheimer Lichtkünstler Philipp Geist mühelos, ein Abtauchen in andere Sphären in die Köpfe zu zaubern. Zunächst schienen kleine, helle Plättchen zu zerbrechen und über die Saalwände zu rieseln, vielleicht als Symbol, ab jetzt den Alltag zu verlassen.
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Behilflich waren dabei Harald Lesch und Samantha Harvey. Der Astrophysiker las Auszüge aus „Umlaufbahnen“, dem 2023 erschienen Buch der britischen Autorin, das diese mutig an der Grenze zwischen Wissenschaft und Unterhaltungsroman ansiedelt und das ihr 2024 die Literatur-Auszeichnung „Booker Prize“ einbrachte. Harvey hat einige Strecken rein psychologisch angelegt und führt diese mitfühlend aus: Widerstreitende Empfindungen von totaler Einsamkeit, von familiärer Verbindung mit den Mitfliegenden, von sehnendem Verlangen nach der Erde als Mutter.
Lesch trug mit seiner bekannt timbrierten Stimme vor, war aber deutlich unterhaltsamer als bei seinen Einsprechern fürs Fernsehen. Das lag zum einen daran, dass er Zitate verschiedener Raumfahrer beisteuerte, wobei er auch jene aus der östlichen Hemisphäre häufig berücksichtigte – DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn zitierte er zur allgemeinen Heiterkeit sogar in makellosem „Säggsisch“. Zum zweiten streute Lesch spontane Sottisen und eigene Anekdoten ein, wie jene, dass er sich 1969 – mithin im zarten Alter von nur neun Jahren – tatsächlich bei der NASA um eine Position als Astronaut beworben hatte.
Viel Raum für Umweltschutz
Durch die intensiven Passagen von Samantha Harvey konnte man sich die Routine an Bord der ISS vorstellen wie auch, dank der Ergänzungen von Lesch, die dort wohl herrschende dicke Luft und das Verlieren des Zeitgefühls. Für’s schwebende Feeling in der Stadthalle sorgten Philipp Geists Projektionen der kreisenden Erde sowie Alexandra Grubers meist sanft-meditative Zwischenspiele an der Soloklarinette. Nur ganz zu Beginn sowie am Ende gesellte sich Leonhard Kohler am Fagott hinzu.
Neben der Raumfahrer-Psychologie flocht Lesch ganz deutlich auch emotionale Botschaften ein: „Ja! Die Amerikaner waren am Mond!“, haute er einmal gebieterisch und laut heraus. Auch der Umweltschutz bekam viel Raum, und oft wurde die Zerbrechlichkeit der Erde – des „Little blue Dot“, des kleinen blauen Punktes – mit Raumfahrer-Zitaten hinterlegt.
Etwas mehr Relativierung hätte man sich beim Vorlesen von Harveys Beschreibungen von umgekippten Gewässern gewünscht, die teils aus dem All sichtbar seien, und woran „die Politiker“ schuld seien. Diese Reduzierung auf die Destruktivkraft der Politik war arg holzschnittartig, wie andererseits die Anekdote über die ISS ins Schwarze traf, dass sich die Raumfahrer trotzig weigern, ihre Toiletten nach „russisch“ und „westlich“ zu trennen. Insgesamt ein Abend mit stimmiger Atmosphäre und mit vielen neuen Einblicken.