Herbstdiagnose zur deutschen Wirtschaft: Kein Aufatmen auf lange Sicht

Eine Walze die die Arbeitsagentur symbolisiert

Die Prognose steigt, doch Aufschwung bleibt schwach. Kapitalstock und Industrie zeigen tiefe Risse. Ein Kapitel bringt dabei einen hartnäckigen Mythos zu Fall.

Wer verstehen will, was eine Konjunkturprognose sagt, muss wissen, wer sie bestellt hat. Die 153. Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute entsteht im Dienstleistungsauftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, und zwar aus gutem Grund: Die Bundesregierung braucht eine begutachtete Prognose als Grundlage ihrer Haushaltsplanung.

Die Diagnose ist damit ein Kontrollmechanismus, der die Steuerschätzungen der Regierung überprüft. Rund 50 bis 60 Wissenschaftler arbeiten daran mit.

Die Geschichte hinter den Zahlen

Doch eine Wirtschaftsprognose besteht nicht nur aus Zahlen. Sie braucht auch eine Interpretation. Geraldine Dany-Knedlik, Leiterin der Abteilung Konjunkturprognosen am DIW Berlin, spricht von "der Geschichte, die eben eine Wirtschaftsprognose erzählen möchte".

Genau darum geht es hier: um ein Narrativ. Welche Geschichte erzählt die Herbstdiagnose mit dem Titel "Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen"? Und welche erzählt sie nicht?

Was die Diagnose sagt: Aufschwung, aber schwach

Die deutsche Wirtschaftsleistung hat in den vergangenen drei Quartalen zugelegt und liegt erstmals wieder über dem Niveau vor der Energiepreiskrise 2022. Für dieses Jahr erwarten die Institute ein BIP-Plus von 1,3 Prozent, für 2027 von 1,1 Prozent, für 2028 von nur noch 0,4 Prozent. Gegenüber dem Frühjahrsgutachten sind die Zahlen deutlich angehoben.

Die Autoren selbst bezeichnen den Aufschwung als schwach: Energiepreise dämpfen ihn, und das Potenzialwachstum bleibt demografiebedingt gering.

Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar 2026 ist auch die Inflation gestiegen, von 1,9 Prozent im Februar auf 2,9 Prozent im August, getrieben von den Energiepreisen. Die Kapazitätsauslastung, so die Diagnose, bleibt "ungewöhnlich niedrig" und spricht für zurückhaltende Unternehmensinvestitionen.

Der Kapitalstock schrumpft

Das Schwerpunktthema der Diagnose ist der Kapitalstock, nach der Arbeit der zweitwichtigste Produktionsfaktor. Er umfasst Bauten, Ausrüstungen, Nutztiere und -pflanzungen sowie geistiges Eigentum. Für die Potenzialschätzung nutzen die Institute das Verfahren MODEM.

Besonders drastisch ist die Entwicklung bei der Infrastruktur: Zwischen 1991 und 2025 ist die Substanzquote von 63,4 auf 53 Prozent gesunken, vor allem wegen des alternden Gebäudebestands. Viele Verkehrsbauten aus den 1960er- und 1970er-Jahren erreichen gerade das Ende ihrer Nutzungsdauer, die Infrastruktur ist mittlerweile zur Hälfte abgeschrieben. Dabei wären Infrastrukturinvestitionen nötig, um die Wirtschaft nachhaltig anzukurbeln.

Das Märchen vom Wachstumsmotor Rüstung

Die Diagnose widmet der Aufrüstungsfrage einen eigenen Exkurs, der interessanterweise in der Berichterstattung am wenigsten Platz bekam. Die Institute haben hier in der Frühjahrsdiagnose 2025 den Grundton gesetzt:

"Verteidigungsausgaben stellen eine Versicherungsprämie dar. Sie sollen gewährleisten, dass der hierzulande erwirtschaftete Wohlstand [...] nicht durch äußere Gewalt bzw. Gewaltandrohung enteignet wird."

Dieser Satz positioniert sich politisch, nämlich auf der Seite des Aufrüstungskurses, weil er Rüstung mit äußerer Sicherheit gleichsetzt. Dass die Gefahr stets von den anderen ausgeht und alle aufrüsten, ist ein Narrativ, das schon vor den beiden Weltkriegen bedient wurde.

Aber so weit die Diagnose auch beim politischen Ziel mitgeht, ökonomisch ist sie unmissverständlich. Verteidigungsausgaben sind kein Instrument der Wachstumspolitik. Sie bestehen aus konsumtiven Teilen, etwa dem Sold, und investiven, nämlich dem Aufbau eines Rüstungskapitalstocks. Der erhöht in den Folgeperioden lediglich den staatlichen Konsum, weil er abgeschrieben werden muss.

Die aktuelle Diagnose formuliert es auf Seite 74 deutlich:

"Der neu beschaffte Panzer in der neu gebauten Garage erhöht bis auf den bereits skizzierten Abschreibungseffekt nicht die Produktionsmöglichkeiten in der übrigen Gesamtwirtschaft. Er erhöht damit insbesondere auch nicht die Steuerbasis und die damit zusammenhängende Schuldentragfähigkeit."

Übrig bleiben allenfalls Forschung und Entwicklung. Doch die fallen größenmäßig kaum ins Gewicht und sind wegen Geheimhaltungspflichten und hochspezialisierter Anwendungsforschung kaum auf den zivilen Bereich übertragbar.

Die oft behaupteten großen Spillover-Effekte sind demnach eine Illusion. Dazu kommt: Die eingesetzten Ressourcen stehen nicht mehr für gegenwärtige und künftige Konsumgüter zur Verfügung, der konsumierbare Ertrag sinkt.

Das ist der Teil der Diagnose, der Schlagzeilen verdient hätte. Selbst die großen Wirtschaftsinstitute, die dem Aufrüstungskurs politisch nicht im Weg stehen, räumen jetzt mit der Erzählung auf, Rüstung diene dem wirtschaftlichen Wachstum.

Die Bombe tickt

Die Finanzierung ist der zweite Teil des Problems. Das Defizit des Staates liegt laut Diagnose bei 4,1 Prozent und steigt weiter. Es läuft Gefahr, mit dem EU-Regelwerk zu kollidieren, wenn die im März 2025 ins Grundgesetz aufgenommene nationale Ausweichklausel für Verteidigungsausgaben ausläuft.

Mehr Kreditfinanzierung beseitigt die reale Ressourcenknappheit nicht, sie verschiebt Verteilungskonflikte lediglich in die Zukunft und macht die Verteilungswirkung heutiger Entscheidungen intransparenter.

Nach Auslaufen des Infrastruktursondervermögens absorbieren die Zinsen einen Großteil der strukturellen Defizite. Schon 50 Basispunkte mehr bei den Zinsen könnten den verbleibenden Spielraum aufzehren. Der Konsolidierungsdruck steigt, der Spielraum für Krisenreaktionen schrumpft. Entscheidend sei nicht der Vergleich der Schuldenquote mit anderen Ländern, sondern dass der Staat auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleibt, ohne dass Anleger höhere Risikoprämien verlangen.

Kein Ende der Krise, sondern ein Aufschwung nach der Rezession

Die aktuelle Gemeinschaftsdiagnose sollte deshalb nicht so gelesen werden, als würde Deutschland nach Jahren der wirtschaftlichen Schwäche nun einfach auf einen neuen Wachstumspfad zurückkehren.

Die Institute selbst haben bereits im vergangenen Herbst eine deutlichere Sprache gewählt. In der Gemeinschaftsdiagnose vom September 2025 hieß es: "Deutschland befand sich in den vergangenen zwei Jahren in der Rezession." Gemeint waren die Jahre 2023 und 2024, in denen das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte. Zugleich betonten die Institute, eine breit angelegte Erholung sei nicht zu erwarten, weil "grundlegende strukturelle Schwächen" fortbestünden.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Die zweijährige Rezession ist nicht dasselbe wie die länger anhaltende Stagnations- und Strukturkrise. Eine Rezession beschreibt die konjunkturelle Entwicklung – in diesem Fall zwei Jahre mit rückläufiger Wirtschaftsleistung. Die tieferliegende Frage lautet dagegen, warum die deutsche Wirtschaft auch nach einem solchen Abschwung kaum noch auf einen kräftigen Wachstumspfad zurückfindet.

Das alternative Narrativ: Stagnation seit 2019

Hier setzt eine andere Erzählung an, das Memorandum 2026 der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, die seit 1975 gemeinsam mit Gewerkschaftern ein alternatives Wirtschaftsgutachten vorlegt. Es argumentiert, dass Deutschland nicht erst seit gestern in einer längerfristigen Stagnation steckt: Die reale Wirtschaftsleistung lag 2025 annähernd auf dem Niveau von 2019.

Besonders drastisch ist die Entwicklung der Industrie. Der Produktionsindex des Verarbeitenden Gewerbes fiel vom Höchststand im November 2017 bis zum vorläufigen Tiefpunkt im August 2025 um fast ein Fünftel. Die Autoren sprechen deshalb nicht mehr nur von einer Stagnationskrise, sondern von "einem Stück Deindustrialisierung". Auch 2025 schrumpfte die Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes noch einmal um 1,3 Prozent, die Zahl der Beschäftigten sank um 2,2 Prozent.

Hinzu kommt die Investitionsschwäche: Seit 2022 sind die Bruttoanlageinvestitionen Jahr für Jahr zurückgegangen, zuletzt 2025 noch einmal um 0,2 Prozent. Die Autoren sehen darin zwar erste Anzeichen einer möglichen Stabilisierung.

Die staatlichen Bruttoanlageinvestitionen legten 2025 sogar um 6,9 Prozent zu, während die privaten Investitionen weiter zurückgingen. Beim Außenhandel zeigt sich ebenfalls ein Bruch mit dem früheren deutschen Wachstumsmodell: In der Stagnationskrise war der Außenbeitrag – mit Ausnahme von 2021 – durchgehend negativ. 2025 drückte er das Wachstum um 1,5 Prozentpunkte.

Zwei Erzählungen, eine Frage

Die Gemeinschaftsdiagnose erzählt ihre Geschichte mit Zahlen, die sich besser lesen als ihre Wirklichkeit: höhere Prognose, aber schwaches Wachstum, das sich bis 2028 weiter abschwächt. Das Memorandum erzählt dagegen von sieben verlorenen Jahren, von einer Industrie in der Strukturkrise und Aktienkursen, die davon nichts wissen wollen.

Dass auch die Institute nun ausdrücklich festhalten, dass Panzer keine Produktionsmöglichkeiten schaffen, sollte die Debatte ehrlicher machen. Die Frage, wer am Ende die Rechnung zahlt, bleibt offen. Und mit ihr die Frage, welches Narrativ wir uns leisten wollen.