Hauke Haien wird zum Klima-Märtyrer

Stand: 23.09.2026, 08:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Der Schimmelreiter - Hauke Haien (Max Hubacher), wie man ihn aus Theodor Storms Novelle kennt: als Schimmelreiter auf dem nordfriesischen Deich.

Der Schimmelreiter - Hauke Haien (Max Hubacher), wie man ihn aus Theodor Storms Novelle kennt: als Schimmelreiter auf dem nordfriesischen Deich. © ZDF/Anke Neugebauer

Mensch gegen Naturgewalt: Regisseurin Francis Meletzky und Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer verlegen Theodor Storms Novelle von 1888 in die Gegenwart und machen den Deichgrafen Hauke Haien zum Klima- und Küstenschützer, der mit seinen Visionen bei den Dorfbewohnern auf Gegenwehr stößt.

Für viele Schüler, vor allem im Norden, dürfte Theodor Storms Novelle von 1888 zur Pflichtlektüre gehören. Viermal wurde sie filmisch adaptiert, das erste Mal 1934, das letzte Mal Anfang dieses Jahres. Am Freitag ist „Der Schimmelreiter“ erstmals auch im Free-TV bei ARTE zu sehen.

Der Schimmelreiter - Seine Frau Elke (Olga von Luckwald) ist neben ihrer Tante die einzige, die Hauke Haiens (Max Hubacher) Visionen mitträgt. Dass er die Menschen, die sie schon ihr ganzes Leben kennt, so belügt, missfällt ihr jedoch.

Der Schimmelreiter - Seine Frau Elke (Olga von Luckwald) ist neben ihrer Tante die einzige, die Hauke Haiens (Max Hubacher) Visionen mitträgt. Dass er die Menschen, die sie schon ihr ganzes Leben kennt, so belügt, missfällt ihr jedoch. © ZDF/Anke Neugebauer

Storms Geschichte handelt vom ehrgeizigen Hauke Haien, der sich bis zum Deichgrafen hocharbeitet und mit seinen visionären Ideen die abergläubischen Dorfbewohner gegen sich aufbringt. Als er einem Fremden einen abgemagerten Schimmel abkauft, halten sie ihn für einen Verbündeten des Teufels, denn sie glauben, dass das Tier eben noch als Skelett auf dem Meeresgrund lag.

Hauke möchte einen neuen Deich bauen, da der alte Schwachstellen hat. Doch sein Widersacher Ole Peters verhindert das. Dann die Katastrophe: Bei einer Sturmflut brechen die Deiche, Haukes Frau Elke und Tochter Wienke ertrinken. Hauke reitet daraufhin ins Meer und in den Tod.

Mensch gegen Natur

Mensch gegen Natur: Es ist ein uralter Konflikt und wiederkehrendes Motiv in der Kunst. Die Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer und Regisseurin Francis Meletzky verlegen die Novelle in die Gegenwart. Zur Sorge um den Schutz der nordfriesischen Bevölkerung vor Sturmfluten kommt nun die vor dem steigenden Meeresspiegel hinzu und macht Storms regionales zum globalen Problem. An sich eine gute Idee, doch gut gedacht ist nicht immer gut gemacht.

Nach dem Tod seines Schwiegervaters wird Hauke (Max Urbacher) nicht nur neuer Deichgraf, sondern auch Direktor des Küstenschutzes. Er möchte die erste Deichlinie rückbauen und die zweite kontrolliert fluten, um einen größeren Puffer zwischen Meer und Bewohnern zu gewinnen. Doch die Menschen wollen ihr Land und ihre Häuser nicht aufgeben. Angeheizt durch Ole (Nico Holonics), der hier Petersen heißt und nicht nur Bauunternehmer, sondern auch Bürgermeister ist, tun sie Haukes Sorge als Hysterie ab.

Haukes Frau Elke (Olga von Luckwald) und ihre Patentante, die Landrätin Janne Manners (Annette Frier), sind die einzigen, die seine Vision vom modernen Küstenschutz unterstützen. Was die Dörfler nicht ahnen: Es gibt noch eine zweite Phase in Haukes Planung, und die sieht ihre komplette Umsiedlung vor. Sie sollen über dem Wasser in Stelzenhäusern leben - „amphibisches Wohnen“ nennt Hauke das. Und er findet, man müsse die Leute „gegen ihren Willen retten“ - „für Wienke“, für die nächste Generation.

Pädagogischer Zeigefinger

Das kommt dann doch reichlich pathetisch, konstruiert und mit dem pädagogischen Zeigefinger daher. Wie so einiges in dem Film. Da hört man Stimmen aus Nachrichtensendungen, die das Ende der Zivilisation durch den Klimawandel prophezeien, dazu Bilder von Flutkatastrophen. Hier der gutmeinende Hauke, da der böse Ole, der selbst Geschäfte hinter und auf dem Rücken der Leute plant. Das hat man in ARD-Küstenkrimis schon überzeugender gesehen.

Dazu bedeutungsschwangere Symbolik: Bedrohliche dunkle Wolken und Wellen, immer wieder die Beine eines Pferdes am Meeresgrund. Ist es das erwachende Gerippe? Denn irgendwann steht tatsächlich ein weißer Gaul auf dem Deich vor Hauke und macht ihn zum titelgebenden Schimmelreiter.

Dass man ohne Pathos und Symbolik, sogar ohne das ansteigende Meer zu zeigen, die Bedrohung körperlich spürbar machen kann, zeigte zuletzt Thomas Vinterberg in seiner sehenswerten Miniserie „Families Like Ours“. Darin kündigt die dänische Regierung an, das Land aufgrund des steigenden Meeresspiegels überfluten zu lassen - die Bewohner eines der reichsten Länder der Welt werden zu Flüchtlingen. „Bei vielen Dänen löste die Serie große Angst aus, was ich gar nicht erreichen wollte“, sagt Vinterberg. „Ich wollte die Menschen zum Fühlen und Nachdenken bringen“ - was ihm weitaus besser gelang als den Macherinnen von „Der Schimmelreiter“. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)